Von Nebelgärten und Taufängern

7

Text: Cordula Vielhauer


Wasser – nicht Öl – ist unsere wertvollste Ressource. Während uns das in Mitteleuropa in einem heißen Sommer vor allem beim fehlenden Kühlwasser für die Stromerzeugung bewusst wird, geht es in den Wüstenregionen der Erde ums nackte (Über-)Leben. Ein Studentenprojekt in Chile widmete sich in den Jahren 2008 und 2009 neuen Strukturen und Techniken, mit denen in der Wüste Wasser gewonnen und verteilt werden kann. Entwickelt haben die Architekturstudenten der Technischen Universität Federico Santa María in Chile die „Textilmaschinen“ genannten Prototypen für die Wüste von Atacama, einer der klimatisch extremsten Regionen der Erde. Entstanden sind einige sowohl funktional als auch ästhetisch überzeugende Entwürfe, die wir hier vorstellen.

In der Wüste von Atacama kann man ein wunderschönes Naturschauspiel beobachten: Unterhalb der Berggipfel sammeln sich in den frühen Morgenstunden große Nebelfelder, die als Wolken in den Tälern hängen und die Pflanzen hier mit Feuchtigkeit versorgen. Camanchaca heißt dieses Phänomen, dessen Farbenspiel vor dem Hintergrund des rötlich-braunen Wüstensandes besonders eindrucksvoll wirkt.Viel Feuchtigkeit beziehungsweise Tau bleibt allerdings nicht hängen, weshalb ein Großteil der örtlichen Pflanzenarten bereits vom Aussterben bedroht ist.

Dynamische Textilmaschinen


Das im Jahr 2008 an der TU Federico Santa Maria abgehaltene Entwurfsseminar mit dem Titel „Tardonaturalezas Textiles“ – was man ungefähr mit „post-natürliche Textilien“ übersetzen könnte – will textile Strukturen zur Wassergewinnung aus der Camanchaca nutzen. Entworfen wurden so genannte „Nebelfänger" oder auch „Taufänger", die jedoch sehr viel komplexer arbeiten als herkömmliche Modelle. Das Besondere dieser Konstruktionen besteht nämlich darin, dass sie nicht monofunktional und standardisiert für den einen Zweck, Tau zu sammeln, konzipiert wurden, sondern selber gleichsam organisch operieren und sich ihrer Umgebung anpassen. Sie funktionieren praktisch wie eine „optimierte Natur": Die eingesetzten Strukturen passen sich graduell den Feuchtigkeitsverhältnissen an und sind in der Lage, die vorhandenen dynamischen Klimaprozesse aufzunehmen, auszubalancieren oder zu beschleunigen.

Die Studenten entwickelten sechs unterschiedliche Prototypen der Textilmaschinen, die sie als Ensemble mit dem Namen „Nebelgarten" auf dem Experimentierfeld im Wüsten-Forschungszentrum von Atacama errichteten, rund 60 Kilometer südlich der Stadt Iquique. Als Textilien verwendeten die Studenten „Rashell-Netze" (ein spezielles, teilweise UV- und wasserdurchlässiges Gewebe, das als Wasserfilter, zur Taugewinnung und in Gewächshäusern eingesetzt wird), zudem wurden Eisenfäden, Metallprofile, Drähte und Zink benutzt. Die Taufänger sind jedoch nicht nur funktional – den Studenten ist es auch gelungen, jedem Prototyp eine eigenständige, an natürlichen Formen orientierte Gestaltung zu verleihen. Je nach Modell erinnern die Textilmaschinen an Spinnennetze, Schlingpflanzen, Insektenkörper oder Kristallstrukturen.

Prototypen botanischer Infrastruktur

Das im Jahr 2009 durchgeführte Seminar mit dem Titel „Infrabotanicas Textiles“ – sinngemäß übersetzt heißt das „Prototypen botanischer Infrastruktur“ – hatte zum Ziel, die Taufänger noch weiter zu entwickeln: Wasser soll nicht nur aus der Luft absorbiert und verteilt werden, es geht auch darum, das Wachstum der örtlichen Pflanzen gezielt zu fördern. Das funktioniert so: Bei der Bewässerung wird das Erdreich befeuchtet; die Strukturen der Prototypen sorgen dafür, dass diese feuchte Erde nicht durch Erosion abgetragen werden kann, sondern eine haftende Schicht entsteht, in der die Pflanzen Wurzeln schlagen können. Diese „Infrabotanicas Textiles“ wurden in Form eines botanischen Gartens ebenfalls im Wüstenzentrum von Atacama erprobt.

Mehr Beiträge zu unserem Schwerpunkt Nachhaltigkeit hier.

Portraits, Hintergrundberichte und Reportagen zum Zeitgeschehen im Designbereich.