Wer im Glashaus wohnt, schläft mit Wollmütze

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Text: Jeanette Kunsmann


Wo Architektur und Natur, Haus und Garten aufeinander treffen: Moderne Gewächshäuser dienen nicht nur der Zucht exotischer Pflanzen, sondern auch als Raum zum Wohnen und Arbeiten. Eine Reise von den Glaspalästen der Botanischen Gärten und den Ideen visionärer Kapselstädte hin zu den Gewächshaus-Konzepten junger Architekten – Modell für die Zukunft oder nur ein Trend?

Ein Pariser Architekturbüro bekommt Post aus Kassel. Es sind Fotos von Gewächshäusern, in  denen Gemüse gezüchtet wird. Ursprünglich dienten sie einem ganz anderen Zweck, nämlich als Hülle für internationale Kunst. Es sind Fragmente des ehemaligen Aue-Pavillons der Documenta 12 (2007), einer 12.000 Quadratmeter großen Ausstellungshalle in der Kasseler Karlsaue, entworfen von den Architekten Lacaton Vassal, gebaut mit Gewächshaustechnologie – und Anlass für mehr als 100 Tage Kritik, Diskussion und Streit.

Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal freuen sich über die Fotos, auch wenn sie sich nicht gerne an die Documenta 12 erinnern: Bereits vor der Realisierung sind sie aus dem Projekt ausgestiegen und werden trotzdem bis heute mit der Gewächshaus-Ausstellungshalle in Zusammenhang gebracht. Lacaton Vassal wollten kein Gewächshaus in den Garten der Orangerie stellen, sondern einen offenen sozialen Raum entwickeln. Die Kunst sollte durch die transparente Membran schimmern und Besucher anlocken, der Park sollte mit der Ausstellung verschmelzen.

Damit die Besucher sich hier wohlfühlen konnten und die ausgestellte Kunst gut aufgehoben war, musste eine aufwendige Lüftungsanlage in den Ausstellungspavillon integriert werden. Am Ende war der Pavillon nicht mehr als eine schlecht belüftete, banale Halle. Ein klimatisch perfekter Raum für subtropische Pflanzen. Dass die Halle rückgebaut und am Ende ihrer ursprünglichen Nutzung der Pflanzenzucht dient, ist für Lacaton Vassal eine versöhnliche Geste. Gewächshaus bleibt Gewächshaus, könnte man daraus schließen – doch das wäre zu einfach.

Mit der Klimakapsel Richtung Paradies

Die Palmenhäuser der Botanischen Gärten, die Ideen visionärer Kapselstädte oder die Gewächshaus-Architekturen junger Architekten sind weder Außen noch Innen, sie wollen einen neuen klimatischen Raum dazwischen schaffen. Wenn sich seit Jahrhunderten das Werk des Architekten durch die abtrennende Wand und das schützende Dach definiert, ist das Gewächshaus, überspitzt gesagt, ein Versuch, das Paradies zu bauen – und daran zu scheitern. Viele Architekten und Ingenieure haben sich daran versucht. So Buckminster Fuller mit seinem visionären Entwurf für den Dome over Manhattan: Die gläserne Kuppel mit einem Radius von drei Kilometer sollte ein ganzes Stadtgebiet von der Außenwelt abschließen. Oder Haus Rucker CO, die mit Oase Nr. 7 die Wohnung um ein kleines Paradies nach außen erweitern wollten.

Jenseits der Jahreszeiten: Nie wieder Winter

Historisch gesehen war das Gewächshaus schon immer ein Ort der Vision. Die Glaspaläste der Botanischen Gärten waren einst die Schauhäuser der Kolonialisierung: imposante Konstruktionen aus Eisen und Glas als Symbol von Macht und Wissen. Auch das Palmenhaus im Botanischen Garten Berlin ist eine solche Erscheinung. Mit einer Länge von 60 und einer Höhe von 27 Metern gilt die stützenfreie, genietete Stahlkonstruktion als technische Pionierleistung – ihr Vorbild ist offensichtlich: Der Kristallpalast für die 1. Weltausstellung 1851 in London von Joseph Paxton (1803-65) hatte den königlichen Baurat Alfred Koerner fasziniert, 1906 wurde das Tropenhaus im Botanischen Garten in Berlin-Dahlem nach seinem Entwurf gebaut. Knapp einhundert Jahre später hat es das Berliner Büro Haas Architekten nun saniert. Heute entspricht die erneuerte thermische Hülle aus hunderten von Einzelglasscheiben, die von filigranen Holzsprossen getragen werden, wieder dem Ursprungszustand. Die hochdämmende Verglasung besteht aus eisenoxidarmem Glas mit einer speziellen Anti-Reflexbeschichtung; durch diese kann das ganze Jahr über eine Temperatur von 25 Grad gehalten werden – Jahreszeiten gibt es im Tropenhaus nicht.

Glashaus unter Bäumen

Auffallend jünger als andere seiner Art ist der Botanische Garten Grüningen bei Zürich – er wurde erst in den sechziger Jahren als Privatgarten gegründet. Im Sommer 2012 haben die Schweizer Architekten Buehrer Wuest den Garten um ein Schauhaus erweitert: keine epochale Glaskathedrale und auch kein gigantischer Kuppelbau, sondern ein bescheidenes Beispiel zeitgenössischer Gewächshaus-Architektur. Gut getarnt liegt das Schauhaus im alten Baumbestand der Gartenanlage. Mit Pfeilern, die an Stämme erinnern, und Rippen, die wie Äste auskragen, fügt sich das nur 5,50 Meter hohe Gewächshaus in seine Umgebung und spannt eine gläserne Klimahülle auf. „Die vorhandenen Bäume haben wir um vier stählerne „Bäume“ ergänzt, deren Kronen das Dach bilden“, erzählt Martina Wuest. „Das Schauhaus sollte als Bestandteil des Gartens gelesen werden.“

Schaukasten für die Kunst

Zurück nach Berlin, zurück zur Kunst. Dass sich diese nur schwer in einem Glashaus ausstellen lässt, weiß auch die Galeristin Anne Katrin Storck. 2006 hat sie auf dem Gelände der Ateliergemeinschaft Milchhof den kleinen Showroom Superbien! gegründet: ein Gewächshaus als Schaukasten für Kunst – Glashaus statt White Cube. Zu sehen ist hier vor allem Bildhauerei, und das zu jeder Jahreszeit. Auf die Idee kam sie, als sie in dem Hof ihre eigenen Wachsskulpturen ausstellen und vor Witterung schützen wollte. Der Projektraum ist ein gewöhnliches Gewächshaus. „Seine einfache, modulare Struktur bietet Künstlern und Kuratoren die Möglichkeit, es für jede Ausstellung radikal neu zu definieren“, erklärt Storck. „Und seine Mobilität erlaubt, dass es im Prinzip in jedem freien Raum aufgestellt werden kann.“
 
Auf dem Dach unter den Sternen


Gewächshäuser findet man heute nicht mehr nur in Nutzgärten, sie verstecken sich neuerdings auf den Dächern der Großstädte. Vielleicht hat Norman Foster mit seiner gläsernen Reichstagskuppel hier unbewusst einen Trend gesetzt: Auf dem Dach ist unter den Sternen. Im Berliner Bezirk Wedding steht hoch oben über den Dächern ein Leichtbau-Penthouse, das wie ein Parasit auf ein bestehendes Wohngebäude gesetzt wurde. Seit gut drei Jahren wohnen hier die Kuratorin Vera Tollmann und der Komponist Christian von Borries, die mit Hilfe des Berliner Architekten Christof Mayer ihren Hegemonietempel realisiert haben. Das Haus hat seinen Namen als Anlehnung an die chinesische Hegemoniedusche, die sich in China in fast jeder Neubauwohnung findet; als Inspiration diente der Aue-Pavillon für die Documenta 12.

Ähnlich wie die vielen Projekte von Anne Lacaton und Jean-Philippe Vassal handelt es sich bei dabei um eine Konstruktion aus transluzenten Polycarbonat-Doppelstegplatten.Das Konzept von Lacaton Vassal, den Standardbausatz eines Gewächshauses als Readymade heranzuziehen, haben die Architekten mit einem klug gewählten Bauplatz verbunden. Auf dem Dach eines bestehenden Hauses zu bauen, bietet zwei große Vorteile: Es ist kein zusätzliches Grundstück nötig, und für Heizung, Wasser und Strom ist bereits gesorgt.

Wohnen im Widerspruch

Aber wie wohnt es sich im Gewächshaus? Vierzehn Meter lang, 6,30 Meter breit und 5,30 Meter hoch bietet das Wohnhaus dem Paar genügend Platz zum Wohnen und Arbeiten. Ein konstantes Klima von 25 Grad gibt es in dem Low-Budget-Glashaus aber nicht, die Bewohner leben mit den Jahreszeiten. Im Sommer schützt ein spezieller Sonnenschutz die Wohnräume vor Überhitzung. Die Dachhaut besteht aus zwei Kunststofffolien, die mit Luft gefüllt sind und Wärme speichern. Die Raumtemperatur steigt im Winter jedoch selten auf die gewohnten 20 Grad – nur zwei kleine Räume sind beheizt.

Vera Tollmann und Christian von Borries nehmen solche Abstriche gerne in Kauf, sie passen sich an: In den kalten Monaten schlafen sie mit Wollmütze, dafür genießen sie im Sommer auf ihrer Terrasse den freien Blick über die Dächer Berlins. Wenn man draußen und drinnen zugleich sein will, scheint das Gewächshaus eine kostengünstige Variante für dieses Wohnen im Widerspruch. Nicht nur in Berlin, auch in Amsterdam und Tokio wird mit solchen Wohnparasiten experimentiert. Letztendlich sind diese nicht mehr als ein Wintergarten, dem Haus und Garten fehlen, der dafür aber zwischen Stadt und Himmel vermittelt – vielleicht also doch ein kleines Paradies?


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