Von Möbeln und Menschen

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Text: Tanja Pabelick, 28.08.2017

Partner: Wilkhahn

Im „Stühletal“ ist Wilkhahn einer der letzten ansässigen Möbelproduzenten. In der Branche einer der wenigen, der Forschung, Entwicklung und Fertigung an einem Ort bündelt. Während die Konkurrenz auslagert, liegt hier zwischen Entwurfsabteilung und Testlabor nur ein kurzer Fußweg. Das macht flexibel. Ein Besuch auf dem Wilkhahn Campus im niedersächsischen Bad Münder.

Bad Münder am Deister ist ein Ort, der nach Land klingt und damit allen Erwartungen gerecht wird. Eine kurze Fahrt hinter Hannover liegen die sanften Hügel, satten Koppeln und grünen Wälder des Ortsteils Eimbeckhausen. In dem typischen Dorf ist eines allerdings anders: Am Straßenrand werben historische Schilder mit abgeblätterten Illustrationen für Stühle. Zur Zeit der Industrialisierung war das Tal zwischen den Bergzügen Deister und Süntel eine Hochburg der Holzindustrie und vor allem bekannt für seine Sitzmöbel. In den Fünfzigerjahren zimmerten die mittelständischen Handwerksbetriebe des Ortes eindrucksvolle 22.000 Exemplare am Tag. Heute arbeiten nur noch wenige Betriebe mit dem lokalen Buchenholz, das einmal Motor der Wirtschaft gewesen ist.

Aus dem Tal in die Moderne
Eines der lokalen Traditionsunternehmen ist Wilkhahn. Vom Holz hat man sich allerdings auch schon länger verabschiedet. Burkhard Remmers, Chef der Unternehmenskommunikation, weist über den Teil des Geländes, auf dem heute die Autos der Mitarbeiter parken. „Früher wurden hier die frisch geschlagenen Stämme getrocknet und gelagert.“ Früher, das waren die ersten Gründungsjahre nach 1907, in denen die verschwägerten Tischlermeister Friedrich Hahne und Christian Wilkening noch ganz schlichte Sitzmöbel fertigten sowie die Zeit ab Mitte des 20. Jahrhunderts. Mit den Deutschen Werkstätten als Partner veränderte Wilkening und Hahne damals sein Produktportfolio, weg von den einfachen Holzgestellen. Plötzlich standen in der Produktentwicklung der damals noch kleinen Fabrik renommierte Architekten wie Walter Papst, Herbert Hirche oder Hartmut Lohmeyer und entwarfen Möbel, die Wilkhahn zum Pionierunternehemen der modernen Möbelgestaltung machten. Vor allem die Zusammenarbeit mit der legendären Ulmer Hochschule für Gestaltung bewahrte Wilkhahn vor dem Schicksal der Nachbarbetriebe, die am Gewohnten festhielten und deren Produkte nicht mehr zum Zeitgeist passen wollten. An die florierenden Jahre des Tals erinnert heute noch das Deutsche Stuhlmuseum Eimbeckhausen in der ehemaligen Stuhlfabrik Wente und Söhne. Wer zum Campus von Wilkhahn fährt, kommt hier vorbei. Vergangenheit und Zukunft liegen Tür an Tür.

Zukunftsthema Arbeit
In Wilkhahns großzügiger, lichtdurchfluteten Ausstellungshalle steht das aktuelle Produktportfolio zum Probesitzen. Der skulpturale Wackelhocker Stand Up von Thorsten Franck schaukelt bunt wie ein Stehaufmännchen neben den ergonomischen Drehstühlen IN und ON mit ihrer revolutionären Trimension-Dynamik. Ende des letzten Jahrtausends schon hatte Wilkhahn sich dem Büro als Zukunftsthema verschrieben und ist vom Sitzmöbelhersteller zum Spezialisten für Arbeitswelten geworden. Auf diesem Weg wurde ein ganzheitliches Verständnis von Produktion in die Unternehmens-DNA integriert. Kulturelle, ästhetische, soziale, ökonomische und ökologische Faktoren gehören zur Unternehmensidentität, die nicht nur in den Produkten spürbar ist, sondern auch auf dem Campus. Der Besuch des Geländes zeigt eine Architektur von innen nach außen, die einerseits als Zeitleiste der Unternehmensgeschichte funktioniert, andererseits die Haltung und Überzeugung transportiert.

Making-of

Vier Zelte im Raps
Die Bauten aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren wurden von den Architekten gestaltet, die auch Wilkhahns Stühle entwarfen. Herbert Hirches Verwaltungsgebäude und Georg Leowalds Fabrikhalle und Kesselhaus sind vom Bauhaus geprägt. Als diese in den 1980er-Jahren mit ihrem Raumangebot nicht mehr ausreichten, wurde vor allem die Ökologie zum Architekturprinzip. „Bei Wilkhahn werden keine zwei Backsteine mehr übereinander gelegt, wenn dabei nicht ein Gebäude entsteht, bei dem Ökologie, Ästhetik und humane Aspekte auf einem Nenner sind", verlangte Fritz Hahne von der weiteren Entwicklung. Er beauftragte den Stuttgarter Architekten Frei Otto und bekam ein Ensemble aus vier Pavillons vorgelegt. Beschwingte, leicht anmutende Konstruktionen, die heute wie weiße Zirkuszelte mitten im gelben Raps stehen. Gefertigt in Holzbauweise in einem Holzgebiet setzen sie auf lokale Ressourcen, aber auch auf die Meinung derjenigen, die hier ihre Arbeitstage verbringen. Nach ihren Wünschen gefragt, erzählten die Näherinnen Frei Otto von ihrem Bedarf nach einer Fußbodenheizung – und bekamen diese in ihrem Pavillon verlegt. Die Wilkhahn-Gebäude folgen mit ihrer Architektur nicht dem Produkt, sondern richten sich auch nach den Anforderung und Arbeitsabläufen der Menschen, die das Produkt herstellen. Dass die demokratische Einbindung der Mitarbeiter automatisch auch zu einer Identifikation führt, spürt man in jedem Gespräch. Spätestens im zweiten Satz wird erwähnt, wie lange man schon für Wilkhahn arbeitet.

Kühne Kathedralen

Geplant waren die vier Pavillons 1988 als klar strukturierte Funktionshallen mit Zuschnitt, Näherei, Polsterei und Montage, die in ihrer räumlichen Organisation so linear aufeinander folgen wie die einzelnen Fertigungsschritte. Zwischen den über 400 Quadratmeter großen Hallen liegen Pausenräume, vor den Fenstern stehen Bänke im Grünen. Treten irgendwo im Ablauf Probleme auf, können die Mitarbeiter sich direkt austauschen und Prozesse lassen sich unmittelbar und dynamisch abstimmen. Wilkhahn versteht sein Unternehmen als lebendigen Organismus, immer bereit sich anzupassen. Im vierten Pavillon wird deshalb auch gerade wieder einmal umstrukturiert. Neuerdings klingeln hier die Telefone der Kundenzentrale, im „wahrscheinlich schönsten Büro von Wilkhahn“, findet Burkhard Remmers mit Blick auf die elf Meter hohe, an eine Kathedrale erinnernde Konstruktion. Die Pavillons sind ungewöhnlich kühne Baulösungen für einen Produktionsstandort und wurden auch von einigen Nachbarn nicht sofort verstanden. Eine Anekdote erzählt davon, wie in der ersten Bauphase der Pavillons ein Besucher nach dem Weg zu Wilkhahn fragte. „Das ist ganz einfach“, wurde ihm geantwortet. „Sie fahren bis dahin, wo diese neue Kirche gebaut wird. Wilkhahn ist daneben“.

Rundgang durch die Produktion: Im ersten Frei-Otto-Pavillon ist der Zuschnitt untergebracht. Wo das Leder gestanzt wird, entscheiden Mitarbeiter ja nach Beschaffenheit der Haut.
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Ausblick für alle
Heute erfüllt der Campus in Bad Münder auch die Aufgabe einer Landmarke. Dazu trägt die jüngste, größte und vorerst letzte Erweiterungsstufe des Architekturensembles bei, eine 8.000 Quadratmeter große Allzweckhalle von Thomas Herzog aus dem Jahre 1992. Als Vertreter einer umweltgerechten Architektur entwarf er den phänomenalen Block mit einer Tragkonstruktion und Fassadenverschalung aus Holz, mit Dachbegrünung und Solarpaneelen. Dessen herausstechendste Qualität lässt sich am besten unmittelbar erleben. Die hohen Fenster lösen die Grenze zu den davorliegenden Feldern auf und die weite Hallenfläche wird vom Tageslicht erhellt. Nahezu jeder Arbeitsplatz hat ein eigenes Panorama. Aufgeteilt in drei stützenfrei überspannte Hallen und vier tragende Blöcke, in denen Büro und Verwaltung untergebracht sind, bringt die Architektur Administration und Produktion direkt zusammen und fördert gegenseitige Transparenz.

Dorf im Dorf
Die Bauten des Campus bieten aber nicht nur schöne Arbeitsplätze, sondern reflektieren mit ihrer Haltung zu sozialen, ökologischen und ästhetischen Aspekten die Unternehmensidentität. Zu dieser Identität gehört auch der Ort Eimbeckhausen, seine Geschichte und die des Unternehmens mit seinem Mut zu Innovation und Wandel. Am Ende des Tages führt Gisela Hahne, die Enkelin des Unternehmensgründers und Leiterin des Unternehmensarchivs durch die aktuelle Ausstellung Hochstapler, die in einer nahegelegenen, von Wilkhahn mitgenutzten Galerie gezeigt wird. „Wir sind an einem Ort, der in Vergessenheit gerät“, sagt sie. „Wenn man hier der größte Arbeitgeber ist, muss man auch was für die Region tun. Das heißt auch, sich auf einem Dorffest zu engagieren.“ Während wir die Straße vor dem Campus passieren, begegnen uns die ersten Mitarbeiter auf dem Weg in den Feierabend. Es wird nach Gesundheit und Familie gefragt, nebenbei werden ein paar Details zu aktuellen Aufträgen oder einem Produktionsstatus ausgetauscht. Eimbeckhausen hat einst Stuhlgeschichte geschrieben. Auf dem Campus von Wilkhahn ist das Dorf noch heute lebendig.

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