Tut gar nicht weh

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Text: Cordula Vielhauer


Ein Besuch beim Zahnarzt gehörte früher zu den Terminen, die man buchstäblich bis zur Schmerzgrenze vor sich her schob. Hatte man sich dann durchgerungen und es endlich bis ins Wartezimmer geschafft, ergriff einen spätestens hier angesichts des ewig gleichen, an der Wand aufgereihten Stuhlkreises und eines völlig veralteten „Lesezirkels“ die nackte Angst vor dem, was da kommen sollte. Daran konnte auch das in den achtziger Jahren in Mode gekommene psychedelisch-meditative Gedudel nichts ändern, mit dem man gezielt weichgespült werden sollte. Die klinische Atmosphäre und diese spezielle Geruchsmelange aus Desinfektionsmitteln und Mundwasser tat ihr Übriges. Endgültig vorbei war es dann beim Betreten des Behandlungszimmers, in dem ein monströser Behandlungsstuhl den gesamten Raum dominierte, unterstützt von der unübersehbaren Präsenz stahlglänzender medizinischer Instrumente. Doch das sind Horrorszenarien aus der Vergangenheit. Mit dem Einzug „sanfter“, natürlicher Methoden bei der Behandlung – wie etwa Hypnose statt Narkose – veränderte sich auch die Möblierung im Gesundheitswesen. Wir stellen vier Zahnarztpraxen neuen Stils vor.



Dynamische Lounge


Eine regelrechte Antithese zum herkömmlichen Praxis-Interieur wagte im Jahr 2005 das Berliner Architekturbüro Graft mit seinem Innenausbau „KU 64“ am Berliner Kurfürstendamm – und war damit ein Trendsetter. Hier verwandelt sich der gesamte Bereich vom Empfang bis zu den Warteräumen in eine sonnengelbe Lounge-Landschaft, in der man bei Kaminfeuer und auf bequemen Liegesofas den Blick aus dem Fenster genießen oder sich fast wie in einem Wellnesscenter entspannen kann. Wände und Decken gehen dabei organisch ineinander über und verschmelzen zu einer sanft gewellten Topografie, deren beruhigende Wirkung man als architektonisches Sedativum bezeichnen könnte. Dass man eigentlich beim Zahnarzt ist, könnte man selbst in den Behandlungszimmern glatt vergessen: freundliches Gelb auch hier. Technik und medizinisches Gerät – in Weiß gehalten – verschwinden in Wandnischen und flachen Sideboards. Bis in die Nebenräume hinein ist die komplexe Gestaltungslinie durchgehalten: Großzügige Waschtische möblieren die Bäder, und eine skulptural überformte, indirekt beleuchtete Wand gliedert den langen Flur.

Eine ähnliche Formensprache, wenn auch nicht ganz so üppig angelegt, spricht die vom selben Architekturbüro gestaltete Kinderzahnarztpraxis Mokaberi in der Kollwitzstraße in Berlin-Prenzlauer Berg. „Unterwasserwelt“ war hier das Motto und so reicht die Farbpalette von hell- über dunkelblau bis zu türkisgrün. Die Räume liegen im Souterrain und Hochparterre eines Ladengeschäfts und werden über einen großzügigen Luftraum im Eingangsbereich und eine wellenähnliche Wand miteinander verknüpft, die sich von der Decke des Untergeschosses nach oben wölbt. Das Wellen- und Unterwassermotiv zieht sich durch die gesamte Praxis, wobei die Materialität – dominierender Belagsstoff ist Linoleum – besonders kinderfreundlich, sprich robust ist.

Vertikaler Garten

In Japan setzt man zur Entspannung auf Natur: So integrierte das japanische Architekturbüro UID einen vertikalen Garten in ein Mischnutzungsprojekt mit Zahnarztpraxis in Fukuyama. Das sehr schmale (10 m) und gleichzeitig sehr tiefe (50 m) Grundstück erforderte eine ungewöhnliche Herangehensweise. Die Architekten schnitten den schmalen Baukörper daher zusätzlich in schmale „Scheiben“ auf, zwischen welche Lufträume – wie der Garten – integriert sind. Über großformatige Ausschnitte erhalten auch die nicht zur Straße orientierten Räume Tageslicht und räumliche Tiefe. In der Zahnarztpraxis wird das Gartenmotiv – die Architekten sprechen von einem „Wald“ – in der Materialsprache aufgegriffen: Die Innenwände des Behandlungszimmers sind mit Brettschichtholz verkleidet, dessen starke Maserung die Atmosphäre des Raums beherrscht und diesen wohnlicher macht. Zudem ist auch hier über die vielen kleinen und großen Fenster der „Wald“ präsent. Die Möbel im Eingangsbereich – der Empfangstresen und die Bestuhlung – sind ebenfalls aus Holz gefertigt. Dabei imitierten die Architekten bei der Gestaltung des tiefen Rezeptionstischs ihr eigenes Konzept der mit Öffnungen durchbrochenen Schichtung: In die Tischplatte sind kreisrunde Löcher für Grünpflanzen eingelassen, die auf den Garten verweisen.

Oase im Hinterhof

Ein Beispiel, wie man mit wenigen, einfachen Mitteln eine Zahnarztpraxis sowohl für Kinder als auch Erwachsene gestaltet, findet sich in der Anklamer Straße 54 in Berlin-Mitte. Die Räume von Zahnarzt Marc Prothmann wurden vom Berliner Büro A3 Architekten Janssen und Thöne (Berlin/Düsseldorf) umgebaut, für den Innenausbau zeichnen jomad (Berlin) verantwortlich; das Lichtkonzept stammt ebenfalls von A3. Die mit einhundert Quadratmetern eher kleine Praxis liegt im Souterrain einer ehemaligen Remise im Hinterhof eines Mietshauses. Das klingt schlimmer, als es tatsächlich ist: Dank der geschickten Abböschung vom Hof zur Remise hin, blickt man vom Eingangsbereich, der gleichzeitig der Warteraum ist, durch eine bis auf den Fußboden reichende Fensterfront auf den begrünten Innenhof mit altem Baumbestand. Auch hier dient der Blick auf die Natur als Entspannungsmoment. Um die ruhige Stimmung des Hofes in die Praxis „hineinzuziehen“, orientiert sich die Farb- und Materialwahl an diesem. So sind die Einbaumöbel (jomad) mit einer Nussbaum-Nachbildung beschichtet; als Farben wurden ein helles Lindgrün und Weiß gewählt. Und eine mit Granitstein verkleidete Wand, vor der man sich die Zähne putzen kann, rekurriert auf den im Hof verlegten Stein.

Blickfang im Eingangsbereich ist der raumgreifende Tresen, in dem – dank geschickt versteckter Auszüge –  alle Utensilien Platz finden. Ein weiterer Trick ist, auch den Bereich über dem eigentlichen Tresen als Stauraum zu nutzen: Das dadurch entstehende zusätzliche Volumen grenzt gleichzeitig die Rezeption wie eine Art Raum im Raum vom Wartebereich ab. Die analog gestalteten Sideboards in den Behandlungszimmern haben eine Arbeitsplatte aus hygienefreundlichem Hi-Macs, in die die Waschbecken nahtlos integriert sind. Die Behandlungsstühle selbst wirken verhältnismäßig leicht und sind in der Hausfarbe Lindgrün bezogen. Während im Empfangsbereich vorwiegend indirektes Licht eingesetzt wurde, sind die Flure mit Wandleuchten der Serie „Okular“ bestückt. Im Wartebereich strahlt dagegen „Zettel’z“ von Ingo Maurer: Hier können die Kinder ihre in der Wartezeit gemalten Werke aufhängen – neben den Ölbildern von fröhlichen Schweinen, mit denen eine befreundete Künstlerin die Praxis ausgestattet hat. Und auf dem Weg zum Behandlungsraum kommt man an einem von den Praxisbetreibern selbst gestalteten Objekt vorbei, das die Architekten gerne verschweigen, den Patienten aber besonders viel Spaß zu machen scheint: Von der Flurdecke hängt eine Diskokugel in Form eines Backenzahns – der „Disco-Dent“. Lachen ist vielleicht immer noch die beste Art, sich zu entspannen.
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