Tropfen für Tropfen

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Text: Tanja Pabelick


Die Hand am Hahn, Spülung per Knopfdruck und Duschen ohne Limit: In Europa ist der Zugang zu sauberem Wasser eine Selbstverständlichkeit. Doch wovon wir reichlich haben, fehlt es an anderer Stelle. 40 Prozent der afrikanischen Bevölkerung haben keinen Zugang zu Trinkwasser. Noch immer ist das Recht auf Wasser kein Grundrecht und seine Verknappung und Kommerzialisierung, sowie fehlende Sanitäreinrichtungen führen jährlich bei 2,2 Millionen Menschen zu Krankheiten mit Todesfolge. Aber woher soll das Wasser kommen? Nicht überall steht es ausreichend zur Verfügung, nicht überall sind die infrastrukturellen und wirtschaftlichen Zustände so, dass es bereitgestellt  und gerecht verteilt werden kann. Immer wieder widmen sich Produktdesigner, Ingenieure und andere Erfinder diesem Thema: Mit Wasser-Transport-Donuts, Nebelfängern und Karussell-Pumpen sollen bisher nicht erschlossene Quellen nutzbar gemacht werden.



Das Thema ist nicht neu. Schon Victor Papanek, Vordenker und Ikone sozial verantwortlicher Gestaltung, rief in seiner zum  Klassiker avancierten Publikation aus dem Jahr 1971 – „Design for the real world“ – dazu auf, lieber seine Zeit und seine Fähigkeiten statt Geld zu spenden. Preise wie der INDEX:Award, der seit 2005 alle zwei Jahre in Kopenhagen verliehen wird, honorieren Produkte, die für eine Verwendung in Entwicklungsländern konzipiert sind. Ein Alternativschauplatz der Profession, der weniger mit Ästhetik, als vielmehr mit Funktion, Ergonomie und niedrigen Herstellungskosten überzeugen muss. Lokale Ressourcen, die fremden kulturellen Hintergründe und ein oft nur kurzer Einblick in die Problematik machen es denen, die helfen wollen, allerdings nicht leicht. Was in der westlichen Welt überzeugt, kann oft den unübersichtlichen Anforderungen vor Ort nicht standhalten. Fremde Technik kann mit den verfügbaren Werkzeugen nicht Instand gehalten werden, Konzepte gehen im Praxistest nicht auf oder Verhaltensweisen werden falsch eingeschätzt.

Aus der Erde

Ein Beispiel ist die „PlayPump“, die vor einigen Jahren noch für Euphorie in den Medien sorgte. Die Geschichte: In den neunziger Jahren hatte ein südafrikanischer Werbekaufmann eine brillante und gleichsam verblüffend einfache  Idee. Wo es keinen Strom gibt und das Grundwasser deswegen unter körperlichem Einsatz an die Oberfläche befördert wird, sollte die Pumpe mit einem Spielplatz-Karussell kombiniert werden. Durch die Drehbewegung im Gebrauch kommt das Wasser nach oben, ein Eimer in fünf Minuten. Im Jahr 2000 gewann die Idee den „Development Marketplace Award" der Weltbank, bis zum Jahr 2010 sollten 4000 Pumpen in Afrika installiert werden. Alle waren schnell überzeugt, war doch die Vorstellung einer spielerischen Wassergewinnung fast zu schön, um wahr zu sein.  Wer die Webseite der Firma heute besucht, findet sie abgeschaltet. PlayPump gehört mittlerweile zur Organisation „Water for People“, die die PlayPumps nur noch als einen Lösungsansatz von vielen verfolgt. Der Grund: Die über einhundert installierten Wasserpumpen verursachten in den Dörfern ganz neue Probleme. Denn auch wenn die Kinder vor dem Besuch immer gern auf dem Rad turnten, stand es ohne fremde Beobachtung oft still. Um dann an Wasser zu kommen, musste das Rad mühsam von Hand bedient werden, das Wasserholen wurde damit schwieriger als zuvor mit der – viel günstigeren – Fußpumpe. Das Scheitern der PlayPumps hat einmal mehr gezeigt, wie schmal der Grat zwischen technischer Revolution und finanziellem Schiffbruch ist. Weniger ist oft mehr – und gut gemeint nicht gut gemacht. Oft beweist erst die Praxis, dass ein Konzept vor Ort nicht aufgeht.

Durch’s Gelände

Zur Wasserproblematik Afrikas gehört aber nicht nur die Gewinnung des Wassers. Transport und Aufbereitung stellen für die Menschen oft genauso ein Hindernis dar. In der Regel sind es die Frauen, die weite Wege bis zum Brunnen zurücklegen müssen. Manchmal kosten Hin-und Rückweg mehrere Stunden, viel Kraft und die transportierte Menge ist gerade so groß, dass der tägliche Bedarf abgedeckt wird. Eine Alternative zu den auf dem Kopf transportierten Krügen sind rollbare, leichte und dabei große Behältnisse wie die QDrum oder der Hipporoller, die neben einfacher Bedienung vor allem mit auf das Wesentliche reduzierter Gestaltung  und robuster Ausführung überzeugen. Was nicht kaputt geht, muss nicht repariert werden und wenn doch etwas verloren geht, kann es mit lokalen Mitteln Instand gesetzt werden. Zwei auf den ersten Blick sehr ähnliche Lösungsansätze, die aber für zwei unterschiedliche Szenarien gedacht sind. Die QDrum eignet sich weniger für unebenes Gelände, ist dafür aber pflegeleichter: Sie braucht anders als der Hipporoller keinen Bügel, sondern kann einfach mit dem, was zur Verfügung steht, ausgerüstet werden. Geht das Zugseil verloren, wird ein anderes durch die Öffnung gezogen, ist die Schnur zu lang, kann sie mit einem Knoten temporär gekürzt werden. Der Hipporoller hingegen ist durch seine Größe zwar behäbiger, lässt sich an der starren Lenkstange jedoch besser führen.

Auf den Tisch

Nicht immer landet das Wasser trinkbar im Topf. Oft helfen schon einfache Maßnahmen, die Qualität zu verbessern und oft sind es weniger komplexe Produkte, als vielmehr Aufklärung und einfache Lösungsansätze, die die Gesundheit schützen. UV-Strahlung allein kann schlechtes Trinkwasser entkeimen. Für das unter „SODIS“ bekannte Verfahren braucht man gerade einmal eine PET-Flasche, die befüllt für sechs Stunden der Sonne ausgesetzt wird. Das ultraviolette Licht und Temperaturen über 50 Grad  zerstören die Hülle der Durchfall auslösenden Keime und das Wasser ist trinkbar. Eine schnellere Lösung bietet der  „Life-Straw“, eine Art Strohhalm, der das Wasser während des Trinkens direkt filtert. Dennoch: Auch hier handelt es sich um ein Produkt mit komplexer Technologie, dessen Innenleben rätselhaft bleibt. Das Risiko, dass der Filter nach Abnutzung nicht rechtzeitig ausgetauscht und damit unbrauchbar wird, bleibt bestehen. Als kurzfristige Lösung in Krisengebieten ist der Strohhalm richtig platziert, im Dauereinsatz problematisch – und zu teuer. Der Einsatz lokaler Ressourcen ist deshalb immer der bessere Ansatz. Kann ein Produkt vor Ort mit lokalen Produzenten und verfügbaren Materialien entwickelt werden, ist ein nachhaltiger Einsatz eher garantiert. Der Ton, der in vielen Gebieten Afrikas abgebaut wird, reicht oft schon aus, um trinkbares Wasser zu produzieren. Lars Mayer, Absolvent der Hochschule für Gestaltung Offenbach, hat sich für seine Abschlussarbeit mit den Potentialen natürlicher Ressourcen für die Wasseraufbereitung auseinandergesetzt. Das Ergebnis ist eine Filteranlage, bei der das Wasser durch mehrere Tontöpfe sickert. Ein Konzept, das an lokale Handwerker weitergegeben, ohne importierte Komponenten produziert werden kann und in seiner Einfachheit zeigt, dass die Lösungen, die sich auf lokale Gegebenheiten konzentrieren, oft die besten sind.


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