Very british indeed: London Design Festival 2009

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Text: Katharina Horstmann


Großbritannien hat eine große Designtradition, die bis ins 18. Jahrhundert und zur industriellen Revolution zurückreicht. Seitdem hat der größte Inselstaat Europas einige der weltweit führenden Designer hervorgebracht – unter ihnen Jasper Morrison oder BarberOsgerby. An diese Tradition versucht seit sieben Jahren das London Design Festival anzuknüpfen. Der neuntägige Designevent, der letzten Sonntag zu Ende ging, kann zwar nicht mit den gigantischen Möbelmessen in Mailand und Köln mithalten, ist jedoch zu einer Plattform für junge Talente avanciert, die jedes Jahr im September Hersteller, Einzelhändler und Sammler in die Stadt lockt, um ihnen neue Arbeiten der lokalen Designszene zu zeigen. Vielleicht war es in diesem Jahr ein wenig ruhiger, trotzdem gab es auch 2009 wieder etwas zu entdecken, weniger auf dem Schlüsselevent, der Messe „100% Design“ – das erwartet der geübte London-Besucher auch kaum noch – aber auf den oftmals von Designern initiierten, über die Stadt verteilten Ausstellungen und Installationen.


Das umtriebige London ist allerdings nicht der einzige Ort, der um Aufmerksamkeit für das Design buhlt. Die Mailänder Möbelmesse dominiert im April immer noch das internationale Designjahr, während der September für diverse Städte zum beliebten Monat geworden ist, um eigene Designevents zu initiieren. Allein in der letzten Woche überschnitten sich drei Veranstaltungen: der Design September in Brüssel, die Valencia Disseny Week und eben das London Design Festival. Dieses Überangebot ist unverständlich – nicht nur, weil die Organisatoren oft im Wettbewerb um die gleichen Designer, Kommentatoren, Kuratoren, Hersteller und Besucher stehen. Zugleich bietet das Überangebot jedoch ein lebendiges Bild der globalen Designszene, und jedes Festival tendiert zudem dazu, den Geist der eigenen lokalen Designgemeinde zu reflektieren. So auch die britische Hauptstadt.

Viktorianische Zeiten neu belebt

London begrüßte seine Besucher in diesem Jahr im Garten des Victoria & Albert Museums mit einem sogenannten Stuhlbogen, der von dem in London lebenden italienischen Designer Martino Gamper entworfen und von dem britischen Möbelunternehmen Ercol und der Zeitschrift Wallpaper initiiert worden war. Mit dem Projekt wurde ein alter Brauch aus viktorianischen Zeiten neu belebt, als englische Städte besondere Anlässe mit einem mit den typischen Erzeugnissen der Umgebung geschmückten Bogen feierten. Wo andernorts die Bevölkerung die Bögen mit Korn dekorierte, entstanden in Buckinghamshire Skulpturen aus Stühlen, denn in dieser Gegend – aus der auch Ercol stammt – wurden bis zum Zweiten Weltkrieg die meisten Stühle in ganz Europa herstellt.

Britain can still make it

Britishness und Tradition war auch eines der Hauptthemen des unter dem Motto „Be Bold – Make a Statement“ – zu Deutsch „Sei wagemutig – Mache eine Aussage“ – stehenden Londoner Festivals, das neben dem Schlüsselevent, der Fachmesse „100% Design“ auf dem Messegelände Earls Court, mehr als 150 über die Stadt verteilte Veranstaltungen umfasste. So lehnte sich die von dem Designjournalisten David Nicholls kuratierte Ausstellung „Britain can (still) make it“ an die Schau „Britain can make it“ an, die im Jahr 1946 im Victoria & Albert Museum gezeigt worden war und damals einen Aufschwung der britischen Designindustrie anschieben sollte. Auch Nicholls will Mut machen und präsentierte im Kaufhaus Liberty Produkte, die in Großbritannien entworfen und hergestellt werden. Zu sehen war neben Möbeln, Leuchten, Keramik und Textilien von Designern wie Matthew Hilton und Timorous Beasties auch die erste Kollektion der neuen, von dem britischen Designer Mark Holmes gegründeten Accessoirefirma Minimalux. Gleich um die Ecke in der Future Gallery in Covent Garden zeigte Lee Broom seine dritte Möbelkollektion „Heritage Boy“, eine Fusion von Alt und Neu, traditionellen britischen Herstellungsweisen und modernem Design.

Alt und Neu

Um eine Auseinandersetzung mit alten Handwerkstechniken, genauer gesagt um obskure Kunstfertigkeiten, ging es auch Simon Hasan. Der aufstrebende Designer präsentierte im Portobello Dock in Notting Hill – wo ein von dem britischen Möbeldesigner Tom Dixon organisiertes Minifestival stattfand – seine neue Möbelkollektion „Craft Work“, für die er sich mit industriellen Massenprodukten und Heimarbeitstechniken kleiner ländlicher Kunsthandwerker befasste. Benjamin Hubert zeigte – nachdem er im letzten Jahr den Preis des vielversprechendsten Designers 2008 der 100% Design gewonnen hatte – auf der Messe in Earls Court eine Kollektion von Möbeln, die in den letzten zwölf Monaten entstanden sind, unter anderem die Hängeleuchten „Chimney“, die in einer Töpferei in Wales hergestellt werden.

Nachhaltigkeit und Materialien

Ebenfalls auf der 100% Design zeigte das Designkollektiv TEN Projekte, die sich mit dem komplexen Thema Nachhaltigkeit auseinandersetzen und dabei auf die eine oder andere Weise digitale Herstellungsprozesse einbeziehen. Zu sehen waren beispielsweise ein Vogelhäuschen von Tomoko Azumi, ein Hocker der deutschen Designerin Gitta Gschwendtner oder ein Bücherregal von Michael Marriott. Um Nachhaltigkeit ging es auch der Galerie Fumi in Shoreditch. In Zusammenarbeit mit dem Studio Toogood präsentierte sie am Hoxton Square „Corn Craft“, eine Installation mit One-Off-Stücken von den Designern Nacho Carbonell, Raw Edges, Rowan Mersh, Max Lamb und Gemma Holt. Damit wollte sie demonstrieren, wie durch traditionelles Kunsthandwerk aus preiswerten Materialien – wie in diesem Fall Korn – nachhaltiges Design entstehen kann. Gleich nebenan gab es noch mehr neue Arbeiten von Max Lamb zu sehen. Der zu den jungen Designstars der Londoner Szene gehörende Lamb ist für seine Auseinandersetzung mit Materialien bekannt. Für das „China Granite Project“ reiste er nach China und gestaltete vor Ort 19 Einzelstücke aus Felssteinen, die er in einem langen Polierprozess bearbeitete.

Ein anderer Designer, der gerne an die Grenzen der Materialien geht, ist Thomas Heatherwick: In der Ausstellung „Thomas Heatherwick. Extrusions“ – die noch bis zum 7. November 2009 in der Haunch of Vension-Galerie in den Burlington Gardens zu sehen ist – werden sechs Metallbänke vorgestellt, die jeweils aus nur einem einzigen Stück Aluminium bestehen und mit der angeblich weltweit größten Pressmaschine extrudiert, also in Form gepresst worden sind. Keine Vorrichtungen oder Beschläge stören die skulptural-expressiven Formen.

Pop-Ups

Weitere Highlights waren die von den Organisatoren des Festivals initiierten Installationen. So konnte man auf dem Trafalgar Square auf einem übergroßen, von dem spanischen Designer Jaime Hayón entworfenen Schachbrett Schach spielen – oder den Spieler zuschauen. Oder die Skulpturen des japanischen Architekten Shigeru Ban und des australischen Designers Marc Newson vor der Royal Festival Hall bewundern. Auch sehenswert, allein schon wegen des besonderen Ortes, war die Pop-Up-Galerie von Libby Sellers: Die ehemalige Kuratorin des Londoner Design Museums präsentierte in einer alten Autowerkstatt unweit des Victoria & Albert Museums neue und alte Arbeiten des holländischen Designers Dick van Hoff und schuf mit seinen Projekten eine Art Wohnzimmer. Studioilse wiederum lud bei Speis und Trank zu Gesprächsrunden in den Bio-Lebensmittelladen Leila in Shoreditch ein. Hier kann man das ganze Jahr über ihre neuen, extra für diesen Ort entworfenen Sitzmöbel „Seating for Eating“ ansehen, beziehungsweise Probesitzen.

„Be Bold – Make a Statement“

Ob Korninstallationen, Felsgesteine oder Aluminiumextrusionen – den Leitsatz „Be Bold – Make a Statement“ scheinen sich in diesem Jahr so einige zu Herzen genommen zu haben. Die Organisatoren des London Design Festival gaben ein paar Projekte in Auftrag und überließen den Rest der lokalen Designszene. Die wiederum bewies mit ihrer altbekannten Experimentierfreude auch 2009 wieder einigen Unternehmergeist. Und knüpft damit an die großen Zeiten der britischen Nation an.
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