Wir können große Sprünge machen

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Text: Anne Meyer-Gatermann, 02.07.2018

Partner: Wilkhahn

Auf einem Symposium des Bürostuhlherstellers Wilkhahn Ende Juni riefen Architekten und Ingenieure zu mehr Wagnis auf. Im niedersächsischen Bad Münder haben sie sich vom Erbe des Visionärs Frei Otto inspirieren lassen.

„Wir müssen mehr wagen“ – ein Hauch von Revolte und Aufbruchsstimmung wehte in einem Moment deutlich merklich über das Podium. Was war passiert? Der Bürostuhlhersteller Wilkhahn hatte anlässlich des 30. Jubiläums seiner Fabrikpavillions, die Frei Otto entworfen hatte, ein Symposium unter dem Titel Die Zukunft gestalten – Frei Ottos ideelles Erbe veranstaltet.

Dazu waren Referenten eingeladen, die sich Aspekte aus dem Werk des visionären Architekten herausgepickt hatten, die bis heute nachwirken: Die Formfindung über das Experimentieren und Analysieren, das Arbeiten mit Minimalflächen, die Suche nach Inspirationen aus der Natur sowie die sozialpolitischen und utopischen Dimensionen von Ottos Schaffen. Dessen Grundpfeiler waren das Wagnis und das Experiment.

Impulsgeber für die politische Diskussion im Anschluss an die Vorträge waren in erster Linie Eike Roswag-Klinge und Tobias Wallisser. Roswag-Klinge ist Mitbegründer des Architekturbüros Ziegert Roswag Seiler und Professor am Natural Building Lab der Technischen Universität Berlin. Er forscht an Alternativen zu fossilen Ressourcen in der Architektur. Wallisser ist Mitgründer des Laboratory for Visionary Architecture (LAVA), das sich an der Intelligenz der Natur orientiert und Prorektor und Professor für Architektur/Innovative Bau- und Raumkonzepte an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart.

Foto: © Wilkhahn

Sicher, aus den Universitäten heraus lässt sich leicht fordern, mehr zu wagen. Doch aus diesen Freiräumen, die weniger von wirtschaftlichem Druck bedrängt werden, sollten sich Architekten und Ingenieure in der freien Wirtschaft inspirieren lassen, so Wallisser. „Wir sollten uns stärker einmischen und nicht formal so festlegen, dass das Experimentelle verloren geht“, empfiehlt er. Auch Georg Vrachliotis, Professor für Architekturtheorie und Leiter des Südwestdeutschen Archivs für Architektur und Ingenieurbau SAAI am Karlsruher Institut für Technologie KIT, bekräftigte dies: Er ist außerdem Kurator der Ausstellung Frei Otto. Denken in Modellen, die das ZKM Karlsruhe 2017 gezeigt hatte.

Wirtschaftlichen Druck ließ Roswag-Klinge nicht gelten, er plädiert für weniger Angst, sein Geschäftsmodell zu riskieren: „Wir können große Sprünge machen, wir müssen es nur tun. Wir sitzen in den Flächen und können auf die Kommunen einwirken.“ Dort arbeitet auch Laura Fogarasi-Ludloff vom Büro Ludloff Ludloff Architekten BDA in Berlin. Sie sieht ihren Gestaltungsrahmen so: „Wenn der Auftrag kommt, ist der Flächennutzungsplan schon geschrieben. Aber wir können durch das Bauen zeigen, wie wir die Stadt unter diesen Bedingungen gestalten möchten.“

Konkret sieht das bei den Beteiligten so aus: Roswag-Klinge entwickelt mit Studenten Naturbausysteme, um den Ressourcenverbrauch zu minimieren. Wallisser entwirft für eine CO2-freie Stadt in der Wüste bei Riad eine Wolke, die sich über Täler spannen soll oder für einen öffentlichen Platz in Masdar Schirme – Vorbild waren Frei Ottos Schirme in Medina –, die sich mit Photovoltaik öffnen und schließen. Beides waren Einreichungen für Wettbewerbe, die dann doch nicht realisiert wurden. Das Büro Ludloff Ludloff saniert eine Sporthalle aus den Fünfzigerjahren statt neu zu bauen und umgeht geschickt eine Regelung des Berliner Senats, dass alle Sportanlagen olympiatauglich sein müssen.

Jan Knippers findet es zwar schwierig, sich als Architekt heute politisch zu positionieren, experimentiert aber auch an der Optimierung von Material. Knippers ist Professor und leitet das Institut für Tragkonstruktionen und Konstruktives Entwerfen ITKE an der Universität Stuttgart. Der Ingenieur hat 2018 das Büro Jan Knippers Ingenieure gegründet und forscht dort zu Bionik, effizienten Tragwerken und neuen Materialien für die Architektur. Er sieht Frei Otto mit seiner Leichtbauweise am Endpunkt einer Entwicklung, die nach Materialeffizienz strebt, weist aber auch darauf hin, dass Leichtbauweise heute nicht automatisch mit Nachhaltigkeit gleichgesetzt werden kann, wenn das Material um den Globus gekarrt und Billigarbeiter eingekauft werden.

Foto: Wilfried Dechau

Ruth Berktold freut sich auf eine Zukunft, in der die Autos verschwinden und viele Flächen frei werden und führt ins Feld, dass Veränderung möglich ist, wenn sie notwendig ist: Während der Flüchtlingskrise sei es plötzlich möglich gewesen, kostengünstig und mit Holz zu bauen. Dass sich etwas verändern wird, ist auch in den Augen von Roswag-Klinge unumgänglich: „Im globalen Kontext ist das nicht anders vorstellbar. Wir können unsere Städte nicht mehr komplett in Beton gießen.“

Für Frei Otto war das Experiment die Grundlage für Wagnisse. Das stehe auch jetzt wieder im Vordergrund, weil wir nicht wissen, wie die Zukunft aussehe, sagte Knippers. Vrachliotis freut sich darüber, dass Frei Otto jetzt wieder so leidenschaftlich diskutiert werde – lange war der Pionier der Leichtbauweise als „Ökofreak“ abgetan worden. „Architektur ist vermutete Zukunft“, hatte Otto mal gesagt. Dass unsere Zukunft nicht aus dem Silicon Valley, sondern aus den Unis kommt, liegt auch in der Hand der Planer der Architektur, meint Vrachliotis auf dem Podium dazu. Vielleicht fließt ja ein Funke dieses Geistes aus dem Schatten der Frei-Otto-Pavillions in Bad Münder in tägliche Arbeit der Teilnehmer in der Fläche.

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