Von Federn, Floatglas und fausse d'orure

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Text: Claudia Simone Hoff


Ein Oktobertag im Berliner Direktorenhaus: Die Sonne strahlt in die wunderschönen an der Spree gelegenen Räume und erleuchtet die ausgestellten Objekte. Sie haben sich das Strahlen auch verdient, sind sie doch alle Handmade in Germany. So lautet nicht nur das deutsche Gütesiegel, sondern auch der verheißungsvolle Titel einer Ausstellung, die dreißig Künstler, Designer, Manufakturen und Traditionsmarken unter einem Dach versammelt: Fiona Bennett, Frank Leder, Nymphenburg, Fürstenberg, Dibbern, Montblanc oder Pelikan. Und so verschieden deren Erzeugnisse auch sein mögen, sie alle haben eins gemein: Sie sind manuell hergestellte Qualitätsprodukte.



Katja Kleiss und Pascal Johanssen haben diese kleine, aber feine Ausstellung im Direktorenhaus konzipiert. Auf zwei Etagen werden ganz unterschiedliche Dinge präsentiert: Porzellan, Papier und Paravents, Leuchten, Hüte und Shampoos, Rasiersets, Teppiche und Kleinmöbel. Sie veranschaulichen einen allgemeinen Trend: die Allianz von Künstlern und Handwerkern mit Manufakturen und Herstellern. Gemeinsam begeben sie sich auf eine Reise in die Welt der Geschichte und Traditionen, Materialien und Handwerkstechniken. Daraus entsteht zuweilen Unvorhergesehenes, dem man die handwerkliche Fertigung und das dahinter verborgene Wissen jedoch ansehen kann.

Alles Glas

Die junge Designerin Sarah Böttger beispielsweise hat sich zusammengetan mit der Glasmanufaktur der Familiendynastie Freiherr von Poschinger. Ihr Entwurf Juuri – was im Finnischen so viel wie Ursprung oder Grundform bedeutet – macht seinem Namen alle Ehre, ist er doch auffallend schlicht gehalten. Aus der einfachen Flaschenform werden verschiedene Teile herausgeschnitten, die dann mittels eines Gummirings farblich und formal miteinander kombiniert werden können. Jedes einzelne Glas wird mundgeblasen und von Hand geformt. Aufwändige Handarbeit kennzeichnet auch die Artefakte der Mayer’schen Hofkunstanstalt, den 1847 gegründeten Werkstätten für Glasgestaltung und Mosaik. In der Ausstellung macht der bayerische Traditionshersteller mit einer Klebearbeit der jungen Künstlerin Saskia Schultz auf sich aufmerksam. Bei diesem floralen Arrangement ganz in leuchtendem Rot – das in Anlehnung an orientalische Ornamentik und klassische europäische Stillleben entstanden ist – handelt es sich um Lamberts Echtantikglas, das graviert und geätzt und anschließend auf Floatglas aufgebracht wurde.

Nicht einfach nur Porzellan


Und wo Glas ist – da ist auch Porzellan nicht fern. Gleich drei große Namen aus der deutschen Porzellanszene sind im Direktorenhaus vertreten: Nymphenburg, Fürstenberg und Dibbern. Schön in Szene gesetzt haben die Kuratoren den großen Raum mit dem schwarzen Flügel im ersten Stock. Hier dürfen die wertvollen Vasen der Serie Solitaire von Fürstenberg glänzen und sich schmücken mit üppig-bunten Herbsträußen. Beim Betrachten der auffällig changierenden Glasur fragt sich der Besucher unwillkürlich: Wie ist die gemacht? Was einfach klingt, ist technisch hoch komplex: Durch den Zusatz spezieller Gesteinsmehle und eines ungewöhnlich langen Brennprozesses von über 48 Stunden entstehen winzig kleine Kristallzellen innerhalb der Glasurmasse. Eine Herstellungsart, die man übrigens schon im alten China kannte.

Noch ganz im Bann der fragilen pastellfarbenen Artefakte schweift der Blick auf einen mehrteiligen Paravent von Andreas Maier, einem zum Maler konvertierten Veterinärmediziner. Auf seinem Paravent Der Benediktiner aus der Sammlung Lebende Juwelen tummeln sich japanische Koi-Karpfen in einem See aus Gold. Er greift das Handwerk der Imitationsvergoldung auf. Als fausse d’orure eine französische Erfindung, wird dabei eine hölzerne Oberfläche mit einer Terrakotta-ähnlichen Masse verspachtelt, geschliffen und mit Leim überzogen. Zum Schluss werden Goldplättchen aufgebracht. Das Imitationsgold selbst besteht aus Kupfer und Zink mit einem luftdichten Abschluss aus Schell- oder Bootslack. Vorbei an einem Teppich-Prachtexemplar von Reuber Henning, geht es in einen Ausstellungsraum, der dem Kleinmöbel gewidmet ist. Aber auch hier darf Porzellan als Deko nicht fehlen – dieses Mal ganz in Weiß in Form der wie Papier anmutenden Serie Lightscape von Nympenburg  und dem vierteiligen Tellerset Pure von Dibbern. Die dünnwandigen Teller werden in der Manufaktur im bayerischen Hohenberg von Hand gedreht und nicht wie üblich isostatisch gepresst, was eine hohe Materialdichte bei gleichzeitig geringem Gewicht mit sich bringt.

Möbel, ganz anders


Doch nun zum Kleinmöbel, das in der Ausstellung variantenreich und klug durchdacht vertreten ist. Die Berliner Architektin und Designerin Yasemine Benhadj-Djilali fertigt erstaunliche Dinge aus lackiertem MDF – meist schlicht in der Anmutung, doch immer mit einem gestalterischen Clou versehen. Ihre Chaosbox beispielsweise sieht auf den ersten Blick aus wie ein Drucker. Kompakt in der Form, dienen kleine Schlitze dazu, für Ordnung auf dem Schreibtisch zu sorgen. Oder aber Ankl – ein skulpturales Objekt, das sich bei genauerem Hinsehen als Ankleide mit Kleiderstange und Regalbrett entpuppt. Statt es jedoch wie bei einem normalen Kleiderschrank mit einer Tür zu verschließen, wird das Objekt mit der Öffnung einfach zur Wand gedreht.

Das ist besonders, ja. Aber das eigentlich Besondere an dieser Ausstellung sind die atmosphärischen Räume des Direktorenhauses. Die handgemachten Stücke kommen hier viel besser zur Geltung als in einem klassischen Museum – vielleicht weil die Objekte zum Wohnen und Benutzen gemacht sind und nicht für die Ausstellung in einem white cube. Am Schönsten wird diese besondere Art der Präsentation in einem kleinen Raum im ersten Stock sichtbar, der dem in Charlottenburg ansässigen Modemacher Frank Leder gewidmet ist. Er fertigt fast altmodisch anmutende Kleidung aus den allerbesten Stoffen und hat damit insbesondere in Japan Erfolg. Liebevoll sind Hemden, Pullover und Hosen auf einem altertümlichen Holzstuhl drapiert, und manch einer würde die Wolle und das Flanell wohl am liebsten anfassen. Wie gut, dass man stattdessen Baden gehen kann mit Frank Leder. Denn er hat eine Kleinserie von Pflegeprodukten kreiert, die auf der Basis althergebrachter Rezepturen basieren. So gibt es ein Shampoo namens Weizenbier, ein Badeöl Deutsche Eiche oder ein Duschgel Hollunderblütensirup – alles abgefüllt in klassischen, apothekerähnlichen Flaschen. Wie die Pflegeserie von Frank Leder heißt? Na, ganz einfach: Tradition.
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