Wer bringt das Wasser in Form?

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Text: Katrin Schamun

Wasser ist die am häufigsten vorkommende chemische Verbindung auf unserem Planeten. Und trotzdem ist der kostbare Rohstoff knapp, da nur 2,5 % der Gesamtmenge Trinkwasser ist und der größte Teil davon in Form von Eis und Gletschern gebunden und für den Menschen nicht nutzbar ist. Der Mensch nutzt die faszinierende Flüssigkeit in vielfältiger Weise: als Lebensmittel zum Trinken, für Sport und Freizeit, zur Energiegewinnung sowie zur Reinigung und Hygiene. In der Architektur wird Wasser außerdem als gestalterisches Mittel eingesetzt. Und im Design? Ist Wasser Werkstoff oder Werkzeug? Wasser entzieht sich der Gestaltbarkeit, denn es gestaltet sich selbst. Der Designer befasst sich mit der Präsentation von Wasser und vermittelt sein Erleben.
Wasser und Design
Für das Baddesign bietet die Natur mannigfaltige Beispiele als Inspirationsquellen an. Wasseroberflächen von Badewannen die im Boden versinken, erinnern an eine stille spiegelglatte Seefläche, aus Armaturen fließt das Wasser wie aus einer Bergquelle hervor und Brausen simulieren tropische Regenschauer die sich breit auf den Duschenden ergießen. Der tropische Regenguss motivierte Hersteller, Brauseköpfe größer zu dimensionieren, um beim Duschen den Körper ins Wasser regelrecht eintauchen zu lassen. Für das großflächige Duscherlebnis sorgt beispielsweise die AIR-Technologie im Duschkopf, die drei Liter Luft mit einem Liter Wasser verwirbelt und den Duschenden mit einem sanften Schauer aus weichen Tropfen umhüllt. Das zugrunde liegende Prinzip dieser Idee ist alt, aber der Aufbau der Brause, die „Luft regnen ließ“ bisher einmalig. Hinter der ausgeklügelten Technik des Duschkopfs stehen Tüftler, die sich mit dem Thema Strahlforschung befassen.
Die Technik hinter dem Design
Entwirft der Designer eine Armatur, gestaltet er deren Hülle. Die Technik im Inneren entwickeln Strahlforscher. Sie beschäftigen sich mit der Art und Weise wie ein Wasserstrahl aus einem Hahn oder Duschkopf heraustritt. Neben dem Testduschen gehört zu ihrer Arbeit, das Anfertigen von Prototypen aus unterschiedlichen Materialien und Formen. Sie überprüfen mit flackerndem Stroboskoplicht, ob der Strahl einer Brause auch eine saubere Dreifachdrehung ausführt, bevor er den Boden der Wanne erreicht. Oder sie führen Einzeltaumeltests durch, mit denen sie Weg und Bewegung aufzeichnen, die ein Wasserstrahl vertikal hinab „taumelt“. Ihr Ziel ist einen möglichst lebendigen Strahl zu gestalten. Beispielsweise wirkt ein Massagestrahl am angenehmsten bei einer Frequenz von 20 bis 40 Hertz. Durch die Zugabe von Luft lassen sich die Wasserfäden in Tropfen zerteilen, ein Verfahren das etwa bei Raindance angewendet wird.
Wie Strahlforschung und Design sich ergänzen, macht die von Jean-Marie Massaud entworfene Waschtischmischer deutlich. Der französische Designer wünschte sich für den Armaturenentwurf seiner Badkollektion einen Strahl, der wie eine Quelle klar und ohne Spritzer strömen sollte. Drei Monate experimentierten die Forscher von Hansgrohe für die Lösung dieser Aufgabe. Bei den ersten Entwürfen bekam der Schwall schnell eine Zunge. Damit der Wasserschwall gleichmäßig zu Boden fällt, braucht er Geschwindigkeit und kein Strahl darf Unruhe hineinbringen. Um den einzelnen Strahl zu beruhigen, muss er wie in einem Bach, Hindernisse passieren. Das Ergebnis birgt jeder Massaud-Waschtischmischer in sich: Ein Minikanal aus Kunststoffen mit Stegen, Schiffchen und Verengungen, der den archaisch fließenden Schwall erzeugt – ganz dem Wunsch des Designers entsprechend: Wasser wird sinnlich erlebbar.

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