Symphonie des Alltags

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Text: Franziska Horn

Hast du Töne? Aber klar! Erstmals macht eine Ausstellung für Designobjekte den Klang ihrer tonangebenden Exponate hörbar: Mit Sound of Design bringt die Neue Sammlung der Münchner Pinakothek der Moderne Leben in ihr Museumsinventar  – als Vermittler dient eine eigens produzierte Geräusche-App.

Ob es denn ein Objekt gäbe, das er in seinem Lebenswerk vermisse? „Ja, eine Mähmaschine zum Beispiel. Mit einer tollen Form, ein Riesenungetüm, das staubt, spuckt, Krach macht und übers Feld marschiert“, sagte Richard Sapper 2007 in einem Interview mit der Autorin. Zu seinem Wunschprojekt kam es nicht mehr, der wirkmächtige deutsche Altmeister des Industriedesigns verstarb bereits 2015. Stattdessen ist es ein anderes Sapper-Modell, das sich in der neu eröffneten Ausstellung Gehör verschafft.

Als Objekt Nummer 0116 verzeichnet die Neue Sammlung Sappers Espressomaschine Coban von 1998, die bei Alessi in Produktion ging und als ikonisches Alltagsdesign längst Bestandteil der ständigen Münchner Designausstellung ist. Neu ist nun: Fünf einzelne Tonspuren, zum Beispiel: Mahlen, Mahlgrad einstellen, Schalter der Dampfdüse, machen die Maschine auf einer zusätzlichen sinnlichen Ebene erfahrbar. Sie verraten, wie das museale Objekt tickt, tönt und klingt.

Als Medium dient die eigens entwickelte, gleichnamige App Sound of Design, mit der Besucher auf dem Smartphone direkt vor Ort – oder zuhause auf dem PC über eine Website – die charakteristischen Töne aufrufen können. Ein farbig markierter Bereich in der dazugehörigen Grafik verweist auf das Teil des Geräts, das das betreffende Geräusch erzeugt. Das Spannende daran: Oft gibt schon das Geräusch selbsterklärend Auskunft zu Mechanismus oder Funktionsweise und eröffnet so einen neuen Zugang zu den Geräten vergangener Zeiten.

Sei es das Surren einer Telefonwählscheibe von 1937, deren Ton aufgrund seiner Länge die gewählte Zahl verrät und diese sozusagen codiert. Oder sei es das rotierende Tönen eines Wankelmotors wie der Limousine NSU RO 80, die Claus Luthe 1967 baute. Die App vergleicht und versammelt die charakteristischen Töne von 49 ganz unterschiedlichen Objekten zu aussagefähigen Soundcollagen – ein Schwerpunkt dabei ist das Klangbild der Wirtschaftswunderzeit, von mechanischen und elektrischen Geräten der Fünfziger- und Sechzigerjahre, die ein authentisches Grundrauschen des damaligen Alltags wiedergeben. Fast ebenso exotisch klingt heute das Eiern und Leiern der Rückspultaste eines Walkmans WM-DG II von 1984 in den Ohren der Digital Natives. Oder ein Modem, ein Diaprojektor, der Frequenzwähler eines Radios. Oder die Walze einer Schreibmaschine mit typischer „Grashüpfer-Bewegung“, das Eindrehen eines Papierbogens und das typische „Pling!“ am Zeilenende.

„Es geht darum, sich den Ton von Alltagsgegenständen bewusst zu machen, diese über ihr Geräusch wahrzunehmen und [den Besucher] für das Hören zu sensibilisieren“, sagt Florian Clemens Käppler von der Agentur Klangerfinder GmbH aus Stuttgart. Die Idee zur Ausstellung hat der studierte Filmkomponist und Sounddesigner zusammen mit Angelika Nollert, Direktorin der Neuen Sammlung, entwickelt. „In einer eigens aufgebauten Klangkabine haben wir die originalen Geräusche der Geräte aufgenommen, die natürlich gut funktionieren mussten. Bei manchen Objekten wie einem Tischtelefon mit Kurbelinduktor von Siemens aus dem Jahr 1900 oder der Williams-Schreibmaschine von 1890 ist das keine Selbstverständlichkeit“, erzählt Nollert. Ebenfalls ein besonderer Zeitzeuge ist die Hifi-Kompaktanlage Vision 2000 mit ihrer futuristischen Acylglashaube, die Industriedesigner Thilo Oerke für Sony entwarf. Der „Signature Sound“ der Anlage ist ein gedehntes Quietschen, das beim Anheben der Haube der Retro-Kugel entsteht.

Der Clou: Wer etwas Nostalgie ins digitale Zeitalter retten will, kann sich die Retro-Töne der App fürs private Smartphone downloaden. Im offiziell-musealen Kontext jedoch stellt die Symphonie der Alltagsdinge so etwas wie eine akustische Revolution dar – man denke an die gewollte Distanz, die meist zwischen Besucher und Schaustück liegt: „Bitte nicht berühren!“, lautet stets der Imperativ. Klar, anfassen ist auch in dieser Ausstellung nicht erwünscht, doch das „Reinhören“ mittels App erweckt das tote Inventar scheinbar zum Leben und vermittelt physisches Erleben. „Das Immaterielle ist ebenso ästhetisch wie das Materielle“, sagt Direktorin Angelika Nollert und plant über die kommenden Jahre das Konzert der auditiven Kollektion zu erweitern.  

Dass museale Objekte mit ihren Funktionsgeräuschen verbunden werden, ist übrigens bisher einmalig. Interessant ist auch: „Erst seit rund 25 Jahren beziehen Designer das durch die Funktion bedingte Geräusch bewusst in den Entwurfsprozess mit ein“, erzählt Florian Clemens Käppler, der einen Studiengang für Musikdesign an der MH Trossingen geschaffen hat und zudem als Professor an der HDPK Berlin unterrichtet. Von der tiefen menschlichen Prägung durch Geräusche ist er fest überzeugt, auch wenn sie oft eher unbewusst verläuft: „Das Hören ist unser wichtigster Sinn, noch vor dem Sehen“, sagt er. „Wir können zwar auf Wunsch vor manchen Dingen die Augen schließen – die Ohren dagegen nicht. Das ist von der Natur so eingerichtet.


Sound of Design, noch bis zum 31.12.2020 in der Neuen Sammlung der Münchner Pinakothek der Moderne
Derzeit enthält die App 49 Objekte aus der aktuellen Ausstellung, zu denen jeweils bis zu fünf Töne zur Verfügung stehen. Die Besucherinnen und Besucher können sich ihre Favoriten in einer Liste zusammenstellen sowie alle Geräusche für die private Nutzung kostenlos herunterladen. Die Web-App selbst muss nicht heruntergeladen werden, man kann sie einfach unter www.sound-of-design.de im Browser aufrufen. Zur Nutzung der App steht kostenloses BayernWLAN in allen Räumen der Ausstellung zur Verfügung. Es ist geplant, die Objektauswahl in der App zu erweitern, vor allem in Hinblick auf das geplante Schaudepot.

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