Vermächtnis einer Lichtgestalt

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Text: Franziska Horn

Seine erste größere Ausstellung in der Pinakothek der Moderne sollte auch die letzte von ihm persönlich vorbereitete Schau werden: Die Eröffnung von Ingo Maurer intim. Design or what? hat der große Designer und Lichtgestalter nicht mehr erlebt. In über fünf Jahrzehnten hat Maurer ein erstaunliches Oeuvre geschaffen.

Er verstarb am 21. Oktober, knapp vier Wochen bevor nun die große Retrospektive einen Streifzug durch das reiche Schaffen des 87-jährigen Designers zeigt. Im Mai hatte Maurer noch seine Installation Pendulum in der Rotunde der Pinakothek der Moderne eröffnet, ein überdimensioniertes Pendel in Eiform, das wie in Trance durch den Rundbau schwebt, bis es langsam zum Stillstand kommt – die Bewegung war immer auch Teil des Maurer'schen Lichtkonzepts.

Schubladen voller Ideen und neuen Projekten
Stillstand ist von Seiten seines Unternehmens nicht zu erwarten, nun wo der kreative Kopf nicht mehr an Bord ist, versichert Sebastian Hepting. Seit 2007 ist der Produktdesigner fester Mitarbeiter von Maurer. Er erzählt von „Schubladen voller Ideen und neuen Projekten“. Hepting ist mit Claude Maurer, Ingos Tochter, zur Eröffnung der Ausstellung gekommen, wo rund 80 Objekte aus des Meisters Hand einen rundum erhellenden Querschnitt von dessen Arbeit zeigen. Vom ersten Meilenstein namens Bulb von 1966, mit weiteren „old members“ aus diesen Jahren auf einem Podest gezeigt, bis hin zu jüngsten Modellen von 2019 reichen die Entwürfe., zum Beispiel die Installation Silver Cloud für das Foyer des Münchner Residenztheaters, die hier als Modell zu sehen ist. Der Rundgang zeigt, wie grenzensprengend Maurer zwischen Disziplinen wechselte, wie sehr auch architektonische, künstlerische, surreale Einflüsse Eingang in seine Arbeit fanden.

Quer- und Out-of-the-box-Denker
Dass sein gestalterisches Profil eine so starke Identität annehmen konnte, hängt auch damit zusammen, dass er früh und autonom eine eigene Firma gründete, um alle Schritte von Produktion über Marketing und Vertrieb selbst steuern zu können. Das gab ihm den nötigen Rahmen, seine Ideen so treu wie möglich an der Vision zu realisieren. „Visionen, Ideen und Eingebungen hatte er bis zuletzt“, sagt Hepting. „Er hat nicht nur dem Licht eine Gestalt gegeben, sondern das Wesen des Lichts offenbart“, berichtet Angelika Nollert, Direktorin der Neuen Sammlung. Vor allem aber war Maurer ein Quer- und Out-of-the-box-Denker und ein großer Geschichtenerzähler – hinter jedem seiner Objekte steckt eine lustige, komische, zufällige oder überraschende Story.

„Maurer hat den Schatten immer mit einkalkuliert, erst dieser bestimmt das Licht“, sagt Nollert. Er experimentierte schon früh mit Materialien, mit Ready Mades, mit Alltagsdingen, nahm sie aus dem Kontext und arrangierte sie zu irrwitzigen Installationen – für Lucy on the wall hängte er Leuchtkörper an Gummihandschuhe in Yves Klein-Blau. Fast jeder kennt Maurers mit Japanpapier behängte Pendelleuchte Zettel'z, Leuchtkringel Ringelpiez oder Porca Miseria, den scheinbar explodierten weißen Geschirrstapel in Form eines Lüsters.

Raffinesse in der Einfachheit
Beim Rundgang fördern die Ausstellungsmacher manche Anekdote aus dem Geschichtenarchiv zutage, etwa wie Maurer einst ein paar Deko-Storchenbeine in einem Geschäft entwendete. Die präsentierte er als Leuchte BiBiBiBi auf einer Messe mit Hühnergegacker vom Band. Spielerische Namen waren ihm so wichtig wie lautmalerische, wie Mozzkito beweist. Papier, Stoff, Servietten, Blattgold, Tapeten, Naturschwamm, Spaghetti, Plastikratten oder Minikrokodile, oder gar kleine Campariflaschen? Kein Material erschien Maurer ungeeignet, er deutete es um, entdeckte Neues an Bekanntem, spielte mit der Illusion.

Der Paternoster der Neuen Sammlung zeigt mit seinen OLED-Objekten „die Raffinesse in der Einfachheit“, lobt Nollert. Doch so improvisiert die oft filigranen, an einem Draht schwebenden Modelle auch scheinen, tatsächlich sind sie technisch höchstgradig ausgefeilt. Die Technik diente Maurer immer dazu, neben Licht auch Freude oder ein Lächeln zu erzeugen. „Wir haben uns nie von Trends, aber immer von Emotionen leiten lassen“, sagt Hepting. Von seinem Chef hat er gelernt, „das Unmögliche möglich zu machen“, zuletzt ein halbfertiges Fischernetz aus Nylonschnüren und Swarovski-Kristallen. Das klingt, also ob der 1932 als Sohn eines Fischers auf der Insel Reichenau geborene Gestalter damit an die Anfänge zurückkehren wollte. Und während er frühzeitig Niedervolt-Halogen-Systeme konzipierte, zum Beispiel YaYaHo von 1984, und später kunstvoll U-Bahnhöfe ausleuchtete – der Glühbirne blieb Maurer ein Leben lang gestalterisch treu. Wer genau hinschaut, der entdeckt, dass auch Fliegen als Symbol der Vanitas ein Leitmotiv bei ihm bilden: Die Insekten stehen hier für Vergänglichkeit. Auch wenn Ingo Maurer nun nicht mehr da ist: Sein oft poetisches, vor Einfällen strotzendes Werk aus Lichtobjekten bleibt unerreicht bestehen.

Mit Ingo Maurer und seinem Team wird – nach Konstantin Grcic, Werner Aisslinger, Hella Jongerius & Louise Schouwenberg und Friedrich von Borries – die Reihe zeitgenössischer Positionen in der Paternoster-Halle fortgesetzt, zu der Die Neue Sammlung – The Design Museum seit 2015 jährlich internationale Protagonistinnen und Protagonisten des Designs einlädt.

Zu sehen ist Ingo Maurer intim. Design or what? vom 15. November 2019 bis zum 18. Oktober 2020 in der Pinakothek der Moderne in München.

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