Wesen aus einer anderen Zeit - Der Salone del Mobile 2007

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Text: Norman Kietzmann

Auf der Mitte April zu Ende gegangenen Mailänder Möbelmesse, dem 46. Salone Internazionale del Mobile, stand das Thema Natur weiterhin klar im Mittelpunkt. Im Gegensatz zu den vergangenen Jahren gingen immer mehr Entwürfe über den Einsatz von Holz und Leder hinaus und wurden zu hybriden, zwitterhaften Wesen, die geradezu gegensätzliche Eigenschaften in sich vereinen.
Ihren Status als Mittelpunkt der Designwelt hat die Mailänder Möbelmesse auch in diesem Jahr mit weit über 220.000 Besuchern souverän verteidigt. Insgesamt 2.159 Aussteller aus 29 Ländern präsentierten ihre Neuheiten auf dem von Massimiliano Fuksas entworfenen Messegelände vor den Toren der Stadt oder den unzähligen kleinen Ausstellungen und Showrooms im gesamten Stadtgebiet. Ergänzt wurde die Messe in diesem Jahr noch durch die Lichtmesse Euroluce, die sich im Zweijahresrhythmus mit der Küchenmesse Eurocucina abwechselt. In unserer Designline Licht können Sie die Trends der Euroluce in einem weiteren Bericht verfolgen.
Der Erste Eindruck
Was überwiegt, ist zunächst eine nicht ganz von der Hand zuweisende Beliebigkeit, die sich selbst auf den Ständen der innovativen Labels fortsetzt. Ein wenig Sixties hier, eine ganze Menge Eiche dort, modulare Systeme versus Solitäre. Das Naturthema, das bereits in den letzten Jahren mit viel Holz und Leder bestimmend war, ist nach wie vor präsent. Zahlreiche Präsentationen gehen sogar soweit, den Wald auf die Messe zu bringen, sei es bei Swedese mit Vogelgezwitscher oder schließlich bei Alias, die einen ganzen künstlichen Wald aus Kunstrasen für ihre Outdoorkollektion hervorzauberten. Doch mehr und mehr kommt neben der Rückbesinnung auf natürliche und zugleich beständige Materialien ein ganz anderer Aspekt hinzu: Die Wiederentdeckung der Natur durch ihre gleichzeitige Entfremdung. Dabei steht weniger die Frage im Mittelpunkt, die Natur mittels ökologisch sinnvoller Entwürfe zu schützen – eine Frage, die in Italien ohnehin nicht allzu ernsthaft diskutiert wird – sondern vielmehr ein Ambiente zu schaffen, das diese imitiert.
Zwitterhafte Wesen
Bevölkerten im letzten Jahr noch Lampen in Tierform bei Moooi oder große Sofas in Krokodilform bei Edra die heimischen vier Wände, geht es momentan noch ein Stück weiter in eine Welt hybrider, zwitterhafter Wesen. Das klassisch Konservative der Eichenfraktion trifft nun auf computergenerierte, am 3D-Drucker entwickelte Formen und erfindet sich damit auch ein Stück weit neu. So werden bei Moooi kleine weiche Kunststoffblobbs in schwere hölzerne Schränke implantiert, die somit auch eine humorvolle, unerwartete Brechung erhalten. Doch ganz ehrlich, sind wir dabei nicht einfach nur in einem real gewordenen Schlumpfhausen angelangt? An einem Ort, an dem sich Telefone in einem alten Ast verbergen und so manches Gestrüpp als Hocker fungiert? Denn was macht es im Grunde für einen Unterschied, ob der jugendstilartige Hocker, den Joris Laarmann für „droog“ entwarf, von einem aufwändigen Computerprogramm generiert wurde oder nicht doch „nur“, wie vor einhundert Jahren, von einem talentierten Kunsthandwerker, der mit einer gewissen Naivität seinen kreativen Ambitionen nachging? Der Rückzug in die Natur, wie es das Team von „droog“ noch im letzten Jahr proklamierte, geht über in ihre betont künstliche, hochtechnisierte Imitation. So verschmelzen bei Antonio Citterios Spoon Chair die Lehnen und Rücken zu einem zusammenhängenden, halb konstruktiv, halb organisch wirkenden Ganzen, ebenso Ross Lovegroves neue Armstuhlversion seines Supernatural Chair. Philippe Starcks weich geformter Schreibtisch BaObab macht aus Arbeitsfläche, Füßen und Ablagen einen großen quitschigen Blobb, während die Hockerserie Drift von Future Systems an Knochen von Vögeln erinnert. Franco Poli spannt bei seinem Trennwandsystem T.Net ganze Netze durch den Raum, die mit ihrer schuppenartigen Struktur unweigerlich auch an riesige Häute denken lassen. Dieses Thema wird auch durch die vielen Objekte aus Leder interpretiert, von denen einige wie Jean Nouvels Sofa Skin fast archaische Züge in sich tragen. Weiche, fließende Formen bestimmen auch den Objektbereich mit harmonisch wirkenden Sesseln wie dem Aston von Jean-Marie Massaud oder dem elegant gespannten Tisch Mummy von Michel Boucquillon. Und selbst eher klassische Möbel wie das Sesselprogramm Sen von Kengo Kuma kombinieren schwere Lederpolster mit leichten, fast zerbrechlich wirkenden Rahmenstrukturen.
Zwischen Steinzeit und Techno
Das Verschmelzen von Gegensätzen, Tradition und High-Tech, Gegenwart und Vergangenheit sucht einen Ausweg aus der hölzernen Schwere, wie sie noch die Kölner Möbelmesse bestimmte. Es bleibt abzuwarten, welchen Weg dabei die Digitalisierung, sei es in der Imitation von Natur, ihrer ironischen Brechung oder schlussendlich blanker Dekoration, nehmen wird. Losgelöst von Zeit und Kontext steuert das Design derzeit auf eine reichlich wankelmütige Epoche zu, in der die Vorlagen für bekannte Lebensentwürfe Stück für Stück abhanden kommen. Das Ursprüngliche, ja beinahe Archaische wird vielleicht gerade deswegen zu einem neuen Hoffnungsträger erkoren. So haben die Campana Brüder für Edra eine Stuhlserie entworfenen, die mit ihren aneinander gehäuften Lederhäuten den Requisiten einer Familie Feuerstein Verfilmung nicht ganz unähnlich sind und verstörend wie erhaben gleichermaßen wirken. Ihre bewusst primitive, geradezu vorzivilisatorische Erscheinung wird zu einem ironischen Link in eine Welt vor und nach unserer Zeit. Hybride Wesen zwischen Gestern und Heute, zwischen Steinzeit und Techno. In welche Richtung die Reise einmal gehen wird, wird sich noch zeigen.

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