Where Architects live: Im Bett mit Zaha, Daniel und Shigeru Ban

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Text: Norman Kietzmann

Zeig mir, wie Du wohnst und ich sage Dir, wer Du bist. Die Ausstellung Where Architects Live, die während des Salone del Mobile 2014 vom 8. bis 13. April auf dem Mailänder Messegelände zu sehen sein wird, gewährt Einblick in die Wohnungen von David Chipperfield, Daniel Libeskind, Zaha Hadid und anderen Stararchitekten.

Das Zuhause ist Refugium, Archiv, Spielwiese, Nest und Bühne in einem. Kurzum: Es bildet eine Insel des Privaten, die so aufschlussreich über ihrer Bewohner Auskunft gibt wie das Stöbern in einem Tagebuch. Genau dazu geben die Kuratorin Francesca Molteni und der Szenograf Davide Pizzigoni mit ihrer Ausstellung Where Architects Live nächste Woche in Mailand Gelegenheit. Gezeigt werden die gutgehüteten Privatgemächer der Architekten David Chipperfield, Daniel Libeskind, Zaha Hadid, Bijoy Jain alias Studio Mumbai, Mario Bellini, Marcio Kogan sowie Massimiliano und Dorina Fuksas. 

Gefühl von Vertrautheit
Ganz einfach war der Anfang mit den Architekten jedoch nicht. „Sie fragten uns erst ganz erstaunt, was wir eigentlich wollen“, sagt Francesca Molteni, die mitunter mehrere Tage in den Häusern und Wohnungen der Architekten verbrachte und so das Eis brechen konnte. „In den Gesprächen entstand ein Gefühl von Vertrautheit. Das war sehr wichtig, damit sie uns alles zeigen und auch viele Anekdoten zu ihren Dingen erzählen konnten“, erklärt die Kuratorin weiter. Als Massimiliano und Dorina Fuksas zum nächsten Termin mussten, hinterließen sie einfach den Hauschlüssel mit der Bitte, ihn unten im Restaurant abzugeben. Ganz so, wie es gute Freunde tun würden. 

Dokumentiert wurden die Wohnungen nicht nur mit Fotos und Videointerviews. In Halle 9 des Mailänder Messegeländes werden acht freistehende Boxen installiert, die zusammen eine Fläche von 1500 Quadratmetern nutzen und jeweils eine Architektenwohnung widerspiegeln. „Es war uns wichtig, ein dreidimensionales Erlebnis für die Besucher zu schaffen, ohne die realen Häuser und Apartments nachzubauen“, erklärt Francesca Molteni. Die Inszenierungen sollen eher die Stimmungen der Häuser einfangen, während räumliche Besonderheiten und Details auf multimediale Weise erzählt werden.

Zaha Hadid / London
„Trotz der Bekanntheit vieler Architekten sind ihre Wohnungen keine Showrooms und tatsächlich nur ihren Familien und engen Freunden vorbehalten“, erklärt Davide Pizzigoni. Als Bespiel nennt er das Apartment von Zaha Hadid in einem Londoner Backsteingebäude aus der Jahrhundertwende. Während die Möbel ihrer unverkennbaren, organischen Formensprache folgen, zeigt sich der Grundriss auffallend ruhig. In der Mitte des Wohnzimmers markieren vier Pfeiler einen zentralen Hof wie in einem altrömischen Haus, der von einem großen Oberlicht überspannt wird. „Es ist interessant, dass sie diesen klassischen Grundriss nicht verändert hat und nur mit ihren Möbeln, Objekten und Bildern einen Kontrast erzeugt“, sagt Davide Pizzigoni. 

Marcio Kogan. Foto: Francesca Molteni 
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Marcio Kogan / São Paulo 
Ein weiteres Thema der Ausstellung ist die Frage, wie sich das Wohnen in anderen Städten, Kontinenten und Kulturkreisen unterscheidet. Auch wenn sich Marcio Kogan vor allem mit weitläufigen Villen einen Namen gemacht hat, wirkt sein Apartment verhältnismäßig klein. Das zwölfgeschossige Gebäude ist das Ergebnis des ersten Wettbewerbs, den der Brasilianer 1980 in São Paulo gewonnen hatte. Seine Wohnung in der obersten Etage verfügt über ein Panoramafenster mit filmreifem Ausblick über die Stadt. „Der Wohnraum kommuniziert mit der Außenwelt in einem sehr lebendigen Viertel und hält sich dennoch zurück. Diesen Gegensatz haben wir auch bei unserem Treffen bemerkt. Marcio Kogan möchte sich über seine Arbeit ausdrücken und ist in privaten Dingen sehr zurückhaltend“, sagt Francesca Molteni. Eine Besonderheit seiner Wohnung ist die Fülle gesammelter Objekte, darunter Eintrittskarten, Baseballhandschuhe oder eine stattliche Kollektion an Gummi-Enten.

Daniel Libeskind / New York
Nach Stationen in Lodz, Tel Aviv, New York, Berlin, Mailand und Detroit hat Daniel Libeskind eine Wohnung im New Yorker Stadtteil Tribeca mit Blick auf Ground Zero bezogen. „Es gibt dort einen großen Esstisch, den er einst von einem Schreiner anfertigen ließ und selbst sehr hässlich findet. Doch jedes Mal, wenn er den Tisch wegwerfen will, revoltiert die gesamte Familie. Diese Tisch ist ihnen bei allen Umzügen immer gefolgt und Teil ihres Lebens geworden“, erklärt Francesca Molteni. Aufschlussreich über Daniel Libeskinds Architekturverständnis war auch seine Definition eines Zuhauses: „Er sagte mir, dass ein Zuhause kein Ort sei, an dem man sich erholen soll. Es müsse immer etwas geben, dass einen verstört und so zum Denken stimuliert“, beschreibt Francesca Molteni die Ursache für die Dissonanzen typischer Libeskind-Gebäude. Ein ungewöhnliches Detail inmitten der ruhigen und unauffälligen Wohnung markiert der direkte Übergang von der Dusche zum Wohnzimmer. 

Mario Bellini / Mailand
Der Mailänder Architekt und frühere Olivetti-Designer Mario Bellini wohnt in einem Haus aus dem 19. Jahrhundert, das von Piero Portaluppi umgebaut wurde – dem italienischen Avantgarde-Architekten der dreißiger Jahre. Im Mittelpunkt der Wohnung steht eine neun Meter hohe Bibliothek, die mit einer großen Eisentreppe erschlossen wird. Von dem Umstand, dass häufig auch Privatkonzerte im Zuhause des musikaffinen Architekten stattfinden, ließen sich auch Francesca Molteni und Davide Pizzigoni inspirieren. Die von ihnen gestaltete Installation auf der Mailänder Messe wird die Besucher in einen zweigeteilten Raum führen. Auf der einen Seite eine theatralische Bühne. Auf der anderen ein schlichter, leerer, weißer Raum – genau wie das neue Zuhause, das sich Mario Bellini derzeit in Mailand bauen will.
 
Shigeru Ban / Tokio
Nicht alle Architektenwohnungen werden auch tatsächlich bewohnt. „Mein Zuhause sind die Flughäfen“, sagt der frisch gekürte Pritzker-Preisträger Shigeru Ban, der sein Wohnhaus 1997 in einem dicht bewaldeten Stadtteil von Tokio errichtet hat. Um keinen Baum fällen zu müssen, durchschneiden mehrere ellipsenförmige Aussparungen den zweigeschossigen Wohnbau und öffnen ihn somit zum Licht. „Sein Wohnzimmer ist ein mehr oder weniger leerer Raum, von dem eine Treppe hinauf ins Schlafzimmer führt. Diese Oase der Ruhe steht im Kontrast zur Stadt. Nur zehn Minuten sind es von dort ins chaotische und hektische Zentrum von Tokio“, umschreibt Francesca Molteni die Besonderheit des Ortes. 
David Chipperfield, Berlin. Foto: Davide Pizzigoni
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David Chipperfield / Berlin
Berlin ist für David Chipperfield eine Stadt der Ziegel. Dennoch entschied sich der Brite bei den Erweiterungsbauten seines Bürogebäudes aus der Gründerzeit für rohen Beton. Vielleicht, weil an die Rückseite des Grundstücks ein DDR-Plattenbau grenzt. In einem der vier errichteten Baukörper plante er seine neue Wohnung, die über denselben Hof erschlossen wird wie die Cafeteria und die Arbeitsräume seiner Mitarbeiter. Der Wohnraum vollzieht eine klare Trennung zwischen der Straße und dem Hof und öffnet sich zu beiden Seiten mit großen Fenstern. Akzentuiert wird der Open Space durch ein großes Sofa von Azucena mit samtgrünem Bezug und ein orangefarbenes Bücherregal, das Sitzecke und Küchenbereich voneinander trennt. Auch die Mailänder Installation wird die Zweiteilung des Raumes aufgreifen. „Wir haben eine Raum mit zwei Fenstern geschaffen. Während die eine Seite mit schwarzweißen Bildern und Videos die Stadt verkörpert, entspricht die andere Seite mit farbigen Aufnahmen dem Leben auf der Hofseite“, erklärt Davide Pizzigoni. Wie ein Vermittler zwischen beiden Welten wirken zwei freistehende Wände in grün und orange, die die Besucher durch den Raum leiten.

Studio Mumbai / Mumbai
Das Wohnhaus von Bijoy Jain liegt in Alibag, einem grünen wie ruhigen Vorort rund 30 Kilometer außerhalb von Mumbai. Der Gründer von Studio Mumbai lebt und arbeitet dort mit 60 Handwerkern. „Es ist eine sehr spezielle Kommune, in der seine Familie, Handwerker, Besucher und Tiere eine Gemeinschaft bilden“, sagt Francesca Molteni, die für fünf Tage zu Gast war. Während als Wohnhaus ein vorhandenes Gebäude genutzt wird, plante Bijoy Jain im Garten einen Anbau aus eigener Feder. Der Reading Room ist Ort der Ruhe, an dem man lesen, Musik hören und nachdenken kann. „Seine Wände bestehen aus Glas und einer leichten Baumwollgaze, wie man sie von vielen Straßenwäschereien in Indien her kennt. Sie filtern das Licht und nehmen den umliegenden Bäumen ihre Präsenz“, erklärt Francesca Molteni. Auch die Mailänder Ausstellung greift die Raumwirkung mit textilen Wänden auf, während ein langes, schmales Wasserbecken dem großen Swimmingpool im Garten von Bijoy Jains Wohnhaus Referenz erweist.

Massimilano und Dorina Fuksas / Paris
Wie ein Gegenmodell wirkt dazu die Wohnung von Massimiliano und Doriana Fuksas an der Place des Vosges in Paris. „Sie ist eine theatralische Bühne und ein Apparat der Repräsentation“, sagt Davide Pizzigoni. Ein langer Esstisch von Jean Prouvé wird von einer Gruppe Standard Chairs desselbigen Gestalters umringt. Ein Regal von Charlotte Perriand und Leuchten von Serge Mouille runden den Kanon französischen Designs ab, während ein Day Bed von Mies van der Rohe, ein Diamond Chair von Harry Bertoia und ein Molded Plywood Chair von Charles und Ray Eames die internationale Moderne einfangen. Wenn die Besucher den Mailänder Ausstellungsraum betreten, hören sie zunächst ein rhythmisches Klappern. Es sind die Geräusche der Koffer, die über die feinen Steine des Gehweges gezogen werden, bevor das Architektenpaar seine Wohnung erreicht. 

Im Anschluss passieren die Besucher einen Raum mit acht durchleuchteten Stehlen. Auf ihnen sind vergrößerte Fotos afrikanischer Kriegerfiguren zu sehen, die Massimiliano und Doriana Fuksas im Laufe mehrerer Jahre gesammelt haben. „Es war uns wichtig, solche Details herauszuheben. Denn sie zeigen, womit sich die Architekten zuhause umgeben und was sie womöglich auch für eigene Projekte beeinflusst“, bringt Davide Pizzigoni den gesetzten Anspruch auf den Punkt. Die Besonderheit der Ausstellung liegt genau an dieser Stelle: Sie liefert ungewöhnliche nahe Architektenportraits, indem sie Einblicke in ihr privates Umfeld gewährt – ganz gleich ob dieses nun von wilden Kriegern oder quietschenden Gummi-Enten bevölkert wird.

Alle Wohnungen finden Sie in der Bildergalerie über diesem Text.

Alle Beiträge aus unserem großen Themenspecial Salone 2014 lesen Sie hier.

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