Vergängliche Ewigkeit

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Text: Toni Kny
Foto: Studio Drift

Schon zu Marcus Aurelius’ Zeiten hieß es: „Nachahmung ist die höchste Form der Anerkennung.“ Und spätestens seit da Vincis Flugmaschinen ist klar: Der fortschrittsgläubige Mensch macht nach, kopiert und kupfert ab, wo er nur kann. Ein einzigartiges Lichtobjekt namens Shylight von Studio Drift aus Amsterdam beschwört nun die Natur in ihrer großartigen Komplexität und entführt den Betrachter in eine faszinierende Welt jenseits von Labors und Werkstätten.

Die ehrgeizigen Bemühungen des Homo technicus, durch die Mechanisierung organischer Strukturen die Eigenschaften von Tier und Maschine, Zufall und Absicht, Original und Kopie zu verschmelzen, begegnen uns heute in Form von Saugnäpfen, Tragwerksystemen oder Klettverschlüssen. Dass Mutter Natur als unerschöpfliche Blaupausensammlung nicht nur Wissenschaftler und Ingenieure auf den Plan ruft, sondern auch schöngeistige Disziplinen beflügelt, stellt das Amsterdamer Kunst- und Designduo Studio Drift immer wieder unter Beweis. In ihren Arbeiten erforschen Lonneke Gordijn und Ralph Nauta das Spannungsfeld zwischen Natur und Technologie als ganzheitliches System und schaffen so eingängige und zugleich schwer fassbare Objekte. Die Philosophie hinter den Projekten von Studio Drift beruht auf der simplen wie allgegenwärtigen Tatsache, dass die meisten menschengemachten Objekte eine statische Form besitzen, während das Natürliche häufig einem (Gestalt-)Wandel unterworfen ist. Diese Einsicht bildet auch die gedankliche Basis ihres aktuellen Projekts Shylight, das als Teil der ständigen Sammlung im Amsterdamer Rijksmuseum ausgestellt ist.

Shylight von Studio Drift im Rijksmuseum
Mechanisches Ballett
Das Wort Leuchte reicht eigentlich nicht aus, um Shylight zu kategorisieren. Vielmehr ist das Objekt ein aus dutzenden Lagen dünner Seide zu einer überlebensgroßen Blüte gefalteter Kokon, der sich mit fortschrittlicher Roboter- und Lichttechnologie zu einem kinetischen Leuchtkörper verpaart hat. In einer Abfolge aus Öffnen und Schließen, Aufquellen und Zusammenziehen vollführt Shylight einen präzise choreografierten Tanz, während sie aus neun Metern Höhe in gleichmäßigem Tempo von der Decke herabsinkt. Inspiriert sind die anmutigen Bewegungen der Installationen, die in Amsterdam gleich in fünffacher Ausführung als performatives Ensemble ihren Reigen tanzen, von der Nyktinastie, einem hochentwickelten Mechanismus verschiedener Pflanzenarten, der das licht- und tageszeitenabhängige Zusammenlegen von Blütenkelchen oder -blättern zum Zwecke der Verteidigung oder des Energiesparens bewirkt.

Kunst als Zugang zu verborgenen Welten
Indem sie dynamische Naturvorgänge in sequenzierte Mechaniken übersetzen, gelingt es Studio Drift, aus dem Dialog der Gegenwelten eine eigene visuelle Sprache zu kreieren, die sich in jedem ihrer Werke wiederfindet: das Intuitive versus das Rationale, Science-Fiction versus Poesie. Zugleich sind Arbeiten wie Shylight durch die wechselseitige Befruchtung zwischen dem innovativ Gestalteten und dem tiefgründig Schönen durchdrungen vom Bewusstsein für zukünftige Möglichkeiten und gewähren dem Betrachter dadurch Momente der Erkenntnis. Denn durch das Sichtbarmachen von Strukturen und Vorgängen, die sich normalerweise dem Auge entziehen, dämmert einem irgendwie auch das Verhältnis der eigenen Existenz zum ganzen großen Rest.

Vergängliches für die Ewigkeit
Und so ist Shylight mehr als eine bloße Abbildung des bereits Bestehenden, denn es verkörpert Leben, Gefühl und Persönlichkeit in totem Material – und befördert damit sinnbildlich das Vergängliche in die Ewigkeit. Nicht ewig allerdings, sondern genau vier Jahre dauerte die Entwicklung von Shylight. In hunderten von Arbeitsstunden tüftelten Studio Drift gemeinsam mit Wissenschaftlern, Forschungseinrichtungen, Programmierern und Ingenieuren sowie anderen Künstlern, um ihre fantastische Idee einer lebendigen Leuchte in eine gestaltete Realität zu überführen. Der Zauber, der Shylight innewohnt, zeigt: Sie haben diese Aufgabe ernst genommen. Denn wie Plutarch einst schon so überaus treffend feststellte: „Das Schöne nachahmen und etwas schön nachahmen, ist nicht dasselbe“. Recht hatte er.

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