Wohnen als Werkzeug

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Text: Norman Kietzmann


Lange ging es beim Bauen nur in eine Richtung: Höher, größer und spektakulärer sollten die neuen Landmarken sein, die rund um den Globus aus dem Boden schossen. Doch es formt sich Widerstand aus den eigenen Reihen. Zwölf Monate nach der Eröffnung von Europas höchstem Gebäude, dem 308 Meter aufragenden Londoner Shard, präsentierte dessen Erbauer Renzo Piano ein kompaktes Wohnhaus von 7,5 Quadratmetern Größe. Mit der Verschmelzung aus Architektur und Möbel ist der Pritzker-Preisträger nicht allein. Auch eine jüngere Architektengeneration übersetzt die Idee der kompakten „Urhütte“ in spielerische Räume.



Zurück zu den eigenen Wurzeln: Bereits in seinen Studientagen faszinierte Renzo Piano die Idee einer kompakten Behausung, die einen Tisch, ein Bett und einen Stuhl auf zwei mal zwei Metern vereinen sollte. Als er in den sechziger Jahren an der Londoner Architectural Association unterrichtete, gelang ihm eine erste Annäherung, indem er mit seinen Studenten mehrere Minihäuser vor dem Unigebäude errichtete. Dass er die Kompaktheit schließlich aus den Augen verlor, verdankte er einem glücklichen Umstand: 1971 gewann Renzo Piano mit Richard Rogers den Wettbewerb des Pariser Centre Pompidou – im Alter von gerade einmal 34 Jahren.

Waren es vor allem Großprojekte, die der Renzo Piano Building Workshop in den folgenden Jahren konzipierte, wurde die Idee einer kompakten Wohneinheit um 2003 wieder aufgegriffen. Am Bürostandort in Genua entstanden erste Prototypen aus Sperrholz, Beton und Holz, die 2009 in der Zeitschrift Abitare veröffentlicht wurden. Vitra-Chef Rolf Fehlbaum las den Beitrag und schlug Piano eine industrielle Weiterentwicklung seiner Idee vor. Benannt nach dem griechischen Philosophen Diogenes, dem lediglich eine Tonne als geistiger Rückzugsort genügte, sollte jedoch alles andere als eine simple Notunterkunft entstehen. Das vorfabrizierte Haus bildet eine autarke Einheit, die in der Lage ist, ihren eigenen Strom zu generieren und ebenso das Regenwasser zu sammeln.

Reflexion der Rituale

„Natürlich lässt sich eine Spur Romantik nicht leugnen“, gestand Renzo Piano bei der Präsentation der Diogene während der Design Miami Basel Mitte Juni. Die Architektur ist keine Kunststoffkapsel und kein Container, sondern ein sinnliches Holzhaus mit einem demonstrativ gewählten Satteldach. Um das Material vor der Witterung zu schützen, wird es von einem metallenen Gewand umhüllt. Auch wenn die kompakte Wohneinheit auf einem Lastwagen an jeden Ort transportiert werden kann, spielt der Aspekt der Mobilität eine eher untergeordnete Rolle. Anstatt der Architektur wie in den Visionen von Archigram das Laufen beizubringen, sollen vielmehr die alltäglichen Gewohnheiten in den Fokus rücken.

43 Quadratmeter Wohnfläche stehen jedem Bundesbürger zurzeit statistisch zur Verfügung – bei einer durchschnittlichen Wohnungsgröße von 90 Quadratmetern. Diesen Raum auf eine Fläche von 2,5 mal drei Metern zu reduzieren, erfordert einiges an Umgewöhnung. Um den vorhanden Raum besser auszunutzen, muss die Einrichtung gleich mehrere Funktionen auf einmal erfüllen. Das Bett verwandelt sich am Tag zum Sofa, der Klapptisch unterhalb der Fensters verschwindet, wenn er nicht mehr gebraucht wird. Küche und Badezimmer müssen sich dasselbe Waschbecken teilen, während Dusche und WC hinter einer Trennwand zu einem gemeinsamen Raum verschmelzen.

Reduktion der Objekte

Wer in der Diogene übernachten möchte, muss selbst das eigene Packverhalten in Frage stellen. Nicht nur, weil für einen großen Koffer schlichtweg der Platz fehlt. Auch Ablageflächen sind derart rar, dass schon eine Handvoll herumliegender Gegenstände den Wohnraum in ein gefühltes Chaos stürzt. Dass es im Innenraum tatsächlich um Millimeter geht, ist neben einer selbstauferlegten Beschränkung auch gesetzlichen Bestimmungen zu verdanken. Überschreitet die kompakte Wohneinheit die maximal zulässige Höhe und Breite, ließe sie sich auf öffentlichen Straßen nur als Schwertransport befördern – wozu kostspielige wie bürokratisch aufwändige Genehmigungsverfahren von Nöten wären.

Während Renzo Piano bei der Einrichtung an bestehenden Produkttypologien wie Bett, Tisch oder Stuhl festhält, lässt eine jüngere Generation Architektur und Möbel weitaus stärker miteinander verschmelzen. In einem Pekinger Park testet der chinesische Architekt Liu Lubin den Prototypen seines Micro House (2013), der Wohnen, Schlafen und Arbeiten in einer kompakten Einheit verdichtet. Um den Transport zu vereinfachen, wird der Bau aus fiberglasverstärkten Kunststoffteilen vorgefertigt, die leicht und stabil sind und in einem gewöhnlichen Seecontainer verstaut werden.

Räumliches Spielfeld


Anders als Renzo Piano, der sämtliche Funktionen seines Hauses auf einer Ebene zusammenführt, unternimmt Liu Lubin einen bewussten Höhensprung. Sein Haus gleicht einer kontinuierlichen Treppe, die sich sowohl über den Boden als auch über die Decke hinweg erstreckt. Den Grund für diese Bauweise liefert neben einer größeren räumlichen Flexibilität zugleich ihre Erweiterbarkeit. So können die Wohnmodule sowohl einzeln auf kompakten Baugrund platziert werden als auch zu Clustern in die Höhe und Breite aneinander gedockt werden. Weil damit auch eine Rotation der Mikroarchitekturen ermöglicht wird, sind sämtliche Wände, Decken und Böden mit Möbeloberflächen und praktischen Ablagen ausgestattet.

Als einen gedanklichen Vorläufer des Micro House kann der japanische Architekt Sou Fujimoto gelten. Dessen aus massiven Holzblöcken konstruiertes Final Wooden House (2008) lotet die Möglichkeiten kompakten Wohnens durch ein extremes Maß an Abstraktion aus. Das Haus bildet eine Landschaft aus vor- und zurückspringenden Stufen, die als Treppe, Sitzgelegenheit, Bett, Tisch oder Regal genutzt  werden können. Die bislang getrennten Typologien des Wohnens werden auf diese Weise in einer smarten Höhle zusammengeführt, wo Wände, Boden und Decke ineinander übergehen.

Mit den Händen erfahren

„Auch wenn das Haus nur wenige Quadratmeter groß ist, gibt es den Menschen eine neue Position, da sie sich anders in ihm bewegen können, als sie es gewohnt sind“, erklärt Sou Fujimoto. Für ihn sind Gebäude keine Maschinen, sondern vielmehr interaktive Spielplätze. Dass das Konzept des Final Wooden House auch in größerem Maßstab funktioniert, zeigt sein Entwurf für den diesjährigen Pavillon der Londoner Serpentine Gallery. Die Architektur wird nicht gehend oder betrachtend erfahren, sondern kletternd und haptisch.

Fujimotos Bauten wirken auf diese Weise in zweifacher Richtung: Indem keine klar erkennbaren Funktionen mehr zugewiesen werden, wird nicht nur die eigene Kreativität im Umgang mit Raum gefördert. Auch dem menschlichen Miteinander wird ein höheres Maß an Interaktion abverlangt als in weitläufigen Wohnungen mit klar voneinander getrennten Bereichen. Der Sinn und Zweck der Mikroarchitektur liegt genau an dieser Stelle: Sie bildet keinen Gegenpol oder Ausstieg aus der Zivilisation. Sie bildet ein Werkzeug, das die für selbstverständlich genommenen Gewohnheiten des Alltags vor Augen führt.

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