Tausendmal Bauhaus: Ausstellung in Berlin

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Text: Nina C. Müller

Das Bauhaus bestand nur 14 Jahre. Doch kaum eine Schule des Designs, der Architektur oder der Kunst wurde in kreativen Kreisen so häufig reflektiert, reproduziert und weiterentwickelt. Was aber verbirgt sich hinter dem Bauhaus, seinen Architekturen, Möbeln und Kunstwerken? Die Geschichten hinter den Objekten erzählt die Ausstellung original bauhaus. Vom 6. September 2019 bis zum 27. Januar 2020 zeigt das Bauhaus-Archiv in der Berlinischen Galerie über 1.000 Exponate – Originale, Kopien und Zwillinge. Die Kuratoren machen sie interaktiv erfahrbar und veranschaulichen, wie lebendig die Ideen der Bauhäusler noch heute sind.

Auf dem berühmten Stahlrohrsessel von Marcel Breuer sitzt eine Unbekannte. Mit lässig überschlagenen Beinen wendet sie sich der Kamera zu, das Gesicht jedoch hinter einer Maske verborgen. Wer sich auch nur ein wenig für das Bauhaus interessiert, ist vermutlich schon häufiger auf diese Fotografie gestoßen. Doch wer ist diese berühmte Unbekannte? Wen diese und ähnlich mysteriöse Fragen rund um das Bauhaus beschäftigt, ist derzeit in der Berlinischen Galerie bestens aufgehoben. Detektivisch können Besucher das Bauhaus hier auf 1.200 Quadratmetern Museumsfläche erforschen. Sie können sich auf Spurensuche begeben und buchstäblich selbst Hand anlegen.

14 Jahre – 14 Objekte
Die Ausstellung zeigt Kunst und Design aus den Beständen des Bauhaus-Archivs sowie Leihgaben aus nationalen und internationalen Sammlungen, darunter auch einige bisher ungesehene Werke. 14 Schlüsselobjekten – weil das Bauhaus 14 Jahre bestand – widmeten die Kuratorin Dr. Nina Wiedemeyer und ihr Team besondere Aufmerksamkeit. Darunter das Tee-Extraktkännchen von Marianne Brandt, das Haus am Horn in Weimar oder das Ölgemälde Bauhaustreppe von Carl (Casca) Schlemmer. Diesen Originalen setzt die Ausstellung Rekonstruktionen und Nachschöpfungen entgegen. Doch geht es hier keinesfalls um Fälschungen à la Wolfgang Beltracchi.

„Was ist ein Bauhaus-Original, gibt es überhaupt ein Bauhaus-Original?“, fragt sich Dr. Wiedemeyer und räumt den Kopien und Weiterentwicklungen zeitgenössischer Künstler einen ganz besonderen Raum ein. original bauhaus zeigt, wie Unikat und Serie, Original und Remake, Produktion und Reproduktion im Bauhaus zusammenwirken. Gleichsam verdeutlicht die Schau, dass auch das Bauhaus keineswegs aus dem Nichts entstand. Auch hier bezog man sich auf schon Existierendes. Allerdings geht es dabei um weit mehr als die materiellen Eigenschaften der gezeigten Objekte. Das Bauhaus war eine Schule. Und ihre Lehren, sprich die immateriellen Aspekte, haben dem Bauhaus zu seiner Bedeutung verholfen, meint der Direktor der Berlinischen Galerie, Dr. Thomas Köhler. Daher zeigt die Ausstellung nicht nur Meisterstücke, sondern auch Lehrkonzepte und eine Vielzahl von Studienarbeiten. Daran wird klar, dass selbst 100 Jahre alte Aufgaben noch heute Spaß machen können. Vor allem dann, wenn man mit ganz wenig Erstaunliches zu Tage bringt.

Praktisch erfahrbar wird das anhand der an den Bauhaus-Vorkursen angelehnten Workshops der Ausstellung. Dort können Besucher der Schau selbst in die Haut der Bauhaus-Schüler schlüpfen und die Schulbank drücken. Schulbank sollte man im Fall der interaktiven und digitalen Übungen jedoch nicht allzu wörtlich nehmen. Wenn es nach dem Direktor der Galerie geht, wird die Vermittlung einer Ausstellung einer der zentralen Aspekte in der Zukunft. Dafür setzen die Macher auf ein besonderes Bildungs- und Vermittlungsprogramm. Sogenannte Bauhaus-Agenten, initiiert von der Kulturstiftung des Bundes, erwecken das Bauhaus im musealen Kontext wieder zum Leben und zeigen, dass der Mensch nach wie vor eine Schlüsselrolle in der Bildung einnimmt.

Berühren erwünscht!
Unter dem Motto „Vorkurs üben“ bieten internationale Lehrende diverse Workshops aus den Bereichen Tanz, Fotografie, Papierkunst, Architektur oder Atemtechnik an. Das Berliner Künstlerkollektiv Syntop übersetzte die Vorkursinhalte in digitale Fingerübungen. Was einst das Muster-Experiment mit Schreibmaschine war, wird hier zur Computer-Grafik, die in Echtzeit an die Wand projiziert wird. Hinzu kommen inklusive Formate wie Tastführungen für sehbehinderte Besucher sowie Objekte und Textilien, bei denen das Berühren durchaus erwünscht ist. Auch im Falle der maskierten Unbekannten auf Breuers Freischwinger sind die Gäste des Museums eingeladen, das Bauhaus mit allen Sinnen zu erleben.

Nicht nur, dass die berühmte Fotografie Erich Consemüllers einen Einblick in das Mobiliar und die Mode der Zeit gibt und man den Freischwinger hier einmal in all seinen formalen und materiellen Eigenarten betrachten kann. Auch wird hier erforscht, wer die Dame im gestreiften Rock sein könnte. Dafür suchten die Kuratoren Indizien für die Identität der Maskenträgerin zusammen. Nicht zuletzt sind die Besucher eingeladen, selbst Platz zu nehmen und sich mit Maske fotografieren zu lassen. Näher dran geht kaum. Mit diesen praktischen Workshops und taktilen Exponaten ermöglichen die Ausstellungsmacher eine aktive Teilhabe. Sie bringen die sinnlich erfahrbaren oder haptischen Qualitäten der Exponate näher – und machen das Bauhaus buchstäblich greifbar. Eine Einladung, die Ideen des Bauhaus weiterzuleben.

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