Vorschau Orgatec 2014: Zwischen allen Stühlen

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Text: Jasmin Jouhar

Büromöbel? Sind schwarz, weiß, grau. Sind aus harten Materialien mit glatten Oberflächen und machen auf Technologie. Sitzmaschinen mit Hebeln und Knöpfen, elektrisch höhenverstellbare Arbeitsplätze oder Konferenztische mit Aluminiumbeinen wie Flugzeugtragflächen. Auch Stehleuchten, Sideboards, Trennwände sind schön eckig auf Raster getrimmt. Die Arbeitswelt ist eine Welt der Ingenieure und großen Jungs mit Lieblingsspielzeug. Oder besser: war? Denn die kommende Ausgabe der Büro- und Objektmöbelmesse Orgatec nächste Woche in Köln verspricht: Arbeiten wird weicher, farbiger, runder, kurz – wohnlicher. Arbeiten soll nicht mehr nach Arbeit aussehen.

Alle zwei Jahre verwandelt die Branche das Kölner Messegelände in Europas größte Bürolandschaft: In sechs Messehallen zeigen dieses Mal rund 620 Hersteller aus 40 Ländern ihre neuen Drehstühle, Workbenches, Akustikpaneele, Loungesofas, Arbeitsleuchten, Teppichböden. Und wer nicht mit einem Stand auf der Orgatec selbst vertreten ist, der präsentiert sich in Ausstellungen und Showrooms in der Innenstadt. Der Veranstalter Koelnmesse vermeldet hervorragende Aussichten, größere Stände als zur letzten Orgatec 2012 und Internationalität: Zwei Drittel aller Aussteller kommen aus dem Ausland. Zumindest die deutschen Büromöbelhersteller sind allerdings in nicht ganz so ungetrübter Stimmung, war 2013 doch ein „zähes Jahr“ mit Umsatzeinbußen von rund fünf Prozent, wie der Branchenverband bso mitteilt. Die Kurve zeigt für das laufende Jahr allerdings leicht nach oben, die Branche erwartet einen Zuwachs von rund zwei Prozent.

Arbeitest du noch?
Und damit sich die Kurve auch weiterhin in die richtige Richtung entwickelt, setzen viele Unternehmen auf einen Richtungswechsel. Weg von der nüchternen, technischen Erscheinung, hin zu mehr Design. Die Ästhetik der Produkte wird betont, und die orientiert sich oft an skandinavischen Werten, wie es die Wohnmöbel in den vergangenen Jahren vorgemacht haben. Die Neuheiten kommen mit viel Farbe und Textilien, in organischen, harmonischen Formen, mit haptischen Oberflächen und natürlichen Materialien. Die bei Büromöbeln häufig unvermeidliche Mechanik wird, wenn nicht kaschiert, so doch zumindest nicht herausgestellt. Die Hersteller probieren sich an Typologien aus der Wohnwelt. Arbeitest du noch oder wohnst du schon?

Ab ins Nest
Der amerikanische Hersteller Haworth beispielsweise zeigt zur Orgatec seine mit Patricia Urquiola entwickelte Kollektion Openest aus Trennwänden, Sofas und Tischchen. Die spanische Designerin baut voll auf die für sie typisch ausladenden Formen und üppigen Textilien – nicht gerade die übliche Büroästhetik. Arper stellt das erste Mal auf der Orgatec aus und hat gleich drei Neuheiten mitgebracht: Die beiden Stuhlmodelle Catifa Sensit und Kinesit und der Tisch Cross bleiben der reduzierten, eleganten und zugleich frischen Linie der Italiener treu. Vitra wiederum kündigt einen neuen Stuhl von Konstantin Grcic an: Allstar hat die mechanischen Fähigkeiten eines vollwertigen Bürostuhls, wirkt aber offener, verspielter. Er soll im Büro „Wohnlichkeit und Vertrautheit“ bieten, so das Unternehmen.

Von Mailand nach Köln
Allstar setzt Grcics Auseinandersetzung mit der Typologie des Arbeitsstuhls fort. Zum diesjährigen Salone del Mobile hatte der deutsche Designer bereits den historisch inspirierten Drehstuhl Rival für die Vitra-Firma Artek und das Update eines Werkstattstuhls namens Tuffy für Magis gezeigt. Und mit seinem Interesse für hybride Formen zwischen Büro, Werkstatt und Wohnraum ist er nicht allein: Ronan und Erwan Bouroullec hatten sich in Mailand mit Uncino für Mattiazzi meisterhaft zwischen alle Stühle gesetzt. Ohnehin zeichneten sich mit der Vermischung der Sphären bereits beim Salone Trends ab, die die Orgatec nun bestätigt. Diese Vermischung beschränkt sich jedoch nicht auf die Gestaltung, sondern betrifft auch die Strukturen der Möbelbranche: Der schwedische Herstellers Kinnarps kam dieses Jahr nach Mailand, um sich seine Büro- und Objektmöbel vom italienische Designer Luca Nichetto in häuslicher Atmosphäre mit Holzboden und Pflanzen inszenieren zu lassen. Umgekehrt suchen manche Wohnmöbelhersteller ihr Glück jetzt im Büro- und Contractbereich. Schließlich ein großer Markt, der Ausgleich verspricht für den derzeit schwächelnden Wohnsektor.

Nicht die üblichen Verdächtigen
Poltrona Frau beispielsweise präsentierte zum Salone eine Executive-Office-Kollektion von Rodolfo Dordoni mit dem smarten Namen Jobs und wird auch an der Orgatec teilnehmen. String kommt mit dem neuen Programm String Works, basierend auf seinem Regalklassiker und bestehend aus Arbeitstisch, freistehenden Aufbewahrungslementen und Büroaccessoires. Mit dabei in Köln sind zudem die designorientierten dänischen Marken Gubi, Hay, Muuto und Fritz Hansen. Sie stellen existierende Wohnprodukte in einen neuen Kontext oder passen sie an. Gubi beispielsweise zeigt den Stuhl Masculo von Gam Fratesi nun auch mit drehbarem Fußkreuz. Hay verspricht eine erweiterte Version seines Regalsystems New Order von Stefan Diez mit dem Namen Workspace Elements: Das bislang fürs Wohnen gedachte System wird mit Akustikelementen, Tischbeinen und -platten und Accessoires nun auch arbeitsplatztauglich.
 
Arbeiten in Marmor
Noch einmal kurz zurück zum Salone 2014, wo Marsotto, der Spezialist für High-End-Möbel aus Marmor, mit Working on Marble auf sich aufmerksam machte, einer ganzen Serie von Marmorobjekten namhafter Designer. Nun sind Konferenztische und Sekretäre komplett aus Naturstein vielleicht nicht für das Headquarter einer Bank oder Versicherung mit tausend Arbeitsplätzen geeignet, aber solch eine Kollektion steht exemplarisch für die Tendenz, die oft begrenzte Ästhetik der Arbeitswelt anzureichern mit fremden Elementen.

Biedermeier-Büro

Nur warum die ganze Heimeligkeit, warum das biedermeierhafte Gerede von Entspannung, Entschleunigung und Schutz in den Pressetexten der Neuheiten? Eigentlich gehen wir ja nicht zum Vergnügen ins Büro. Ganz einfach: Weil es uns gutgehen soll beim Beantworten der E-Mails, beim Anlegen der Excel-Tabellen, beim Absitzen der Meetings. Wohlfühlen ist die Vokabel, die zur Orgatec 2014 über allem schwebt. Ob als Verheißung oder Damoklesschwert, wird sich nächste Woche zeigen. Es ließen sich zahllose Studien zitieren, die aus allen nur denkbaren Perspektiven bewiesen haben: Wer sich wohlfühlt, arbeitet besser und vor allem: produktiver. Und Wohlfühlen assoziieren Hersteller, Marketingleute, Designer, CEOs offensichtlich mit unserem privatesten Raum, dem Zuhause.

Privatissimum
Paradoxerweise geht die Zahl der Menschen, die in Deutschland ein Home Office nutzen, zurzeit zurück, wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in diesem Jahr gemeldet hat. Während also weniger Menschen in ihrem tatsächlichen Zuhause arbeiten, avanciert die private Atmosphäre im Büro zum Ideal. Das ist zu verstehen als Reaktion darauf, dass Arbeit in den vergangenen Jahren ihren klar begrenzten Ort verloren hat, mobil geworden ist. Und der einzelne Mitarbeiter in der großen, globalisierten Welt austauschbar. Der Arbeitsplatz soll wirklich ein klar definierter Platz mit eigenem Charakter sein, soll uns verorten, uns Halt und Identifikation bieten, uns sogar schützen vor den Zumutungen der Welt. Dass dahinter weniger Menschenliebe als vor allem der Eigennutz der Arbeitgeber steckt, steht außer Frage. Und dennoch: Wenn unsere Arbeitsplätze künftig freundlicher aussehen, weniger schwarz-weiß und technisch, wenn Raum ist sowohl für konzentrierte Anspannung als auch heitere Entspannung, für Rückzug wie Austausch, dann wird die Bürowelt tatsächlich ein kleines bisschen besser.

Orgatec-Preview: Zahlreiche Messeneuheiten sehen Sie in der Bildergalerie über diesem Text.

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