Utopie to go

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Text: Jasmin Jouhar
Foto: Die Neue Sammlung


Das passiert wahrlich nicht oft: Eine Utopie wird Wirklichkeit – und sie funktioniert sogar. Aber es kommt noch besser: Jeder von uns hat Anteil an diesem real existierenden Wunschtraum, handelt es sich dabei doch um ein weltweit erfolgreiches Möbelhaus mit Namen Ikea. „Democratic Design – Ikea“, so heißt eine Ausstellung der Neuen Sammlung über das Unternehmen aus dem südschwedischen Örtchen Älmhult, die aktuell in der Pinakothek der Moderne in München zu sehen ist. Mit dem Titel bringen die Ausstellungsmacher auf den Punkt, warum Möbel zum Mitnehmen und selbst Zusammenbauen ein wahr gewordenes Versprechen sind: Den Blau-Gelben ist – so ihre Meinung – gelungen, woran viele andere scheiterten, nämlich bezahlbare und gut gestaltete Produkte für wirklich alle anzubieten.

Wir befinden uns bekanntlich im Bauhaus-Jahr – da fallen einem leicht Beispiele für gescheiterte Versuche ein, Gestaltung zum kleinen Preis massenhaft zu produzieren, etwa die Stahlrohrmöbel von Marcel Breuer und anderen. Der hehre Anspruch, mit guten Produkten die Welt zu verbessern, verbindet Ikea zudem mit anderen Institutionen der Moderne wie dem Deutschen Werkbund, De Stijl oder der Hochschule für Gestaltung in Ulm. Auch in Skandinavien gab es vergleichbare lebensreformerische Ansätze. Der Unterschied: Ikea verkauft seine Möbel und Gebrauchsgegenstände in knapp 300 Einrichtungshäusern von Moskau bis Dubai und machte 2008 21,2 Milliarden Euro Umsatz. Der Katalog, der alljährlich im Spätsommer vor der Haustür liegt, hat aktuell eine Auflage von 198 Millionen Stück.

Auf den Sockel gehoben

Die Ausstellung in den Räumen der Neuen Sammlung in der Pinakothek der Moderne schafft es, das populäre Phänomen Ikea mit seinen historischen Ideengebern zusammenzubringen. Der Trick: Die Kuratorin Corinna Rösner hat einen Teil der Exponate in die Dauerausstellung der hauseigenen Designsammlung integriert. Ikeas Sitzmöbel aus gebogenem Schichtholz stehen neben dem Vorbild von Alvar Aalto, und „Ögla“, die schwedische Version des Kaffeehausstuhls, findet sich im Raum mit den Bugholzmöbeln von Thonet. Billy, das prototypische Ikeamöbel überhaupt, muss sich vergleichen lassen mit einem ganz ähnlich proportionierten Regalsystem von Bruno Paul aus dem Jahr 1908. Hervorgehoben sind die Ikeamöbel nur durch ihre Sockel aus „Flatpacks“, den berühmten flachen Kartonverpackungen, in denen die Möbel platzsparend transportiert werden können. Eine schöne Inszenierungsidee, die Funktion und Thema kongenial verbindet.

Sparsamkeit hat ihren Preis

Beim Vergleichen kommt die Ausstellung auf ein kontroverses Thema. Während gerade viele junge Menschen dankbar für die bezahlbaren Möbel sind und regelmäßig zur nächsten Ikea-Filiale pilgern, ist das Unternehmen in der Designszene umstritten. Der Vorwurf: Die Designabteilung des Konzerns orientiere sich bei ihrer Arbeit häufig an bereits erhältlichen Produkten anderer Firmen – bis hin zum dreisten Plagiat. Der deutsche Designunternehmer Nils Holger Moormann beispielsweise prozessierte deswegen vor einigen Jahren gegen Ikea – und gewann. Beim Vergleich von Original und Ikea-Version in der Ausstellung zeigt sich allerdings, dass die Käufer der schwedischen Varianten für ihre Sparsamkeit einen Preis zu zahlen haben: Neben Aaltos leichten und eleganten Schichtholzfreischwingern beispielsweise sieht die „Poäng“-Serie der Schweden doch etwas plump und bieder aus.

Hier offenbart sich die Tücke der „Design für alle“-Utopie, denn ganz so einfach lässt sich die Welt eben nicht verbessern. Während die zwar teuren, aber hochwertigen Klassiker der Moderne auf Auktionen gehandelt und weiter vererbt werden, landen die meisten Ikea-Stücke irgendwann auf dem Sperrmüll. Was beim Kauf billig war, das gilt eben häufig als nicht besonders wertvoll. Und ehemalige Studenten drücken ihren gestiegenen Status lieber mit einem Corbusier-Sessel aus als mit einem Klippan-Sofa.

Namhaftes Design seit 1958

Utopie hin oder her, auf jeden Fall ist es Ikea ein Anliegen, sein Profil auch in Sachen Design zu schärfen. Seit 1995 lanciert das Unternehmen in unregelmäßigen Abstände seine „PS Kollektion“, für die es mit bekannten Gestaltern und erfolgreichen Nachwuchskräften zusammenarbeitet und für die es offensiv mit deren Namen wirbt. Die PS-Objekte wirken meist etwas individueller und extravaganter und weniger auf den Massengeschmack zugeschnitten als das Standardsortiment. Das Fazit von Corinna Rösner: Ikea sei zwar kein Trendsetter, aber schnell darin, aktuelle Trends aufzugreifen.
Eine unerwartete Entdeckung machte die Kuratorin während der Recherchen. Nicht erst mit PS setzt Ikea auf Personalisierung. Schon im Jahr 1958 wird in einem Katalog das erste Mal ein Designer erwähnt – lange bevor sich viele andere Firmen werbewirksam mit ihren Gestaltern schmückten. Er hieß Bengt Ruda und zeichnete damals für den Sessel „Focus“ verantwortlich.

Im Zeichen der Birke

Neben den in der Dauerausstellung verteilten Exponaten zeigt die Neue Sammlung in einem Raum ausschließlich Möbel made by Ikea. Unter den kahlen Ästen einer veritablen Birke als Signet für das skandinavische Material schlechthin sind Beispiele aus dem Sortiment von den Sechzigern bis heute versammelt. Die gezeigten Gebrauchsgegenstände und Möbel, teilweise erwartbar, teilweise überraschend unbekannt, stammen zur Hälfte aus eigenen Beständen der Neuen Sammlung, zur anderen Hälfte aus dem Ikea-Museum in Älmhult und aus Privatbesitz von Ikea-Mitarbeitern. Florian Hufnagl, Leiter der Neuen Sammlung, brachte ein schwarzes Billy-Element von zu Hause mit. Ein Aufruf, verschickt im Intranet des Konzerns, half, das ein oder andere längst aus dem Sortiment genommene Stück aufzutreiben. Zudem stellte die Münchner Ikea-Filiale personelle Hilfe für den Aufbau zur Verfügung.

Eine Frage der Unabhängigkeit

Doch weitere finanzielle Unterstützung, das betont Corinna Rösner nachdrücklich, habe es nicht gegeben. Auch bei der Konzeption habe Ikea nicht mitgeredet. Zur Eröffnung der Ausstellung hatte es kritische Stimmen gegeben, die der Neuen Sammlung eine zu große Nähe, gar Anbiederung an das Unternehmen vorgeworfen hatten. Doch die Neue Sammlung ist auf ihre Unabhängigkeit bedacht: Ikea produzierte zur Ausstellung ein Buch mit dem Titel „Democratic Design – Ikea. Möbel für die Menschheit“, das in den Möbelhäusern erhältlich ist. Die Ausstellungsmacher waren mit der Publikation jedoch nicht zufrieden und legten einen eigenen Katalog in Form einer Zeitung auf. Gestaltet wurde die Zeitung ebenso wie die Plakate und Einladungen von dem Münchner Grafiker Mirko Borsche.
Einen ganz großen Vorteil hat die Ausstellung gegenüber jedem Ikea-Einrichtungshaus. Man kann Möbel gucken gehen, ohne dem Drang nachgeben zu müssen, irgendetwas zu kaufen – nicht einmal einen Beutel Teelichter.

„Democratic Design – Ikea“
Neue Sammlung – Staatliches Museum für angewandte Kunst und Design
Pinakothek der Moderne
Barer Str. 40 / München
bis 12. Juli 2009
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Portraits, Hintergrundberichte und Reportagen zum Zeitgeschehen im Designbereich.

Dixon