Wohnratgeber 10: Aufgemustert

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Text: Norman Kietzmann

Dekoration. Ein böses Wort – zumindest in der Welt des Designs. Doch auch ohne Schnörkel kann der Wohnraum mit geometrischen Formen und Mustern akzentuiert werden. Wie Kreis, Quadrat und Dreieck galant zwischen Fläche und Raum changieren, zeigt der zehnte Teil unserer Serie Wohnratgeber

Schluss mit der falschen Zurückhaltung: Wenn es nach den Neuheiten der letzten Möbelmessen geht, kehrt das Muster in den Wohnraum zurück. Quadrat, Dreieck und Kreis werden als Ingredienzen der Gestaltung verstanden, die mühelos den Sprung von der Fläche in den Raum absolvieren. Mit Überflüssigem ist das geometrische Spiel jedoch keineswegs zu verwechseln. Im Gegenteil: Auch ohne die gesamte Einrichtung zu verändern, wird das Wohnen damit einer optischen Frischzellenkur unterzogen.

Der Schrank
Wie subtil Quadrat und Kubus den Wohnraum erobern können, zeigt der dänische Hersteller By Lassen mit der Schrankserie Frame von Mogens Lassens. Die Außenkanten der Aufbewahrungsmöbel werden durch einen filigranen Stahlrahmen akzentuiert, der vor allem in der Kombination verschiedener Kuben seine grafische Wirkung entfaltet. Deutlich exzentrischer tritt die Schrankfamilie Tudor hervor, die Ferruccio Laviani für Emmemobili entworfen hat. Kreise und Zickzack-Linien bespielen in kräftigem Schwarz-weiß die Oberflächen der Möbel und lösen deren asymmetrische Volumina mit einem wahren Musterwirbel optisch auf. 

Das Regal
Ein Zusammenspiel aus Linien und Flächen erzeugt das Regal Network von Neuland Design für Casamania. Die Basis des Entwurfs bildet ein schlankes Gerüst aus horizontalen und vertikalen Metallstreben, die nach dem Plug-&-Play-Prinzip mit lederummantelten Paneelen bestückt werden können. Fixiert durch innenliegende Magnete, lassen sich die Paneele mit wenigen Handgriffen neu justieren und dienen je nach Position als Regalböden oder seitliche Begrenzungen. Wie ein Schaustück für Leichtigkeit wirkt das Regal TT3 von Ron Gilad für Adele-C. Auch hier werden mehrere schlanke Metallgerüste durch locker aufliegende Ablagen miteinander verbunden. Der Clou des Entwurfs liegt in seiner Unbestimmtheit, die äußeren Konturen bleiben bewusst unscharf.

Das Polstermöbel
„Am liebsten mag ich alle Muster zusammen. Die Materialien und Oberflächen werden dann Teil eines Ganzen und besitzen dennoch ein Eigenleben. Es entsteht eine freie Interaktion zwischen Farben und Formen“, erklärt Rosita Missoni, Gründerin des gleichnamigen Mailänder Modeunternehmens. Die stark gemusterten Missoni-Stoffe kommen für die eigene Wohnkollektion als Polsterbezüge, Teppiche, Vorhänge, Plaids oder Handtücher zum Einsatz. Frei nach dem Motto: Es gibt keinen Ort, der nicht von Mustern durchdrungen werden soll. Dass unifarbene Bezüge nicht immer Trumpf sind, unterstreicht zudem die Reedition des Colour Wheel Ottoman von Alexander Girard für Vitra. Das runde Sitzmöbel brachte bereits zu seiner Entstehung im Jahr 1967 poppige Zickzackmuster in die Firmenzentrale der Fluggesellschaft Braniff und lädt mit seiner runden Form noch heute zum Versinken ein. 

Zig-Zag-Chair von Gerrit Rietfeld 
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Der Stuhl
Im Spannungsfeld aus Fläche und Raum bewegen sich die Möbelentwürfe Gerrit Rietvelts. Neben seinem ikonischen Zig-Zag-Stuhl (1934, produziert von Cassina) bringt der Steltman Chair (1964, produziert von Rietveld Originals) das Spiel mit den Raumkoordinaten auf den Punkt. Füße, Armlehnen, Rücken und Sitzfläche formen eine Möbel gewordene Schleife, die ihre Erscheinung aus jeder Perspektive verändert. Filigran und ausgewogen wirkt der Spaghetti Chair (1979) von Giandomenico Belotti für Alias, bei dem ein Gestell aus lackiertem oder verchromtem Stahl mit Schnüren aus PVC bespannt wird. Sitzfläche und Rücken erscheinen nicht als geschlossene Flächen, sondern lassen die Blicke durch feine Zwischenräume hindurch gleiten. 

Die Leuchte
Einen Sonnenuntergang für das Zuhause inszeniert der französische Designer Ferréol Babin mit seiner Wandleuchte Lunaire für Fontana Arte. Zwei kreisrunde Leuchtschirme überlagern sich gegenseitig und werden durch eine rückseitige Beleuchtung optisch in die Schwebe versetzt. Eine Wunderwaffe gegen dunkle Ecken hat dagegen der römische Designer Tossone Massimo mit seiner Leuchte Flashit für Artemide erdacht: Eine LED-bestückte Gerade, die in den Raumecken zwischen zwei Wänden oder zwischen Wand und Decke gespannt wird. Wie Licht zur Architektur wird, zeigt der argentinische Designer Francisco Gomes Paz mit seinem modularen Leuchtensystem Synapse für Luceplan. Die einzelnen Lichtbausteine können in beliebiger Anzahl ineinander gesteckt werden und erzeugen ein dreidimensionales Muster, das an die Wand oder frei im Raum platziert werden kann.

Der Boden
Geometrische Formen stehen auch auf dem Boden hoch im Kurs. Das Londoner Designstudio Afroditi Krassa präsentierte jüngst eine Kollektion aus schwarzweißen Betonfließen, die allesamt von Hand gegossen und bemalt werden. Erhältlich in vier aufeinander abgestimmten Breiten, können die Piano Tiles nach Belieben miteinander kombiniert werden. Der Effekt: Anstatt dem monotonen Schachbrettmuster klassischer Brasserie-Fußböden zu verfallen, sorgen rhythmisch gestaffelte Pianoleitern für Dynamik unter den Sohlen. Wie übergroße Pixel muten die quadratischen Farbfelder des Teppichs Chart an, den der australische Designer Nick Rennie für Ligne Roset entworfen hat. Zwischen jeweils zwei gegenüber liegenden Ecken entsteht ein subtiler Farbverlauf, der aus jeder Perspektive eine andere Wirkung entfaltet. 

Die Wand
Auch wenn die Tapete bereits seit einigen Jahren ein Revival feiert, sind Muster an den Wänden eine heikle Angelegenheit. Zu groß ist die Gefahr, sich an einem Motiv schnell satt zu sehen. Ein Muster mit Langzeitwirkung hat der dänische Gestalter Mogens Lassen bereits im Jahr 1946 entworfen. Die Tapete Flow, die von Hersteller By Lassen wiederaufgelegt wurde, setzt auf subtile Geometrie in Grau. Dreiecke mit leicht abgerundeten Ecken erzeugen ein subtiles Dekor, das die Wand akzentuiert, ohne die Sinne unsanft zu stören. 

Eine breite Auswahl an Tapeten führt die englische Manufaktur Kirath Ghundoo im Programm. Anstatt der Wand ein einheitliches Muster überzuziehen, ist Abwechslung erwünscht. Mix‘n‘Match heißt die Kollektion aus sechs verschiedenen Motiven, die bahnenweise miteinander kombiniert werden können. Wiederkehrende Formen wie Dreiecke, Sechsecke oder Quadrate sorgen dafür, dass sich die ungleichen Muster dennoch zu einem stimmigen Ganzen zusammenfügen. 
Kaleido von Clara von Zweigbergk für Hay 
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Das Tischzubehör
Auf den Spuren der Op-Art wandelt die Londoner Kreativagentur Patternity in einer Kooperation mit dem Porzellanhersteller Richard Bredon. Die Tellerserie Studio kombiniert kobaltblaue-weiße Streifen mit filigranen Kreisen und Sechsecken aus 24-karätigem Gold. Die dazugehörigen Tassen verfügen über eine verspiegelte Außenseite und steigern den grafischen Effekt der Teller durch räumliche Verzerrungen. Ein wahrer Muster-Klassiker ist die Gläserserie B, die Josef Hoffmann 1912 für die Wiener Kristallmanufaktur Lobmeyr entworfen hat. Das mattierte Glas mit schwarz eingebranntem Bronzitdekor setzt ganz auf das Wechselspiel aus vertikalen und horizontalen Linien und wurde seinerzeit über die Filialen der Wiener Werkstätte vertrieben. Der Charme der Gläser liegt in ihrer Diskretion –  selbst in den Wohnungen strenger Puristen legen sie einen stimmigen Auftritt hin.

Das Accessoire
Die Schalenserie Kaleido, die Clara von Zweigbergk 2012 für Hay entworfen hat, hat sich bereits als Grundausstattung für jeden Hipster-Haushalt etabliert. Der Grund für den Erfolg liegt im Zusammenspiel aus einer kräftigen Farbpalette und einer einprägsamen Geometrie: der Kombination aus Sechsecken und Rauten, die wahlweise übereinander gestapelt oder nebeneinander arrangiert werden können. Auf Interaktion mit dem Benutzer setzen ebenso die Paper Vases von Pepe Heykoop. Die prismatisch gefalteten Körper können ihr Volumen mit wenigen Handgriffen variieren und passen zu Omas Kommode ebenso wie auf jedes Ikea-Regal.

Ein Accessoire, das überall bella figura macht, ist die Holzleiter Ladder von Gebrüder Thonet Vienna. Der Entwurf des schwedischen Designers Charlie Styrbjörn Nilsson irritiert die Sehgewohnheiten, indem die Sprossen nicht horizontal verlaufen, sondern eine seitliche Biegung nach oben vollziehen. Die Leiter dient im ungenutzen Zustand als dekoratives Objekt, das auf vielfältige Weise im Raum arrangiert werden kann. Ergo: Es muss nicht gleich das gesamte Interieur dem Muster-Mix unterzogen werden – auch wenn der Fantasie keine Grenzen gesetzt sind. Oft sind es die kleinen, leichten und beweglichen Dinge, die dem Wohnraum die nötige Würze verleihen.

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