Vienna Design Week 2019: Auf Passionswegen

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Text: Claudia Simone Hoff

Im September wandelt man durch Wien und entdeckt zuweilen fast vergessene Handwerkskünste. Was passiert, wenn Galvaniseure und Drechsler auf Designer treffen, wollten wir wissen und sind zur Vienna Design Week gefahren. Mit dabei: finnische Knallbonbons, Keramiken mit Metallausschlag und Stühle, die Geschichten erzählen.

Es ist ja nicht so, dass Wien arm an guter Architektur und Gestaltung wäre. Doch jedes Jahr im September – zum 13. Mal in diesem Jahr – gibt es mehr zu entdecken als Hofburg, Loos und Wiener Werkstätte. Dann nämlich ist Vienna Design Week, und zehn Tage lang läuft die Stadt über mit Ausstellungen, Talks und Events.
Entdecke Wien!
Fokusbezirk in diesem Jahr ist der 9. Gemeindebezirk Alsergrund, der nördlich des Zentrums liegt. Studentisch geprägt, trumpft er kulturell auf mit Gründerzeithäusern, Schauspielhaus und berühmter Strudelhofstiege. Am Alsergrund befindet sich auch die Festivalzentrale der Vienna Design Week – traditionell ein architektonisch und städtebaulich wichtiges Gebäude. In diesem Jahr hat sich die Festivalleitung rund um Direktorin Lilli Hollein für das Althan Quartier am Julius-Tandler-Platz entschieden, einem massiven Block mit Spiegelfassade aus den späten Siebzigerjahren, der demnächst in ein multifunktionales Stadtquartier verwandelt wird. Während unten am Franz-Josef-Bahnhof verschiedene Verkehrsadern zusammenlaufen, findet oben im erstmals öffentlich zugänglichen, ehemaligen Bank-Austria-Gebäude (Architekten: Kurt Hlawenicka und Karl Schwanzer) die Hauptausstellung der Vienna Design Week statt. Und auch die Präsentation des Gastlandes Finnland ist hier zu sehen.
Wild at Heart
Nach dem weitgehend unerforschten Gastland Polen im letzten Jahr ist mit Finnland nun ein echtes Designschwergewicht am Start. Mit Tero Kuitonen wurde bewusst ein Designer für die Ausstellungsgestaltung gewählt, der up-and-coming ist. Also jung genug, um neue Impulse zu setzen – jenseits von Alvar Aalto, Tapio Wirkkala und Timo Sarpaneva. Das sieht man auch der Ausstellung an, die es nicht ganz einfach hat in der zugigen Eingangssituation des Gebäudes. Unter dem Motto Wild at Heart ist die Schau thematisch dreigeteilt, und die ausgestellten Objekte sind keinesfalls nur schlicht und zurückhaltend, wie man gemeinhin vom finnischen Design erwartet. Kuitonen sagt, dass er „etwas Künstlerisches in die Ausstellungen bringen wollte“ und bricht dabei mit den Sehgewohnheiten, was insbesondere in der Sektion Wild Humour zum Ausdruck kommt. Während die bonbonfarbenen Pastil Chairs von Eero Aarnio noch jedem Designliebhaber ein Begriff sein dürften, sind die metallenen Blütenleuchten von Teemu Salonen, die sich auf der Grenze zum Kitsch bewegen, eine echte Überraschung. Dass finnisches Design keinesfalls nur vernunftgesteuert ist, wird auch im Ausstellungsbereich Raw Beauty deutlich, wo ein folkloristischer Wandteppich von Klaus Haapaniemi alle Blicke auf sich zieht. Doch natürlich sind auch Stücke ausgestellt, wie man sie erwartet hatte: ein handwerklich famoses Holz-Sideboard von Antrei Hartikainen oder kunstvolle Glasobjekte von Milla Vaahtera, die im Ausstellungsbereich Social Impact zu sehen sind.
Trifft ein Designer einen Handwerker
Einen Social Impact haben sicherlich auch die Handwerksbetriebe, die es in Wien noch überall gibt. Und hier kommen die Passionswege ins Spiel, die von der Vienna Design Week jedes Jahr aufs Neue initiiert werden und es über die Grenzen Österreichs hinaus zu einiger Berühmtheit gebracht haben. Kein Wunder, denn die Idee, Designer mit Handwerkern und Manufakturen zusammenzubringen und gemeinsam neue Projekte zu entwickeln, ist ziemlich zeitgeistig. Man wolle Wien jenseits der touristischen Klischees mit Sissi, Fiaker und Kaffeehaus abbilden, sagt Gabriel Roland, der die Passionswege ko-kuratiert. Dabei geht es um das Zustandekommen von Dialogen zwischen Designern und Handwerkern, um das gegenseitige Verstehen und Lernen, woraus im besten Fall Produkte resultieren, die einen echten Wert haben – aus gestalterischer und handwerklicher Sicht. „Nostalgie nur der Nostalgie wegen nützt nichts“ sagt Roland und spielt darauf an, dass der Manufaktur-Gedanke zunehmend zum Lifestyle-Thema wird, wobei selten nachhaltige Produkte entstehen. Das Konzept der Vienna Design Week birgt vor allem Chancen für die Designer – für manch einen waren die Passionswege der Startschuss zu einer Karriere –, aber auch die Handwerksbetriebe profitieren. Und zwar ohne die Zwänge üblicher kommerzieller Arbeitsbeziehungen.
Unterwegs am Alsergrund
„Wir paaren die Designer mit den Manufakturen ohne genaues Briefing“, beschreibt Lilli Hollein die Idee der Passionswege. Und geht damit das Risiko ein, dass ungewiss ist, was am Ende herauskommt. Wie überraschend das Resultat sein kann, zeigt das Projekt von studiotut mit der Tischlerei Bretschneider. Die Designerinnen Marie Nemeth und Silvia Stocker haben statt eines neuen Produkts eine Ausstellung konzipiert, denn für sie sind die Passionswege deckungsgleich mit dem Thema Kommunikation. Sie huldigen mit ihrer Schau dem Tischlereihandwerk: Hinter knallroten Wänden verbergen sich bekannte und weniger bekannte Stühle, über die via Kopfhörer eine Geschichte erzählt wird – ein Holzstuhl aus einer Wiener Tram beispielsweise steht neben einem Stuhl, den Maria-Theresia Bretschneider von ihrer Oma geerbt hat. Ebenfalls mit dem Material Holz hat sich Studio Sain beschäftigt und zwar gemeinsam mit der Drechslerei Viehauser, die sich in einem Kellergeschoss befindet. Überall an den Wänden stehen vollgestellte Regale mit Holzstücken, dazwischen drängen sich Werkbänke und mittendrin die handschmeichlerischen Tisch- und Hängeleuchten und ein Wandspiegel des Wiener Designduos.
Auf unserer Tour durch den Bezirk geht es weiter zu Glas Bauer, einem Handwerksbetrieb, der nicht nur kaputte Glasscheiben repariert. Reinhard Bauer hat sich auf die Tiffany-Technik spezialisiert, die auch bei seiner Kooperation mit dem finnischen Designer Teemu Salonen eine Rolle spielt. „Ich hatte ein wenig Angst, ob es funktionieren würde“, gibt der Glaser zu. Er sei aber überrascht gewesen von der guten Zusammenarbeit, bei der zwischen Wien und Auttoinen regelmäßig Skizzen und Modelle verschickt wurden. Das Resultat: eine Tischleuchte, die wortwörtlich über Ecken und Kanten verfügt. Gehören Glaser, Tischler und Drechsler zu den eher bekannten Handwerkskünsten, sieht es bei der Galvanik schon etwas anders aus. Hier werden Gegenstände mit metallischen Niederschläge versehen – wie beispielsweise eine Rose, die haltbar gemacht werden soll. Das erzählt Helga Tauer, als wir sie bei Galvanik Austria treffen. Seit 1982 arbeitet sie in dem 1926 gegründeten Betrieb, der sich auf die Galvanisierung von Nicht-Metallen spezialisiert hat – allein im Gewölbekeller eines alten Postkutschenhauses. Sie hat sich mit der Designerin Teresa Berger zusammengetan, die Objekte aus Keramik entworfen und mit dekorativen Elementen versehen hat, die aus galvanisierten Plastikabfällen bestehen.
Das Schönste zum Schluss
Alle Betriebe, die wir besucht haben, eint ihre Begeisterung für das Handwerk und die Traditionen. Während einige genau dort ansetzen, wo ihre Vorfahren aufhörten, gehen andere neue Wege. Sie arbeiten mit zeitgenössischen Designern zusammen und erweitern ihr Produktangebot. Die Glasmanufaktur J. & L. Lobmeyr ist wohl das große Vorbild eines solchen gestalterischen, oft experimentellen Ansatzes und zugleich ein Evergreen der Passionswege. Während Michael Anastassiades bei einem festlichen Dinner am Vorabend der Vienna Design Week seine neue (kommerzielle) Glasserie Flint vorstellte, hatte Ville Kokkonen ebenfalls Feines aus Glas im Gepäck. Der finnische Designer trinkt gern Sake und hat für die Passionswege ein Set von dünnwandigen Sake-Gläsern und eine Karaffe gestaltet, wobei er für die markante, nach oben offene Form umfassende Recherchen betrieben hat. „Mich hat vor allem interessiert, wie sich die Wärme der Hand zur Temperatur des Sakes verhält, sagt der Designer. Und nicht nur das: Kokkonen hat gleich noch eine Hängeleuchte entworfen, die die Form der Sake-Gläser aufnimmt, aber aus massivem Glas besteht. „Mir gefällt, dass Ville Kokkonens Projekt mit den verschiedenen Möglichkeiten von Glas experimentiert“, sagt Leonid Rath, Mitinhaber der Glasmanufaktur. Genau dieses, weitgehend nicht-kommerzielle Experiment ist es, das die Vienna Design Week ausmacht.
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