Summit #8: Gastfreundschaft heute!?

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Text: Kerstin König, Foto: Klaus Füner, 01.02.2019

Was bedeutet Gastfreundschaft heute? Welche architektonischen Antworten lassen sich darauf finden und wie viel gestalterischer Spielraum bleibt, wenn der Preis- und Verdrängungswettbewerb im Hotelbereich immer weiter zunimmt?

Wie wohnt der „digitale Nomade“ im Jahr 2052, der laut einer Fraunhofer Studie aus dem Jahr 2016 völlig transparent ist in Bezug auf seine Identität und Routinen, wie auch aktiv in einer virtuellen Welt mit Robotern und virtuellen Assistenten?

Welche Rolle spielt die Identität? Kann sie „sinnstiftender Motor“ sein durch die Gestaltung eines überzeugenden, authentisch wirkenden Ortes? 19 Planer, Architekten und Industrievertreter haben mit großer Leidenschaft auf unserem Summit „Hospitality“ auf Malta diese und weitere Fragen diskutiert, Thesen analysiert, Sachverhalte beschrieben. Lesen Sie in den vier großen Themenblöcken, welche Antworten sie gefunden haben.

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Was bedeutet Gastfreundschaft heute? Welche architektonischen Antworten lassen sich darauf finden und wie viel gestalterischer Spielraum bleibt, wenn der Preis- und Verdrängungswettbewerb im Hotelbereich immer weiter zunimmt?

Frank Zech, BFP Hotelbau
Alexander Mayer-Steudte, hms Architekten
Matthias Haber, Hild und K Architekten
Shabnam Djahanbakhsh, dormakaba

Google definiert Gastfreundschaft wie folgt: „Entgegenkommendes Verhalten gegenüber einem Gast, das in dessen freundlicher Aufnahme, Beherbergung (und der Gewährung von Schutz) zum Ausdruck kommt.“

Gastfreundschaft entspringt dem privaten Bereich und beruht darauf, dass man bereit ist, kurzzeitig eine emotionale Beziehung zu einer anderen (fremden) Person aufzubauen. Der Gast soll sich wohlfühlen und ihm gegenüber tritt der Gastgeber mit Freundlichkeit, Respekt und persönlichem Interesse auf. Die professionelle Gastfreundschaft hat das Prinzip der privaten Gastfreundschaft – in Form von Privatreisenden – institutionalisiert. Im Gegensatz zu der privaten Gastfreundschaft rückt der Aspekt der Bezahlung in den Vordergrund. Das führt dazu, dass in unteren Hotelkategorien – trotz des Versuchs der Individualisierung durch eine hoteleigene CI – der Preis das wesentliche Unterscheidungsmerkmal ist. Während in den höheren Hotelkategorien der Versuch unternommen wird, durch Individualisierung und Differenzierung eine Beziehung zum Gast aufzubauen.

Die Sternebewertung reguliert das Maß – von der Versorgung der Grundbedürfnisse bis hin zur individuellen Betreuung. Analog der Individualisierung steigert sich das Wohlbefinden und bietet viel gestalterischen Spielraum. Um eine höhere Individualität selbst bei niedrigen Hotelkategorien zu erreichen, gibt es verschiedene architektonische Möglichkeiten: Mit der städtebaulichen Einbindung oder Fassadengestaltung lässt sich ein gleicher Hoteltypus in der Wertigkeit der Individualisierung steigern. Hochsterne-Hotels sind gekennzeichnet durch die Ausformulierung des Raums durch Licht, Akustik, Farbe, Proportionen, Materialität, Sinnlichkeit, Wahrnehmung und Geruch. Eine Chance der Business-Hotels zur Differenzierung gegenüber den Wettbewerbern besteht darin, diese Themen in Einzelbereichen – bevorzugt im Bereich der ersten Begegnung – zu adaptieren. Das räumliche Wohlfühlen erzeugt eine Wertschätzung des Gastes und wird mit Gastfreundschaft gleichgesetzt. Folge: Der Gast kommt gerne wieder.


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Was bedeutet die zunehmende Technisierung und Digitalisierung für die Arbeit des Architekten und Planers und wie wird sich das künftig auf die Hotelarchitektur auswirken? Wo liegen die Potenziale?

Martin Weiser, WEISER.LIGHTING
Timo Flott, Ippolito Fleitz Group
Michael Jung, Jung & Klemke Architektur
Katharina Varga, Albrecht Jung

Zukünftig werden die Bedürfnisse des Hotelgastes nicht mehr erfragt, sondern durch das reine Denken erkannt.  Die logische Weiterentwicklung davon liegt im „personal surrounding“, das heißt die selbstbestimmte Gestaltung eines Hotelzimmers durch den jeweiligen Gast. Die wichtigste Frage die sich hierbei stellt, ist die Balance zwischen Selbst- und Fremdbestimmung.

Zukünftig wären beispielsweise folgenden Szenarien möglich: Eine bestimmte Sensorik erkennt, ob dem Gast kalt ist und die Heizung aktiviert werden soll. Oder sie nimmt ein Schwitzen wahr und betätigt die Klimaanlage. Menschliche Servicekräfte wird es kaum mehr geben oder wirklichen Kontakt zu Personal im Hotel, um Wünsche zu erfüllen. 3D-gedruckte Burger werden direkt mit einem Roboter ins Zimmer serviert. Der Gast wird bei der Bestellung vom Computer gefragt, ob er ein Bier oder einen Rotwein dazu möchte. Der Computer unterstützt den Gast bei der Entscheidung mit Empfehlungen der Karte beziehungsweise wird die Empfehlun durch die Sensorik im Zimmer analysiert: Welche Temperatur in dem Moment im Zimmer herrscht, welche Lichtstimmung eingestellt ist, welche Art von Musik gerade läuft – aus diesen Daten wird eine Getränkeempfehlung für den Gast berechnet.

Beim „personal surrounding“-Konzept stellt sich der Gast bei der Reservierung sein eigenes Zimmer-Design zusammen. Es gibt keine Naturmaterialien mehr, wie Holz oder Stein, sondern angeboten werden nur noch digital abgebildete Oberflächen. Der Gast kann sich entscheiden, welche Wandfarbe das Zimmer haben soll, welche Bodenfläche „abgebildet“ wird und welche Lichtfarben zum Einsatz kommen. Dies klingt alles sehr unpersönlich und ist es auch. Der Architekt und Planer bewegt sich dabei weg vom physischen Gestalter in Richtung App-Entwickler. Er wird dann vielleicht „digitaler Gestalter“ genannt. Er ist ein Anbieter von Ideen in Form von Modulen. Er kann völlig ortsunabhängig arbeiten und wird nicht für eine Ideenentwicklung bezahlt, sondern für eine Nutzung. Der Beruf wird hauptsächlich Updates generieren, anstatt Neues zu gestalten.

Das Hotelgebäude, wie wir es heute kennen, wird es zukünftig so nicht mehr geben. Die jetzt noch gültigen Regeln „je mehr Sterne desto mehr Service“ und „je mehr Dienstleistung desto mehr Menschen“ werden überholt sein. Positiv hierbei: Eine Vervielfältigung wird um einiges einfacher, eine Multiplikation wesentlich effizienter und eine gute Vernetzung viel effektiver. Es bleibt aber die Hoffnung auf die Entscheidungsmöglichkeit jedes Einzelnen im Spannungsfeld der Selbst- und Fremdbestimmung: Will ich digital oder nicht?


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Wie kann man den Ort verstehen und seinen Anspruch, den er an die Architektur stellt? Wie kann die Architektur auf den Ort reagieren? Kann ein Hotel selbst zur Identitätsstiftung eines Ortes beitragen und zum touristischen Motor eines Stadtteils oder einer ganzen Region werden?

Thomas Ehrenfried, BEHF Architekten
Nicola Sigl, Hadi Teherani Architects
Jens Güssow, Interior Production (by GD:production GmbH)
Stefan Löhr, Albrecht Jung

Hotels können sich nicht mehr über deren Markenstandards definieren. Die Sternekategorien werden vom Hotelgast zwar zur Orientierung der Standards vorausgesetzt, sind aber nicht mehr das Hauptentscheidungskriterium bei der Wahl einer Unterkunft. Gäste suchen heute vielmehr das Einzigartige, das Individuelle. Also Geschichten, die erzählt werden können. Hotelbetreiber und -ketten können sich nicht mehr auf ihre Markenidentität verlassen, sondern müssen die standortspezifische Identität ihres Hauses und dessen Ortes in den Vordergrund stellen.

Es gilt also, authentische Erzählstrategien für die ganz eigenen Geschichten zu (er-)finden. Dabei gibt es aber kein grundlegendes Rezept. Häufig ist die Identität des Ortes Ausgangspunkt und roter Faden des Geschichtenerzählens. Hierbei wird versucht, Kontext zum Ort zu schaffen und diesen in Architektur, Design und Angebot widerzuspiegeln. Der Bezug kann zur lokalen Natur, zur Stadt oder zum Viertel, oder aber zur historischen Geschichte des Gebäudes aufgebaut werden. Die Grundidee der 25hour-Hotelgruppe gilt hierbei als Beispiel für eine sehr individuelle und standortbezogene Gestaltung, bei der kein Hotel dem anderen gleicht.

Die Identität des Gastgebers kann aber ebenfalls zum Alleinstellungsmerkmal einer Unterkunft werden. Die individuelle Gastlichkeit wird immer wichtiger, die Sehnsucht nach authentischen und persönlichen Erlebnissen steigt. Gäste schätzen es, von „Locals“ authentische Restaurant oder Ausflugstipps, fernab der Touristen Trampelpfade, zu erhalten. Dies steht und fällt mit dem Engagement und der Persönlichkeit des Gastgebers und des Hotelpersonals. Wenn man wie bei Freunden aufgenommen wird, kommt man gerne auch wieder. Die St. Martins Lodge am Neusiedler See in Österreich hebt sich mit ihrem Wellness Angebot nicht von der großen Konkurrenz ab. Stattdessen entführen „Ranger“, zur Freude von Groß und Klein, auf Safaris in die Vogelwelt des Naturschutzgebiets. Das gesamte Ressort wurde diesem Expeditionsgedanken untergeordnet und hat dadurch eine einzigartige Identität entwickelt. Es geht aber auch ganz anders: Die Hans Brinker-Budget-Hotels werben selbstbewusst damit, die „schlechtesten Hotels der Welt“ zu sein und haben mit diesem Augenzwinkern eine leidenschaftliche Anhängerschaft hinter sich geschart. „Sorry for being wonderful at not welcoming you.“
Auch die Identität des Gasts kann Ausgangspunkt des Storytellings sein, indem man verstärkt auf die persönlichen Wünsche und Bedürfnisse des Gasts eingeht. Man bietet dem Gast eine Bühne, um seine Erlebnisse zu teilen und selbst die Geschichten zu erzählen. Das Camp Grounded in Mendocino, Kalifornien, sieht sich als Sommercamp für Erwachsene. Hier werden beim Check-in Smartphones und Uhren abgegeben und sogar der eigene Vorname eingetauscht. Die Gäste können dann, als Digital-Detox-Maßnahme, im reichhaltigen Workshop-Angebot wieder einmal nach Herzenslust Kind sein. Aus Corporate Architecture wird also vielmehr Corporate Atmosphere, die sich nicht wiederholt und nicht „ausrollbar” ist. Dies ist sicherlich eine der großen Herausforderungen der Zukunft an die großen globalen Hotelketten. Die Erfolge von liebevoll gestalteten und geführten Concept-Hotels belegen diese Entwicklung und zeigen, wie es funktionieren kann.


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Nachhaltigkeit bedeutet den Respekt mit dem Ort, die Berücksichtigung der Langlebigkeit –Benutzungsdauer und Qualität, Architektur, Räumlichkeiten – sowie die Ressourceneffizienz und Zukunftsfähigkeit im Hinblick auf Konstruktion, Betrieb, Wartung sowie Demontage. Wie verbindet sich der moderne Mensch mit der Natur und welche Rolle spielt der Tourismus dabei?

Armin Pedevilla, Pedevilla Architekten
Andreas Utzmeier, Meierei Innenarchitektur
Anita Hidvegi-Mayer-Steudte, hms architekten
Sven Bär, SG Leuchten
Jens Kronenberg, dormakaba

Der moderne Mensch hat das Bedürfnis, alles herstellen und planen zu können. Somit unterliegt er einem selbst erzeugten Stress. Um diesen Stress zu kompensieren, sucht er nach Erholung, nach Natur, nach Erfahrungen, die ihn nachhaltig begleiten. Er ist auf der Suche nach authentischen Urlaubserlebnissen. Er reist in Länder, die ihn ansprechen, und möchte dort die Kultur, die Menschen, die Landschaft kennenlernen. Berge aus eigener Kraft besteigen, um die Belohnung am Gipfel zu erfahren, das Meer genießen und dem Wasser lauschen. Erlebnisse, die ihm ein Gefühl von Ruhe vermitteln. Erlebnisse in der Natur erfahren und feststellen, dass die Natur mächtiger ist als der Mensch. Es erzeugt ein Gefühl von Demut, Dankbarkeit und Staunen. Tourismus kann dazu beitragen, das Angebot in erster Linie für Einheimische herzustellen und somit für den Tourismus auch zu öffnen. Touristen möchten das erleben, was der Bewohner im Alltag lebt. Momentan steht das sehr oft im Widerspruch.

Wie kann nachhaltiger Tourismus dabei den Menschen berühren? Menschen sind auf der Suche nach nachklingenden Erfahrungen; Erfahrungen, die die Sinne ansprechen. Dazu zählen: Erfahrungen in der Natur, Erfahrungen mit der jeweiligen Kultur des Landes, Erfahrungen, die Bilder im Kopf entstehen lassen, die man nicht mehr vergisst. Das können besondere Erlebnisse in der Natur sein, zum Beispiel einen Berg besteigen und dabei erleben, dass dies aus eigener Kraft erreicht wurde. Verbunden mit den Erfahrungen des Klimas, wie Regen, Schnee, Wind und Hitze. Erfahrungen, die wir nicht mit Geld herstellen können. Somit sind es Erfahrungen, die aus unserem momentanen persönlichen emotionalen Zustand entstehen. Erfahrungen, die jeder für sich anders mitnehmen darf.

Was kann der Planer/Architekt und der Gastgeber dafür tun?
Gesamtkonzept: Sinnvoll ist es, ein Gebäudekonzept durch alle Lebenszyklen bis zum Ende zu denken und zu planen: Projektentwicklung, Planung, Betrieb, Wartung, Demontage zum Beispiel mit dem Werkzeug der BIM-Planung.
Langlebigkeit: Im Vordergrund der nachhaltigen Planung stehen die räumlichen Qualitäten, die Planungsqualität (Funktion und Form eines Gebäudes) sowie intelligente Konzepte mit hoher Ressourceneffizienz und das Bewusstsein in der Planung für Materialität, Energie und Umwelt zumBeispiel nach Green-Building-Prinzip.
Respekt für den Ort: Mit dem Respekt vor dem Ort wird die Regionalität gestärkt (regionale Ernährung im Angebot, Materialien und Firmen für Stärkung des Ortes beim Bauen und Wartung, kurze Entfernungen). Der Gast sucht die Nähe zu den Einheimischen, somit zählt der Kontakt und die Verbindung zum Gastgeber und den Menschen vor Ort. Die Architektur sollte keine „Scheinwelt“ vorspielen, sondern mit Tradition, Kultur, Topografie, Klima und regionalen Materialien arbeiten. Gerüche, Haptik und Licht spielen dabei eine große Rolle. Keine vorgespielten Aufenthaltsräume, die wir in keinem einheimischen Haus finden würden; Materialien, die leben, die echt sind, die riechen, die ich berühren kann und somit mich berühren. Räume die mich „zu Hause" sein lassen. Diese Eindrücke nehme ich nachhaltig mit nach Hause und komme auch gerne wieder.

Nachhaltig ist eine Entwicklung, „die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen.“ (Brundtland Bericht: Unsere gemeinsame Zukunft, 1987)

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