Vorsicht Falle: das Home Office

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Text: Cordula Vielhauer


Zu Hause arbeiten: Für die einen ist es eine Qual, für die anderen eine entspannte Alternative zum Nine-to-Five-Job, für manche schlichte Notwendigkeit. Doch ohne Schreibtisch in der Wohnung kommen die wenigsten von uns aus, und sei es auch nur, um anfallende Rechnungen zu bearbeiten, Briefe zu schreiben oder im Internet zu surfen. Trotzdem wollen wir uns hier nicht wie im Büro fühlen. Vielen von uns ist eine wohnliche Atmosphäre wichtig. Und wer kein eigenes Arbeitszimmer hat, zu dem er die Tür schließen kann, der möchte wenigstens nicht ständig an die Arbeit erinnert werden, wenn er sich ausruht, seine Mahlzeiten einnimmt oder Freunde einlädt. Arbeit und Freizeit nicht zu vermischen, ist dabei grundsätzlich die größte Herausforderung an des Heimarbeiters Disziplin. Ein paar Regeln können dabei helfen – und die richtige Arbeitsumgebung. Wir stellen einige Grundsätze vor und widmen uns den räumlichen Varianten des Home Office vom Arbeitszimmer über den Sekretär bis zum Laptop-Klapptisch.
 

Es ist Nachmittag, Sie sitzen im Schlafanzug am Computer, neben Ihnen stapeln sich leere Joghurtbecher und Kaffeetassen. Das Mittagessen ist heute ausgefallen, dafür hat eine Familienpackung Kekse nahezu unbemerkt den Weg in Ihren Magen und in die Zwischenräume Ihrer Tastatur gefunden; immerhin haben Sie schon die Wohnung gesaugt und endlich mal wieder den Kühlschrank abgetaut. Gerade ertappen Sie sich dabei, noch schnell nach einem Weihnachtsgeschenk für den Schwiegervater zu surfen, da klingelt es an der Tür ... Und? Haben Sie sich in dieser Beschreibung erkannt? Wenn ja, sollten Sie sich womöglich schleunigst ein Gemeinschaftsbüro suchen oder aber Ihre Arbeitsgewohnheiten grundlegend ändern.

Der Anzug als Büro

Denn auch wenn der Büroarbeitsplatz selbst immer kuschliger wird und sich unter den aktuellen Büromöbel-Neuheiten immer mehr Hybride befinden, die auch im Wohnbereich eine gute Figur machen – Heimarbeiter müssen Berufliches und Privates strikt trennen. Dabei geht es nicht nur um die schon sprichwörtliche Kühlschrankfalle, sondern auch um Zeitfresser wie spontane Besucher und unerledigte Hausarbeit. Die Arbeit am heimischen Schreibtisch muss genauso ernst genommen und organisiert werden wie die im Büro. Dabei helfen Routine und Rituale. Wer ausschließlich zu Hause arbeitet, sollte sich unbedingt feste Zeiten einrichten und sich möglichst auch so anziehen, wie es seiner Profession entspricht. Gut gekleidet fühlt man sich nicht nur viel professioneller, so ein Businessdress ist auch ein wahrer Schutzanzug gegen die Versuchung, auf allen Vieren endlich den Staubmäusen unter dem Sofa den Garaus machen zu wollen. Wer dagegen nur ausnahmsweise zu Hause bleibt oder gar vom Krankenbett aus unbedingt noch E-Mails checken will, darf dies selbstverständlich gerne mit dem Laptop auf dem Sofa lümmelnd tun.
 
Kunst- und Tageslicht
 
Im Grunde muss der Arbeitsplatz zu Hause nämlich nur eine einzige Anforderung erfüllen: Er soll uns dazu einladen, hier gerne zu arbeiten. Wer zu Papier und Bleistift also ein ähnlich inniges Verhältnis hat, wie der normale Schreibtischtäter zu einem Faustkeil aus dem Neolithikum, der braucht vermutlich keine wie auch immer geneigte Platte zum Arbeiten mehr. Ansonsten gelten für diese beziehungsweise das Arbeitszimmer nahezu die gleichen Regeln wie für die Einrichtung des Büroarbeitsplatzes: Ein ausreichend großer Tisch, ein bequemer, verstellbarer Drehstuhl und die richtige Belichtung – sowohl eine Grundbeleuchtung als auch eine fokussierende Schreibtischleuchte – sind die Grundvoraussetzungen für einen gesunden Arbeitsplatz. Wer viel zu Hause arbeitet, sollte seinen Schreibtisch zudem so hinstellen, dass er nicht gegen eine Wand blickt, sondern diese im Rücken hat – zwischen ihr und dem Tisch sollte ein guter Meter Platz bleiben. Wer nicht gerade an einem nach Norden ausgerichteten Fenster sitzt, platziert seinen Schreibtisch am besten rechtwinklig zur Scheibe, um nicht geblendet zu werden. So kann der Blick zudem von Zeit zu Zeit nach draußen schweifen, was besonders bei Bildschirmarbeitern die Augen schont.

Ausstattung und Accessoires

Eine sortierte Ablage in Reichweite, ein gut zugänglicher Platz für Drucker, Telefon und sonstige Elektrogeräte sowie ein aufgeräumtes Regal für Fachbücher, Aktenordner und Unterlagen verstehen sich von selbst. Dabei liegt der größte Unterschied bei der Ausstattung des Home Office im Gegensatz zu seinem großen Bruder, dem Büroarbeitsplatz, wohl vor allem in Form und Materialien. Während wir dort leicht zu reinigende Flächen und neutrale Farben bevorzugen, darf es zu Hause ruhig wohnlicher sein. Hier muss die Möblierung nicht allein nach Effizienz-Kriterien ausgesucht werden, hier können wir unsere persönlichen Vorlieben ausleben. Und weil wir zu Hause unser eigener Chef sind, dürfen wir uns ruhig einen Chefdrehsessel gönnen, einen edlen Holztisch, einen bequemen Besucherstuhl, eine richtige Bibliothek und hochwertige Accessoires. Schließlich wollen wir uns jeden Tag daran erfreuen und, wenn möglich, auch unsere Geschäftspartner oder Kunden hier empfangen.
 
Der Schreibtisch
 
Wer kein eigenes Arbeitszimmer hat, wird nicht darum herumkommen, sich entweder im Schlaf- oder im Wohnzimmer einen Arbeitsplatz einzurichten. Mit Regalen als Raumteilern oder einem Paravent kann man diesen zumindest optisch vom übrigen Zimmer abgrenzen. Manche Schreibtische bringen ihren Sichtschutz auch gleich mit, wie zum Beispiel der Holztisch Scriba von Molteni (Patricia Urquiola, 2010), der mit einer seitlichen Ledertasche, einer großen Schublade und einer Bücherstütze aus Stahl einen vollwertigen Wohnarbeitsplatz bietet. Das Modell Split von Ligne Roset (Design: Meike Rüssler) hat ebenfalls eine solche Blende, sie kann sogar gleichzeitig zur Abdeckung werden – und gehört damit schon fast zur nächsten Kategorie.

Sekretäre

Wer keinen Platz für einen vollwertigen Schreibtisch hat oder braucht, nach getaner Arbeit aber dennoch nichts mehr von ihr sehen will, für den bietet sich ein Sekretär oder ein Schreibpult an. Der klassische Sekretär entstand in der Blütezeit des Schreinerhandwerks, dem Barock. Er ist eine Kombination aus Schrank und Tisch, bei der die Tischplatte aus dem Schrank geklappt wird – und im verschlossenen Zustand nicht als Arbeitsplatz erkennbar ist. Eine zeitgemäße Interpretation dieses Typs entwarf Konstantin Grcic 1995 mit Orcus für Classicon: Eine mit Leder gefütterte Klappe dient dem hochglänzend lackierten oder edel furnierten Schränkchen als Schreibunterlage. Als Sekretäre bezeichnet man aber auch kleine Schreibtische mit Regalaufsatz und meist auch mit einem seitlichen Sichtschutz, ein Klassiker ist hier das Home Desk von Vitra (George Nelson, 1958). Gesa Hansen lieferte mit Desk 2009 für Hans Hansen eine Neuinterpretation des farbenfrohen Stücks aus Massivholz, und auch Ursuline von Ligne Roset (nach dem Entwurf des Damenschreibtischs CM 193 für Thonet von Pierre Paulin) ist ein ähnlich zierlicher Sekretär.

Pulte und Schubladentische

Dagegen entwickelte sich das Pult bereits in der Gotik aus einer aufgeständerten Truhe, auf deren Deckel man schreiben konnte. Nach der Arbeit wurden die benötigten Utensilien dann wieder in dieser – mit der Zeit immer flacher gewordenen – Truhe verstaut. Nach und nach und mit der Erfindung der Schublade mutierte das Pult zum klassischen Schreibtisch. Besonders schöne Exemplare, in denen Tischplatte und Schubladenelemente eine Einheit bilden, sind Mies’ Schreibtische für die Villa Tugendhat oder Walter Gropius’ eigener Arbeitstisch. Nancy von Christophe Pillet für Porro geht mit seinen schmalen Schubladen in der „dicken Platte“ ebenfalls in diese Richtung. Der Tisch William von Läsko (2010) ist dagegen tatsächlich ein modernes Pult. Unter seiner verschiebbaren Arbeitsplatte verbirgt sich ein gut sortierter Stauraum mit Öffnungen und Halterungen für alle wichtigen Elektrogeräte.
 
Laptoptische
 
Nun kommen wir zur Minimalkategorie: dem Laptop-Tisch. Er ist der Kompromiss für den Arbeitsnomaden, der am liebsten unterwegs arbeitet und deshalb im Grunde gar keinen Schreibtisch benötigt. Eigentlich braucht er nur eine kleine Kiste an der Wand, in der er den Computer aufbewahren kann, die er aufklappt, und an der er dann ganz schnell mal zwischendurch etwas erledigt. Beispiele aus dieser Kategorie gibt es unter anderem bei Ikea. Für anspruchsvollere mobile worker, die zu Hause nicht auf gute Musik, dafür aber auf Ohrstöpsel verzichten wollen, hat das französische Designatelier La Boite Concept einen ganz eigenen Tisch herausgebracht: Mit sieben Lautsprechern, einem Subwoover, eigener Soundkarte und diversen Anschlussmöglichkeiten ausgestattet, sitzt man beim Arbeiten an der mit Leder bezogenen Platte mitten drin im Sound. Ein Gefühl, das man im Büro vermutlich nie haben wird. Und, ach ja, für Joghurtbecher oder Kaffeetassen neben dem Laptop ist leider kein Platz mehr.
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