Wo Dinge wohnen: das Phänomen Selfstorage

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Text: Claudia Simone Hoff, Foto: Klaus Pichler/ Wien Museum, 19.03.2019

Marie Kondo findet, dass man nur aufgeräumt glücklich durchs Leben gehen kann. Also rät uns die japanische Aufräumexpertin und Bestsellerautorin, alles Unnütze auszusortieren und den Rest sorgsam zu falten und zu rollen. Doch es gibt eine andere Seite solcher Ordentlich-Orgien: Selfstorage sind Lagerorte für Menschen, die nicht gut im Wegschmeißen sind und ab und an in Erinnerungen schwelgen wollen. Nun widmet sich eine Ausstellung im Wien Museum dem Thema.

Wohin nur mit all den Dingen? Aussortieren, verschenken, wegschmeißen, neu ordnen? Nein, die Barbie mit den blondierten Haaren und dem Tüllrock erinnert mich an Cabrio-Car-Fahrten mit Ken! Nein, der alte Kassettenrecorder kann nicht weg, denn wie soll ich sonst meine Abba-Kassetten hören? Nein, der indische Bettüberwurf ist zwar zerschlissen, lag aber dekorativ drapiert auf meinem ersten Sofa! So oder so ähnlich muss man sich die inneren Zwiegespräche vorstellen, die ein jeder spätestens beim Umziehen an einen anderen Ort und manch einer beim regelmäßigen Ausmisten führt.

Barbie und Ken im Container
Auch wenn Entrümpeln, Aufräumen und Loslassen als neues Dogma der Selbstbefreiung gefeiert werden und Dank den Marie Kondos dieser Welt zum Lifestyle-Trend avanciert sind: Das (An-)Sammeln von Dingen, die oft praktisch und noch öfter ziemlich unnütz sind, liegt scheinbar in der Natur des Menschen. Jedenfalls in westlichen Gesellschaften, wo jeder im Schnitt unglaubliche 10.000 Dinge besitzt. Eine Ausstellung im Wien Museum beleuchtet ein Phänomen, das zunächst einfach klingt, bei genauerem Hinsehen jedoch äußerst komplex ist: Selfstorage. Damit meinen die Ausstellungskuratoren Martina Nußbaumer und Peter Stuiber flexibel anmietbare Lagerabteile, die rund um die Uhr zugänglich und nutzbar sind. In den Sechzigerjahren in den USA erfunden, ist der amerikanische Markt noch immer weltweit führend bei Selfstorages. Doch seit gut zwanzig Jahren ist die „Selbsteinlagerung“ auch in europäischen Großstädten auf dem Vormarsch. 2018 gab es in Europa 3.792 Selfstorage-Standorte mit einer durchschnittlichen Größe von drei Quadratmetern, wobei sich 40 Prozent davon in Großbritannien befinden.

Platz da!
Selfstorage hängt unmittelbar mit Sammelleidenschaften, Nicht-Wegwerfen-Können, aber auch mit einer rasant zunehmenden Verstädterung und Beschleunigung zusammen, kurz: den neuen, flexiblen Lebenswelten. Die Zahl der Umzüge steigt frappant, wie das Beispiel Wien zeigt, wo rund 10 Prozent der Bevölkerung jedes Jahr innerhalb der Stadt umzieht. In Großstädten, aber zunehmend auch in ländlichen Gebieten wird Wohnraum knapper und damit teurer. Wo einst überflüssige Dinge traditionell verstaut und gehortet wurden – auf dem Dachboden beispielsweise – entsteht stattdessen Wohnraum. Wer ohne Dachboden und Keller auskommen oder gar in einem Micro-Apartment mit einer Fläche von 25 Quadratmetern oder weniger wohnen muss, der hat – auch mit dem durchdachtesten Grundriss und den cleversten Gestaltungsideen – keinen Platz für Barbie und Kassettenrecorder und auch nicht für die Aktenordner mit den Steuerunterlagen der letzten zehn Jahre.

Les choses de la vie
Der Stauraum außerhalb der eigenen vier Wände hat ganz verschiedene Formen, die ästhetisch meist komplett wertlos sind: Es gibt mehrgeschossige Häuser, weitläufige Container-Anlagen in den Außenbezirken und zunehmend auch kleine, innerstädtische Selfstorages, die in Ladengeschäfte oder Parterrewohnungen einziehen und ganze Straßenzüge zu Nicht-Orten werden lassen. Rund zwei Drittel der Nutzer von Selfstorage-Flächen sind Privatpersonen, von denen einige im Fokus der Wiener Ausstellung stehen. An ihnen zeigt sich, dass auch ein eigentlich öder Raum, der zudem räumlich beengt und nicht für andere zugänglich ist, die Persönlichkeiten der Nutzer widerspiegelt. Manchmal wird er von ihnen gar heimisch eingerichtet und so zum Hort von Erinnerungen.

Eigene Räume
Petra Beck bezeichnet die Selfstorage-Räume im Ausstellungskatalog als „Sammlungsräume des Selbst“. Wie treffend diese Bezeichnung ist, zeigen die Porträts von Selfstorage-Nutzern, die der Fotograf Peter Pichler gemacht hat und die sehr eindringlich sind. Das Zwischenlager von Renata Marie Werdung beispielsweise beherbergt als begehbarer Kleiderschrank ihre üppigen Opernball-Abendkleider. „Ich betrachte mein Abteil nicht als Fremdkörper, sondern als kleinen Raum, der zu mir gehört“, sagt sie. Oder aber Florian Franke-Petsch: Er lagert eine riesige Arbeitsbibliothek mit 13.000 Büchern und eine Sammlung von DDR-Alltagsgegenständen aus, während Herr B. den Selfstorage-Service der Caritas nutzt, weil er aufgrund von Wohnungslosigkeit seine Besitztümer nirgendwo sonst lagern kann.

Das Phänomen Selfstorage ist faszinierend, weil es das ganze Leben umschreibt: Es geht um Stadtplanung und Architektur, um (Innen-)Räume, Ding- und Produktwelten, wirtschaftliche und soziologische Zusammenhänge, aber auch um Sammelleidenschaften und Erinnerungskulturen, um ganz Persönliches. Der Container als Mikrokosmos sozusagen.

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