Wie hätte Mies es gemacht?

9

Text: Jasmin Jouhar


Da ruht sie nun seit über 40 Jahren auf ihrem Podium und stellt immer noch eine große Herausforderung dar. Die gläserne Halle der Neuen Nationalgalerie in Berlin ist der Angstgegner unter den Ausstellungshäusern. Seit ihrer Eröffnung 1968 erproben Künstler, Kuratoren und Ausstellungsarchitekten, wie in einem Museum ohne Wände wohl Kunst zu zeigen ist. Gescheiterte Versuche gab es viele; einige wenige geglückte dienen der Kunstwelt als Selbstvergewisserung, dass es eben doch geht in Ludwig Mies van der Rohes spätem Meisterwerk. Wie gut es gehen kann, zeigt jetzt die Ausstellung „Nationalgalerie“ mit 40 Fotografien des deutschen Künstlers Thomas Demand. Zusammen mit dem britischen Architekturbüro Caruso St John entwickelte er eine Ausstellungsinszenierung, die funktioniert, weil sie Mies mit seinen eigenen Mitteln begegnet.



Anders als bei Ausstellungskonzepten in der Vergangenheit arbeitet die von Thomas Demand, Adam Caruso und Peter St John gemeinsam entworfene Inszenierung nicht gegen die Architektur, sondern passt sich ihr an, „fühlt“ sich gewissermaßen in die Sprache und Struktur des Gebäudes ein – getreu der Frage, die sich Künstler und Architekten im Entwurfsprozess immer wieder stellten: „Wie hätte Mies es gemacht?“ Für ihre Visualisierungen adaptierten sie sogar die Sprache der berühmten Collagen von Mies van der Rohe. So entstand im Geiste des großen Modernisten eine Ausstellungsarchitektur aus den Elementen Vorhang, Wandscheibe und Vitrine, die Räume schafft, in denen Demands Fotografien angemessen präsentiert werden können. Denn die Halle der Neuen Nationalgalerie gilt nicht zu unrecht als „unbespielbar“: In dem großen, ungeteilten Raum ohne Innen- und mit gläsernen Außenwänden bietet nichts den Kunstwerken Halt und Hintergrund. Der Blick der Besucher schweift durch eine wohlproportionierte Weite, in der selbst Großskulpturen verloren wirken können.

Kalkuliertes Chaos oder Konzentration

Einigen Künstlern wie Ulrich Rückriem, Jenny Holzer oder jüngst Imi Knoebel ist es gelungen, sich in dem Über-Raum zu behaupten: Ihre künstlerischen Arbeiten waren ein expliziter Kommentar zur Architektur. Rem Koolhaas wiederum, selbsterklärter Mies-Verehrer, ging bei seiner Ausstellung „Content“ (2003) einen anderen Weg: Mit scheinbarer Ignoranz stopfte er die heilige Halle mit Modellen, Materialproben, Stellwänden und Installationen voll. So ein kalkuliertes Chaos wäre für die Arbeiten Thomas Demands sicher nicht das richtige Ausstellungskonzept gewesen. Der Berliner Künstler baut nach fotografischen Vorlagen oder der eigenen Erinnerung lebensgroße Papier- und Pappmodelle – bevorzugt von Innenräumen. Dann fotografiert er die perfekt ausgeleuchteten Modelle, nur, um sie danach zu zerstören. Was bleibt, sind Fotoarbeiten, die verunsichern oder ein Gefühl von Leere und Unheil erzeugen können. Und die schließlich einer konzentrierten Umgebung bedürfen, um ihre Wirkung zu entfalten.

Kontinuum für die Kunst

Wer sich das Ergebnis in der Neuen Nationalgalerie derzeit ansieht, kann sich gut vorstellen, dass Mies es genau so gemacht hätte: Der open space der Halle wird durch Vorhangwände in ein Kontinuum verwandelt, das einerseits die Räume modernistisch ineinander fließen lässt, Durchblicke öffnet und den Außenraum mit einbezieht. Andererseits bietet es den Fotografien den notwendigen Hintergrund und lässt vergleichsweise intime Situationen vor den Bildern zu. Dank einer in den Vorhangwänden verborgenen Tragkonstruktion scheinen die Arbeiten vor den Stofffalten zu schweben. Ein Teil der Wände reicht von der Decke bis zum Boden, andere sind niedriger und damit im Charakter Stellwänden ähnlich. Ihre Platzierung orientiert sich am Raster der stählernen Kassettendecke. Die Farbpalette der Vorhänge reicht von Grautönen über Braun bis zu einem grünlichen Gelb. Beinahe fünf Kilometer Schurwollstoff stellte die dänische Textilfirma Kvadrat zur Verfügung, damit Künstler und Architekten ihr Konzept umsetzen konnten. Denn die Vorhänge mussten sein, wie der Projektleiter von Caruso St John, Florian Zierer, erzählt: „Thomas Demand hatte recherchiert, wie in der Geschichte der Neuen Nationalgalerie die Halle bespielt worden war. Die Vorhänge waren dann als mögliche Lösung schnell da und nach kurzer Zeit auch nicht mehr wegzudenken.“

Vorhänge mit Vorgeschichte

Die Vorhangwände wirken auch deshalb stimmig, weil sie Mies zitieren: Sowohl in seinen Gebäuden wie etwa im Haus Tugendhat (1928-30) als auch in seinen Ausstellungsarchitekturen setzte er Vorhänge als raumbildende Elemente ein. 1927 beispielsweise entwarf er gemeinsam mit Lilly Reich eine gekurvte Vorhanginstallation für das Café „Samt und Seide“ in der Berliner Ausstellung „Die Mode der Dame“. Mit schwarzer und zitronengelber Seide und schwarzem, rotem und orangefarbigem Samt schufen die beiden in einer großen Ausstellungshalle Caféräume, die die Balance halten zwischen Intimität und Offenheit. Auch in der Neuen Nationalgalerie haben die Vorhänge eine Vorgeschichte: Schon zur Eröffnungsausstellung 1968 mit Werken von Piet Mondrian wurden die Fensterflächen mit hellem, durchscheinendem Stoff verhängt. Da blieben die Vorhänge, bis Ulrich Rückriem sie 1998 in einem Befreiungsschlag für seine Einzelausstellung entfernen ließ.

Aber zu nahe wollten Demand und Caruso St John dem modernistischen Architekten auch nicht kommen: Das Konzept sollte „Mies nicht ganz dienlich sein und der Vorstellung seiner Vorhanginstallationen nicht wörtlich“ folgen, sagt Florian Zierer. „Die Vorhänge sind nicht aus Samt und Seide und eher wohnlich und damit Joseph Beuys wahrscheinlich näher als Mies.“

Furniersandwich mit Pappkern

Auch an anderer Stelle zeigt sich gestalterische Distanz: Am asymmetrisch angeordneten Eingang zur Ausstellung und auch innen akzentuieren Wandscheiben den Rundgang. Sie sind analog zu den Garderobeneinbauten der Halle mit Eichenfurnier belegt und zitieren offensichtlich ebenfalls Mies’sche Vorbilder. Aber anders als bei Mies, der viel Wert legte auf kostbare und massiv wirkende Materialien, brechen die Wände in der Demand-Ausstellung an ihren kurzen Seiten buchstäblich ab. So offenbart sich auf einen Blick, dass es sich um leichte Sandwichkonstruktionen mit einem Pappkern handelt, was wiederum eine schöne Querverbindung zu Demands Papiermodellen herstellt. Und die Standvitrinen, in denen vom Schriftsteller Botho Strauss verfasste Texte zur Ausstellung ausgelegt sind, haben mit ihren groben, ausgestellten Holzbeinen gar nichts mehr mit der Formsprache Mies van der Rohes zu tun. „Die Vitrinen sollten“, so Florian Zierer weiter, „da sie in so hoher Anzahl auftauchen, etwas ‚Lapidares‘ haben“.

Eine singuläre Ausstellung

So folgen Demand und Caruso St John Mies’ Weg, ohne in seine Fußspuren zu treten; eine kluge Entscheidung, denn wer könnte schon die wirklich richtige Antwort auf die Frage geben, wie es der Meister wohl gemacht hätte? Also keine Anmaßung, lediglich eine durchdachte Anverwandlung, die untrennbar mit Demands Arbeiten verbunden ist. Die Ausstellung „Nationalgalerie“ ist nur als Ganzes, als Symbiose von Kunst und Architektur wahrzunehmen. „Obwohl beide Teile autonom sind, soll das eine mit dem anderen eine Einheit, einen neuen Raum erzeugen“, erklärt Florian Zierer. Diese Ausstellung solle sich von anderen, die dieselben Arbeiten zeigen, unterscheiden. „Ich hatte manchmal das Gefühl, in einer großmaßstäblichen Arbeit von Thomas Demand zu sein“, so der Projektleiter. Das mag an der vergleichsweise reduzierten Formensprache der Inszenierung liegen, die mit dem abstrakten Charakter der Fotografien korrespondiert. Auf jeden Fall wird es schwer werden für Demand, noch einmal eine so perfekt inszenierte, auf den Raum abgestimmte Ausstellung zu entwickeln. Und auch für die Neuen Nationalgalerie ist die Latte ab sofort sehr hoch angelegt.


Die Ausstellung „Nationalgalerie“ ist noch bis 17. Januar 2010 in der Neuen Nationalgalerie Berlin zu sehen.

Abbildungen: Nic Tenwiggenhorn / Caruso St John / Verein der Freunde der Nationalgalerie
Weitere Artikel 13 - 25 von 43 Interior Insights: Die Lust an Farbe und Muster Rough im Quadrat – Fliesen in Betonoptik imm cologne 2019: Das Haus – Living by Mood Generation Köln: Viele Disziplinen Best-of: Outdoor 2019 imm cologne 2020: Wohnvisionen und Werkzeugkoffer Best-of: Raumausstattung 2019 Museo del Design Italiano: Götter und Giganten  Wo Dinge wohnen: das Phänomen Selfstorage Design March 2019: Fundstücke aus Reykjavík Vorschau Salone del Mobile 2019: Alle auf Los! imm cologne 2019: Schminkstation am Rhein

Das Online-Magazin für Designprofessionals und Enthusiasten.