Vorschau auf den DMY 2013: Neue Produktkultur

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Text: Tanja Pabelick, 05.06.2013


Das Handwerk war viele Jahrzehnte aus der Designwelt ausgeschlossen. Zuletzt feierte es eine fulminante Rückkehr, und wir fragten uns, wohin das führen würde. Ein Blick auf die Exponate des diesjährigen Berliner Designestivals DMY zeigt: Für viele Designer hat die Ausweitung der Professionszone nicht nur die Arbeit und ihre Grenzen in Frage gestellt. Kurzentschlossen werfen sie auch andere Traditionen über den Haufen. Endlich.
 
Der Film beginnt im Dunkeln. Wie Funken tanzen ein paar Lichtreflexionen im Unschärfebereich. Dann Feuer, das den verzerrten Schatten eines Mannes an die Wand wirft. In seiner Hand hält er ein langes Instrument. Der Schweiß tropft ihm von der Stirn. Er wirbelt das Instrument durch die Luft, pustet hinein, bis an dessen Ende ein glühender Ballon entsteht. Der Mann ist Glasbläser, und wir werden über neun Minuten Zeuge seiner Arbeit, die gleichermaßen ein poetischer Tanz wie ein mühsamer Kampf ist. Eingefangen hat diese eindrucksvollen Momente der Eindhovener Absolvent Philipp Weber. „Creation of a Strange Symphony“ heißt sein Film und war in diesem Jahr schon auf einigen Kurzfilmfestivals zu sehen. Der eigentliche Protagonist ist aber weder der Designer noch der Handwerker. Sondern das Werkzeug.
 
Manipulierte Traditionen
 
Das Werkzeug, das Christophe, der Glasbläser, benutzt, wurde von Philipp Weber entworfen. 2000 Jahre hatte niemand die Flöte in Frage gestellt, 2000 Jahre wurde der anderthalb Meter lange Blasstab aus Metall nur minimal verändert. Das Ding, das Christophe jetzt in den Händen hält, erinnert an eine überlange Trompete. „Ich hatte schon länger den Wunsch, die Welt des Glasblasens kennenzulernen“, erzählt Philipp Weber „Als ich in Belgien war, konnte ich Christophe arbeiten sehen und ich fragte mich: Wie kann ich ihn dafür interessieren, mit mir zu arbeiten?“. Die Antwort: Indem er ihm ein neues Spielzeug gibt. Der Designer überarbeitete das Requisit des Handwerkers – ein Experiment für beide Seiten. Die manipulierte Flöte hat mehrere Luftausgänge, die sich ganz wie bei einem Instrument über Tasten steuern lassen. Was am Ende dabei entstehen würde, konnte Philipp Weber nicht wissen: „Ich wollte, dass das neue Instrument Christophe zur Improvisation inspiriert.“ Gemeinsam testeten sie die Grenzen aus. Christophe an der Flöte, Philipp als Co-Regisseur des Prozesses und hinter der Kamera. Am Ende stand ein Film, unzählige Glasobjekte zwischen dekorativ und funktional – und eine Flöte, deren Möglichkeiten noch lange nicht ausgeschöpft sind.
 
Die Hand am Werk
 
Wie bei vielen anderen Designern seiner Generation endet Philipp Webers Horizont nicht bei Stuhl, Tisch und Leuchte. Sie schauen sich die Objekte unserer Welt an, kritisch, unvoreingenommen. Fragen sich, warum sie so aussehen, wie sie aussehen. Die Angst vor imperfekten Oberflächen oder Entwürfen, die im Prozess stecken bleiben, haben sie abgelegt. Das Wort Industrie in Industriedesigner ist nur noch eine Facette von vielen. Die jungen Designer geben sich als Prozessgestalter, probieren sich als Handwerker und Erfinder. Diese Haltung rührt auch aus der Tatsache her, dass sich die Produkte sowohl vom Designer als auch vom Nutzer entfremden. „Maschinen werden immer unabhängiger vom Menschen. Mit der Folge, dass den Dingen, die wir jeden Tag sehen und benutzen, der typisch menschliche Touch abhanden kommt“, fasst der niederländische Gestalter Floris Wubben den Stand der Dinge zusammen.

In den Berliner Flughafenhallen stellt er anlässlich des DMY 2013 eine Maschine vor. Aber eine, die nicht ohne externes Zutun etwas auswirft. Am Anfang steht ein Klumpen Ton, eingespannt in die sogenannte pressing-machine. Ab diesem Zeitpunkt ist Initiative gefragt: Es wird ein Strangpressprofil gewählt, durch das das Rohmaterial gequetscht wird. Bewegung, Druck und Rotation des Bedienenden beeinflussen das Objekt. „Mensch und Maschine arbeiten in Harmonie“, so Floris Wubben. Dass Objekt und Mensch durch den gemeinsamen Prozess eine Bindung zueinander entwickeln, ist ebenso ein Faktor, und, wenn man die zerknautschten Gefäße aus der Maschine betrachtet, wahrscheinlich auch von Nöten. Makellose Schönheit spielt im Vergleich zur emotionalen Bindung eine untergeordnete Rolle. Lassen sich daraus gesellschaftliche Veränderungen ableiten? Ist das der Zeitgeist?
 
Erzählung in Rot-Weiß
 
Die Kollektion von Maren Bönsch spricht dafür – zumindest was den Aspekt der emotionalen Bindung durch ein narratives Moment betrifft. Die Berlinerin hat sich in ihrer Abschlussarbeit an der Universität der Künste dem Teppich gewidmet – einem Objekt, dass sich traditionell an der Grenze von funktional und dekorativ bewegt und in vielen Kulturen durch seine aufwändige Fertigung als Statussymbol gilt. Daher wird der Teppich von Generation zu Generation weitergegeben – Familienhistorie inklusive. Maren Bönschs Teppiche bilden allerdings keinen Stammbaum ab, sondern individuelle Lebenslinien, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Werte, wie Gesundheit, Freiheit und Glück. All das wird nach einem persönlichen Interview der Designerin mit ihrem Auftraggeber in festgelegte Symbole übertragen und grafisch miteinander verwebt. Maren Bönsch wird so zur Biographin. Und der Teppich soll den Besitzer an seine eigene Geschichte, aber auch an gesetzte Ziele und Hoffnungen erinnern.
 
Maren Bönsch, Floris Wubbe und Philipp Weber zeigen, was sie und ihr Umfeld bewegt. In dieser Rolle sind sie nicht nur Designer, sondern auch Dokumentare eines Wandels, der Abkehr vom Besitz um des Besitzens Willen. Von Förmchen-Produkten, von der vordergründigen und einfach zugänglichen Ästhetik. Ein Wandel hin zu einer neu interpretierten Produktkultur, zu einer Profession, die ihre unterschiedlichen Einflüsse und Faktoren derzeit im Schleuderprogramm rotieren lässt.

Pflaster für Möbel, leuchtende Ecken und jede Menge Tipps rund um das kreative Berlin: Alle Beiträge unseres Specials zum DMY 2013 lesen Sie hier.
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