Urban Terrazzo: Poesie in Beton

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Text: Tanja Pabelick
Foto: Hannes Wiedemann

Ein frisch gegründetes Designkollektiv schreibt in Berlin Materialgeschichte – indem es Stadtgeschichte konserviert. Das Ergebnis ist bunter Terrazzo. Die Zutaten dafür werden vom Projekt They Feed Off Buildings aus urbanem Bestand gewonnen. Mit ihrer poetischen Herangehensweise haben die UdK-Absolventen eine klare Botschaft: Jedes Ende ist ein Neuanfang.

Die Karriere des eigentlich aus der Antike stammenden Terrazzo begann als günstige Alternative zu Naturstein. Glas, Bruchsteine oder Kiesel kommen in flüssigen Estrich, nach dem Gießen und Trocknen wird die Fläche abgeschliffen und die Zuschlagstoffe liegen als Fleckenmuster frei. Populär war Terrazzo in der nüchternen Behördenarchitektur der Fünfzigerjahre, wurde dann von den poppigen Postmoderne-Designern rund um Memphis wiederbelebt und steht derzeit im Zuge der frisch aufgeflammten Liebe zu Carrara und Co. wieder auf der Trend-Agenda. Neu ist, dass aus Terrazzo nicht nur fugenlose Böden werden, sondern auch Vasen, Beistelltische oder Bänke. Neben Glasstücken und Natursteinkieseln wird mit weiteren Zutaten experimentiert.

Altbestand als neue Ressource
Das Kollektiv They Feed Off Buildings, kurz TFOB, nutzt den Umstand, dass man sich seiner Heimat Berlin mit dem kontinuierlichen Abriss von Gebäuden auskennt. Seit Jahrzehnten gehören Kräne und Schuttcontainer zum Stadtpanorama. Die lange vernachlässigten Altbauten einer geteilten Stadt wurden sukzessive modernisiert, Plattenbauten gesprengt und öffentliche Funktionsgebäude durch Prestige-Architektur ersetzt. Was bleibt, sind Trümmer: Beton, Ziegel und andere Baustoffe. Abfälle für die Halde. TFOB, die sich aus einer Gruppe von Materialforschern, Designern, Architekten, aber auch Fotografen und Filmern zusammensetzen, sehen im Schutt hingegen eine ungenutzte Ressource mit narrativen Potenzialen.

Stein zu Stein, Staub zu Staub
Die Gestalter zerlegen die Reste und sortieren nach Farben, Material und Dichte. Großes Geröll wird zu kleinem zerschlagen und alte Ziegel werden zu Farbpigmenten zerrieben. Jedes Gebäude zeigt am Ende seine individuelle Zusammensetzung als eine Art DNA der Bausubstanz. Aus den gewonnenen Ausgangsstoffen komponiert sich ein neues Material. Dafür haben TFOB ihre Werkstatt bewusst als mobiles Testlabor entwickelt. Ihre kleine Fertigungsstraße installieren sie vor Ort, hier entstehen erste Materialproben: Testkacheln, die von rotem Backsteinpigment eingefärbt sind oder sich dank grüner Ziegel in einem Pistazienton zeigen. Terrazzo, der wieder zu Terrazzo wird. Beton, der graue Muster in Beton erzeugt.

Materialvarianten des Berliner Pilotprojekts
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Individuell abgemischt
Tatsächlich liegt für die Gestalter der Vergleich mit einem Rezept nah. „Es ist wie bei einem guten Brot. Der Prozess hängt stark von der Verfügbarkeit lokaler Ressourcen und den spezifischen Gegebenheiten ab. So wie jede Region individuelle Getreidesorten hervorbringt, versorgt uns jedes Gebäude mit ganz einzigartigen Baumaterialien. Die architektonischen Überreste bilden den Ausgangspunkt für die Zusammensetzung“, erklären die Initiatorinnen des Projektes, Luisa Rubisch und Rasa Weber. „Und es ist uns wichtig, dass unsere Materialien dem technologischen Standard entsprechen.“ Stimmen die statischen Parameter der Nullserie nicht, wird beispielsweise durch das Hinzufügen von hochfestem Beton die Beständigkeit erhöht. Erst dann kann das Urban Terrazzo genannte Material an seinem neuen Bestimmungsort als Wandverkleidung, Bodenbelag oder Fassade wiederverwertet werden.

Von Berlin über Prag nach Italien
Urban Terrazzo wird in einem sensiblen Designprozess, in enger Zusammenarbeit mit dem Auftraggeber entwickelt und in einer Manufaktur in Deutschland hergestellt. Anwendung fand der Baustoff bislang in Projekten wie einem Café, Privatwohnungen und auch im Möbelsektor. Nach dem Pilotprojekt in Berlin hat das Kollektiv bereits einen Folgeauftrag in Prag erhalten, bei dem Böden, Treppen und Tischplatten aus Terrazzo entstehen sollen. Um langfristig auch umfangreicheren Anfragen gerecht zu werden, denken die Designer schon einen Schritt weiter: „Für eine großformatige Umsetzung der Produktion entwickeln wir zurzeit ein Netzwerk in Italien, welches es uns ermöglichen soll, ebenso nachhaltig zu produzieren und auch auf große Bauvorhaben eingehen zu können“, erzählt Rasa Weber.

Poesie in Bildern: Dokumentation von Sven Gutjahr

Second Life
Der Ansatz ist eine kleine Revolution für die Architektur in Industrienationen. Während wir bei Produkten mittlerweile durchaus in Materialkreisläufen denken, bezieht sich die Nachhaltigkeit eines Gebäudes oft nur auf die Energieeffizienz oder die Wahl des Baumaterials. Was mit dem Gebäude nach Ablauf eines Lebenszyklus passiert, wird hingegen kaum berücksichtigt. Hier setze der Urban Terrazzo an, erklären auch die Designerinnen: „Wir begreifen Architektur jenseits eines finalisierten monumentalen Status als einen konstanten Prozess der Transformation.“ Jedes Gebäude kann so zu einem temporären Kunstwerk werden, das sich nach einiger Zeit in einem neuen Kunstwerk auflöst – und darin seine Spuren hinterlässt.

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