Vorschau auf die Kölner Möbelmesse 2011

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Text: Norman Kietzmann


Die Aussichten waren nicht immer rosig für die imm cologne in den vergangenen Jahren. Erst liefen der einst wichtigsten Möbelmesse die Aussteller davon und dann auch noch die Besucher. Doch damit soll nun Schluss sein: Bereits 2010 hat sich die neue Messeleitung sichtlich ins Zeug gelegt, den alten Dampfer wieder in Fahrt zu bekommen. Gleich zwei neue Plattformen sollen in diesem Jahr für zusätzlichen Antrieb sorgen: die Küchenmesse Living Kitchen, die gleich drei große Messehallen bespielen kann, sowie die kleine, aber ausgewählte Stoffmesse Pure Textile. Kommt die Kölner Möbelmesse womöglich doch wieder in Fahrt?


Klappern gehört bekanntlich zum Geschäft. Das gilt für Messen umso mehr. Gefehlt hat es der Kölner Möbelmesse an Selbstbewusstsein bislang nie – auch dann nicht, als sie sich selbst angesichts leerer Hallen noch zum Nabel der Designwelt kürte. Doch der Tonfall ist bescheidener geworden. Man könnte auch sagen: realistischer. Die imm cologne bewirbt sich heute als „die internationale Einrichtungsmesse“, die sie zweifelsohne auch ist. Aber sie ist eben längst nicht mehr die einzige.

Der Impuls für diesen Perspektivwechsel kam vor genau zwei Jahren. Als erste der großen Designmessen spürte die Imm 2009 die Auswirkungen der Krise und musste kräftig einstecken. In Halle 11, wo sich traditionell die wichtigsten zeitgenössischen Möbelhersteller präsentieren, standen plötzlich weite Teile leer. Das wäre nicht so schlimm gewesen, wenn nicht im selben Jahr die Messen in Paris, Mailand und Stockholm eine volle Auslastung vermeldet hätten. Etwas musste also passieren, um die Messe nicht weiter ins Abseits zu manövrieren. Zum Vergleich: Kamen 1998 noch 145.000 Besucher auf die imm, waren es im Jahr 2009 weniger als 100.000.

Ausweg durch Kooperation


Für Gerald Böse, der nur wenige Wochen zuvor im November 2008 zum neuen Leiter der Kölnmesse ernannt worden war, wurde die Neuausrichtung der imm zur Chefsache. Unter seinem Druck geschah, was zuvor als undenkbar galt: Die Institution begann sich plötzlich zu öffnen. Anstatt die Passagen – das alljährlich stattfindende Off-Programm in der Stadt – wie bislang zu ignorieren, wurden sie in den gemeinsamen Auftritt integriert. Von der Website der imm führt heute sogar ein direkter Link auf das Passagen-Programm, als wäre dies eine Selbstverständlichkeit und kein Schulterschluss zwischen einstigen Kontrahenten.

Auch in den Messehallen selbst ist die Stadt auf einmal angekommen: Wurden 2010 im so genannten Pure Village in Halle 3.2 bereits externe Standorte wie die nur wenige Meter gegenüber dem Messegelände befindliche Designpost oder das KAP-Forum an der Agrippinawerft mit eigenen Ständen integriert, wird die Strategie in diesem Jahr noch weiter verstärkt. Als interdisziplinäres Ausstellungsformat sind Branchen jenseits der Möbelgestaltung ausdrücklich erwünscht. So reihen sich Leuchtenhersteller wie Zumtobel oder Philips an Badhersteller wie Kaldewei oder Burgbad neben Fußbodenherstellern wie Parador oder Vorwerk. Auch Siedle ist im Pure Village mit einem Auftritt rund um das Thema Schwelle vertreten, während parallel in Kooperation mit der Zeitschrift Arch+ eine Veranstaltung der Factory von Mike Meiré stattfindet.

Durchmischung der Aussteller


Bewegung kommt nicht zuletzt auch in Halle 11. Bereits im vergangenen Jahr wurde sie gegenüber kleineren und noch nicht ganz so etablierten Ausstellern geöffnet, die bislang eher im Programm der Passagen zu vermuten gewesen wären als im offiziellen Rahmen der Messe. Neben großen deutschen Möbelherstellern wie Brühl, Walter Knoll, Interlübke, Cor oder Richard Lampert kommen in diesem Jahr auch mehrere italienische Hersteller wie Bonaldo oder Kartell wieder nach Köln zurück, die dem Rhein in den letzten beiden Jahren den Rücken kehrten. „Deutschland ist für uns nicht nur ein vorrangiger Markt, sondern auch das wichtigste Tor zu den osteuropäischen Staaten“, erklärt Claudio Luti, Vorsitzender von Kartell, das wieder entflammte Interesse an Köln.

Steht für ihn die Erschließung neuer Märkte im Vordergrund und weniger die Lancierung neuer Produkte, nutzt der französische Hersteller Ligne Roset seit jeher die imm cologne zur Präsentation seiner Neuheiten, darunter diesmal Entwürfe von François Azambourg, Patrick Jouin oder Jean Nouvel. „Die imm cologne ist ausländischen Herstellern gegenüber sehr aufgeschlossen, mehr als 50% stammen nicht aus dem deutschsprachigen Raum“, bestätigt Pierre Roset, Präsident von Ligne Roset, die internationale Ausrichtung der imm. Insgesamt 100.000 Produkte kündigt die Kölnmesse für die kommende Woche an, darunter sogar ein Drittel Neuheiten.

Schwerpunkt Küche


Hohe Erwartungen werden derweil an die neu gegründete Küchenmesse Living Kitchen geknüpft, die mit den Hallen 5, 4.1 und 4.2 eine ähnlich große Fläche bespielt wie die gesamte Halle 11. Neben Küchenherstellern wie Warendorf, Leicht oder Poggenpohl sind dort ebenso Geräte-Produzenten wie AEG, Bosch, Siemens, Bauknecht, Gaggenau, Küppersbusch oder Miele vertreten, gemischt mit Armaturenherstellern wie Dornbracht oder KWC. Damit zielt die Messe in zwei Richtungen gleichzeitig: Einerseits soll die Küche durch die direkte Nähe zu den Möbelherstellern stärker mit dem Wohnraum verzahnt werden. Andererseits fällt vor allem den Geräteherstellern eine wichtige Rolle bei der nachhaltigen und umweltverträglichen Ausrichtung der Küche zu, wodurch deren geballte Präsenz auf dieser Messe gerechtfertigt ist.

Erwartet werden unter anderem eine neue Küchenlinie von Philippe Starck für Warendorf, eine besonders geräuscharme Deckenlüftung bei Gaggenau sowie ein Armaturensystem von Dornbracht, das ohne Verzögerung kochend heißes Wasser aus dem Hahn lässt. Eine Küche von archaisch-sinnlicher Qualität wird der italienische Holz-Möbelhersteller Riva präsentieren, die von Matteo Thun als offene Feuerstelle entworfen wurde. Neu hinzugekommen ist in diesem Jahr auch die Textilschau Pure Textile im Untergeschoss der Halle 11, auf der sich Hersteller wie Nya Nordiska, Création Baumann, Kinnasand oder Zimmer + Rohde gemeinsam präsentieren. Betont stofflich geht es ebenso in der Designpost weiter, wo der dänische Textilhersteller Kvadrat mit neuen Entwürfen des Schweizer Designers Christian Zuzunaga vertreten ist.

Satelliten im Stadtgebiet

Auch sonst ist das Passagen-Programm dicht gefüllt: Mike Meiré zeigt in seiner Factory in der Lichtstrasse die Installation „Back Room“, bei der der Raum als „Archetyp von Kontrolle und Wahn, von Ordnung und Irritation, von Intellekt und Trieb“ auf den Plan gerufen werden soll und wo der als nicht jugendfrei angekündigte Film des Video-Künstlers Marco Brambilla zu sehen sein wird. Im Museum für Angewandte Kunst präsentiert der italienische Hersteller Riva erneut die Kollektion Briccole Venezia, die aus recycelten venezianischen Holzpfählen gefertigt wurde, während die Kunstbar gegenüber dem Alten Wartesaal in ihrem dritten Jahr mit der Arbeit „Curtain Wall“ des Künstlerpaares Joeressen + Kessner bespielt wird.

Näher zusammengerückt ist diesmal auch der Nachwuchs. Die Plattform Designer‘s Fair wurde dafür vom Gebäude der einstigen Bahndirektion am Rheinufer in die gegenüberliegende Seite der Stadt verlegt und dem Design Parcours Ehrenfeld angeschlossen. Das Viertel entlang der Venloer Straße, in dem sich ohnehin zahlreiche Designbüros, Werkstätten, Ateliers und Geschäfte aneinanderreihen, wird nun durch zahlreiche temporäre Ausstellungen von Jungdesignern durchmischt. Haben sechs weitere Jungdesigner das Wallraf-Richartz-Museum zu ihrer Plattform erkoren, wird die Bar Hallmackenreuther zur Anlaufstelle für junges Design im Belgischen Viertel. Ob sich der Dampfer tatsächlich bewegt, zeigt die kommende Woche. 




Unsere Sponsoren auf der imm cologne / Living Kitchen

> Ligne Roset / 11.3 O020-P021
> Brühl / Halle 11.1 A010-020-B011-021
> Warendorf / Living Kitchen / Halle 4.2 / B030-C039
> Gaggenau / Living Kitchen / Halle 4.2 / C051
> Dornbracht / Living Kitchen / Halle 4.2 / B048
> Zumtobel / Pure Village / Halle 3.2 / B034
> Philips / Pure Village / Halle 3.2 / C028
> Siedle / Pure Village / Halle 3.2 / D029



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