Toelke trifft... #4

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Text: Andreas Toelke

Der bekennende Humanist
„Über Geschmack diskutiere ich nicht!“ Der Mann ist streng. Dabei ist er im Ausdruck sehr sanft. Er spricht leise. Dieses herrlich leichte Sing-Sang-Englisch, das nur Italiener hinkriegen. Piero Lissoni – seit über 30 Jahren im Geschäft, studierter Architekt, erstmals quasi öffentlich wahrgenommen als Direktor beim Premium-Küchen- und Badhersteller Boffi. Bis heute arbeitet er mit Boffi zusammen, ist aber längst aus dem Schatten der Marke getreten.

Auf dem Salone del Mobile werben Kartell, Living Divani, Porro oder Cassina mit Lissoni. Dennoch: Er ist bis heute eher für die Szene sichtbar, die in Mailand die neusten Interiortrends inhaliert, als für den Konsumenten. Während mit den Bouroullecs, den Campanas oder Patricia Urqiuola auch direkt beim Kunden in Shops und Magazinen geworben wird, ist Piero deutlich weniger „Rampensau“. „Ich mache meine Arbeit, die mache ich gerne. Ich bin nicht so gerne das Aushängeschild.“ Basta cosi.

Der Alleskönner
Der Profi als Alleskönner macht Angst: Vom Architekten zum Produktdesigner und zurück: Piero Lissioni hat direkt neben dem Stedelijk Museum in Amsterdam das Conservatorium Hotel als seine fünfte Herberge bis dato weltweit gestaltet. An einem Hotel wird am deutlichsten die Kompetenz eines Designers sichtbar. Ist er so von sich eingenommen, das alles aus seiner Hand stammen muss? Von der Eingangstür bis zum Waschlappen haben sich manche omnipotent verwirklicht. Lissoni nicht, er mixt in der Lobby Modern Classic mit eigenem und aktuellem.

Tough Job
Die Herausforderung, eine ehemalige Musikhochschule als Architekt und Interiordesigner auf aktuelles Niveau zu heben, war kein Waldspaziergang. Ein israelischer Investor, ein holländisches Gebäude aus dem 19. Jahrhundert, noch dazu unter Denkmalschutz, plus die einheimischen Handwerker. „Tough Job“, schmunzelt er. Fünf Sterne später schwebt im überdachten Atrium ein hypermoderner Kubus als Konferenzbereich vor der klassischen Fassade, hinter der das Hotel steckt. Die war mal außen, jetzt ist sie Innenraum und aus den Straßen- wurden Hoffenster. Traufhöhe Atrium: rund 20 Meter. Das Gebäude selber: verwinkelt bis in die letzte Ecke, L-Förmig und 129 Zimmer mit unterschiedlichen Deckenhöhen. Ein Alptraum für jeden Designer/Architekten. Oder eben eine Herausforderung...

Sex in der Luft
Es juckt Piero Lissoni in den Fingern, sich in neuem Terrain zu bewegen. So sehr, dass er selbst vor einer Yacht nicht zurückschreckt. Seine Ghost Sailing ist alles andere als ein Gespenst. Sleek Chic über 37 Meter lang und mit sechs Kabinen an Bord. Dumpfe Machofantasien sind oft banal, aber wenn die Yacht aus der Kreativstube von Signore Lissoni das Meer durchpflügt, dann liegt wirklich Sex in der Luft. Es ist eine global verständliche Bellezza, die Piero Lissoni in all seinen Projekten realisiert. Nie wird er ein kreischendes Must-Have-Produkt auf den Markt bringen können, nie einer Bling-Bling-Optik sein Verständnis von Materialität und Klasse unterordnen.

Freiheit
„Aber glaub bloß nicht, dass der Designer gegenüber dem Kunden jede Freiheit hat, die er sich wünscht.“ In seinem Ton schwingt kein Bedauern mit. Denn neben dem klassischen Look seiner Produkte ist er aus tiefstem Herzen Humanist. Für ihn bedeutet Kreativität „.... Diskussionen, Diskussionen, Diskussionen.“ Im Team, mit den Kunden, mit den Herstellern. Wie geht das, wenn der Kunde mal ein zukünftiger Yachteigner ist, mal ein Villenbesitzer in der Toskana, mal ein Investor, der ein Hotel als Kapitalanlage will und last but not least die Möbelhersteller? „Das ist grade das Reizvolle: herauszufinden, wo die Reise startet und wo sie hingehen soll“, sagt der Designer-Psychologe.

Designer in Flugbereitschaft
Ist der Startpunkt bei einem Projekt geklärt, wird das dreistöckige Büro in einem Mailänder Hinterhof zum Kreativlabor: „Ich wache ja nicht morgens auf und habe eine Eingebung, wie ein Objekt oder ein Gebäude aussehen sollen.“ Dann kommt das Team ins Spiel. Über 70 Mitarbeiter sind es alleine in Mailand, die 2013 rund 70 Projekte unter der Federführung von Piero Lissoni realisiert haben. Knapp 20 weitere sind für ihn in New York und Tokio im Einsatz. Und wo der Humanist schon angesprochen wurde: In seinem Büro gibt es keine festen Arbeitszeiten. Richtig gelesen. Piero Lissoni setzt Meetings an, auf denen Aufgaben verteilt werden: „Wann derjenige sie erfüllt, ist mir völlig egal.“ Das Büro scheint mit Schwarmintelligenz zu funktionieren: An einem bestimmten Zeitpunkt im Laufe des Vormittags sind alle da. Zu den Meetings ebenso. Und die Einhaltung von Terminen? „... bin ich der größte Risikofaktor“, gesteht Piero Lissoni. Das liegt auch an der Flugbereitschaft des Italieners. Ab nach Moskau für ein Hotelprojekt, weiter nach New York für ein Symposium.

Lümmeln im Büro
„Das war mal glamourös – viel unterwegs sein und viel zu fliegen“, seufzt er. Er muss nicht nur wegen des Jobs unterwegs sein – auch das Privatleben des Designers findet an zwei Orten statt. Zum einen in Mailand mit seinen Kindern und dann in Berlin mit der Lebensgefährtin. Eine Wochenendbeziehung hat Vorteile: „Ich kann mich im Büro einhundert Prozent auf meine Arbeit konzentrieren“, sagt er. Büro? Das Ambiente des Office erinnert an eine Lümmel-Lounge – bei allem Respekt, Herr Lissoni! „Warum soll ich in einer Atmosphäre arbeiten, die mich ständig daran erinnert, dass es Arbeit ist, was ich da mache“, erklärt er das Ambiente aus Bücherwänden, Privatfotos und Sitzlandschaften.

Klassisch italienisch
Ach ja: Arbeit. Was ist eigentlich komplizierter zu gestalten? Eine ganzes Gebäude oder ein simpler Tisch? „Vielen Dank für die vergiftet Frage. Ein Gebäude zu gestalten und auszustatten ist komplex, weil es viel Gewerke braucht, viele helfende Hände. Ein Möbel ist, bis hin zum Prototypen, von viel weniger Beteiligten zu bewerkstelligen“, sagt der Diplomat. „Aber bei einem Gebäude, das in der Regel viele verschieden Elemente hat, ist es viel einfacher, die Wahrnehmung zu manipulieren und den Blick auf Gelungenes zu lenken. Bei einem Tisch aus Platte und vier Beinen ist jedes noch so winzige Detail auffällig und entscheidend.“ Das Ergebnis – sei es ein ganzes Haus oder „nur“ eine Espressomaschine – ist klassisches italienisches Design zeitgemäß interpretiert.

Postscriptum
Ob all des Jubels wird der Leser hier vielleicht ein wenig die kritische Distanz zum Kreativen vermisst. Nun gut: Für Periantonio Bonacina hat Lissoni das Sofa Pallet kreiert. Das wahrscheinlich teuerste Gartenmöbel aller Zeiten. Ein Sofa im Hochbeet. Aber wie sagt der Meister selber: „Über Geschmack diskutiere ich nicht.“ Über die Kosten auch nicht?

Alle Beiträge aus unserem großen Themenspecial Salone 2014 lesen Sie hier.

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