Wohnratgeber 13: Grüner Salon

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Text: Norman Kietzmann

In der Sommerzeit ticken nicht nur die Uhren anders. Auch das Wohnen passt sich den längeren Tagen und wärmeren Temperaturen an. Für die Möblierung des Außenraums gelten andere Regeln als in geschlossenen Räumen. Worauf es beim Auszug ins Freie zu achten gilt, zeigt der 13. Teil unseres Wohnratgebers.

Garten- und Terrassenmöbel sind eine verwöhnte Spezies. Anders als ihre stubenhockenden Verwandten können sie weitaus voluminöser, filigraner und verspielter sein. Sie müssen sich nicht in starre Grundrisse einfügen oder Kompatibilität mit Omas Kommode beweisen. In ihrem gestalterischen Wesen sind sie entfesselt von Zwängen – und nutzen diese Freiheit allzu gerne aus. Der entscheidende Punkt: Outdoor-Möbel werden nicht mehr als minderwertig verstanden. Genügten früher simple Monobloc-Kunststoffstühle, werden heute in puncto Wohnkomfort deutlich schwerere Geschütze aufgefahren.

Gründe für diese Entwicklung liegen nahe: Erstens können wir draußen unseren domestizierten, sprich von Möbeln umgebenen Lebensraum auf erhebliche Weise ausdehnen. Zweitens definiert der Garten eine Pufferzone zwischen öffentlich und privat. Wer in den warmen Monaten Gäste empfängt, bewirtet sie im Garten oder auf der Terrasse – und nicht im Salon. Draußen ist damit automatisch auch Drinnen – und die ästhetische Aufholjagd der wetterresistenten Möbel keine Spielerei, sondern logische Konsequenz.

Regel Nummer eins: Größe zählt
Voluminöse Sessel sind unerlässlich, um im Garten oder auf der Terrasse die Ausweitung des Wohnraums unmissverständlich klar zu machen. Der Gartensessel ist eine Mischung aus zwei Gegensätzen. Er ist einerseits ein stattlicher Thron, zu dessen Insignien eine hohe, aufragende Lehne gehört. Würden Monarchen nicht im Ansatz auf den Gedanken kommen, es sich in den Winkeln ihrer Machtbestuhlung richtig bequem zu machen, sind Garten- und Terrassenbesitzer ihm an dieser Stelle einen Schritt voraus. Der Thron ist zugleich ihr Nest: eine schützende Kapsel, in die sie sich hineinlehnen können.

Ein eindrucksvolles Sessel-Exemplar hat das Londoner Designerduo Doshi Levien mit Cala für Kettal entworfen. Die hohe Lehne wird durch ein lockeres, offenes Flechtwerk akzentuiert, das in einer Vielzahl unterschiedlicher Farben zur Auswahl steht. Eine Rückzugskoje ist Sebastian Herkner mit seinem Sessel Mbrace für Dedon gelungen. Das namensstiftende Prinzip der Umarmung wird durch eine breite Lehne erzielt, die mit einem haptischen Flechtwerk aus drei verschiedenen Fasern aufwartet und von einem Gestell aus Teakholz austariert wird.

Indiana-Kollektion von Rodolfo Dordoni für Minotti
Regel Nummer zwei: Sofa muss sein
Nichts bringt die Deklassifizierung des Monoblocs besser zum Ausdruck als ein Sofa im Außenraum. Die Hersteller haben viel Know-how in die wetterresistente Anpassung der Materialien unternommen. Dass die Polsterserie Indiana von Minotti sämtliche Anzeichen klassischer Outdoor-Möbel negiert, ist genau deren Strategie. Der Entwurf von Rodolfo Dordoni setzt auf massives, witterungsbeständiges Irokoholz, das für sämtliche Gestelle und Unterbauten Verwendung findet. Die Polsterung erfolgt mit einem Gemisch aus hochelastischem Polyurethanschaum und einer wasserabweisenden Faser, während die Bezüge aus weichem Polyesther gefertigt sind. Wer das zu klassisch findet, ist mit dem Sitzprgramm Estrela auf der sicheren Seite, das Fernando & Humberto Campana für A Lot of Brazil entworfen haben. Die von Seesternen inspirierten Möbel erzeugen ein spannendes Schattenspiel – auch wenn auf eine Polsterung verzichtet wird.

Regel Nummer drei: Legeres Sitzen
Wer ins Freie tritt, sollte sich auch befreit fühlen. Ein lockeres Sitzgefühl verspricht der Klappstuhl Ciak, den Stefan Diez mitsamt passendem Ottomanen für Emu entworfen hat. Eine Ausweitung der Sitzzone bewirkt das Programm Sail von Héctor Serrano für Gandia Blasco. Die voluminösen Sitzsäcke und Poufs sind mit salzwasserresistenten Füllungen und Bezügen ausgestattet, die nicht nur einen Einsatz auf Strandterrassen erlauben. Das Programm eignet sich ebenso zur Möblierung von Segelbooten – wo zumindest bislang an Deck noch Nachholbedarf an loungeartigen Sitzmöglichkeiten bestand.

Ein wichtiger Aspekt ist die Orientierung in Richtung Boden. Spielerisch wirken die schaumgepolsterten Nomad-Poufs, die Monica Armani für Tribù entworfen hat. Diese sind in ganzen 70 verschiedenen Farben erhältlich und kommen vor allem als Gruppe bestens zu Geltung. Das Sitzprogramm Chill von Gandia Blasco mutet auf den ersten Blick wie Matten an, die direkt auf dem Fußboden aufliegen. Tatsächlich werden die Möbel von flacher Unterbauten in Position gehalten, die auch eine Aufrichtung von Kopfstützen erlauben. Die Stärke des Entwurfs liegt in seiner endlosen Erweiterbarkeit zu bodennahen Landschaften, die ein legeres, informelles Sitzen erlauben und die Beine unweigerlich aus der Vertikalen befreien.
Porcini Beistelltische von Lorenza Bozzoli für Dedon
Regel Nummer vier: Dekor darf sein
Ins Visier geraten hierbei weniger großformatige Sofas, als vielmehr die geflochtenen Rücken opulenter Gartensessel oder ihre untrennbaren Begleiter: jene kompakten Beistelltische, ohne die jede Outdoor-Sitzlandschaft in Unvollkommenheit verharren würde. Kompakte Pilz-Tischlein in unterschiedlichen Größen sind bei Dedon in der Porcini-Kollektion von Lorenza Bozzoli zu finden. Die kompakten Möbel kombinieren Sockel aus Flechtwerk mit runden, kratz- und schlagfesten Keramikplatten. Das Programm Work is Over von Diesel Living umfasst neben geflochteten Sesseln auch Tische in unterschiedlichen Höhen und Durchmessern. Der Clou: Einige Tische besitzen eine Aussparung in der Mitte, wo sich Pflanztöpfe sicher platzieren lassen und damit das Draußen-Gefühl umso mehr verstärken.

Mut zur Oberfläche zeigt die Designerin Marella Ferrera mit zwei Tischserien für Paola Lenti, die ihre Fühler klar in Richtung Kunsthandwerk ausstrecken. Ist die Serie Sciara mit Ablagen aus Lavasteinen und Glasfliesen ausgestattet, setzt die Tischfamilie Cocci auf gebrannte Keramikkacheln in zarten Wasserfarben. Die Botschaft: Schluss mit glatten, abweisenden Strukturen. Gefragt sind vielfarbige, atmosphärische Oberflächen, die zum Schauen, Berühren und Genießen animieren.

Regel Nummer fünf: Invite only
Einen sicheren Blickschutz zu finden, der nicht auf Anhieb Assoziationen an Nato-Inventar heraufbeschwört, ist keine leichte Aufgabe. Abhilfe verspricht ein Entwurf von Rodolfo Dordoni für Roda. Wing ist ein additiv erweiterbarer Paravent, der von einem Rahmen aus lackiertem Edelstahl eingefasst wird. Dazwischen zieht ein rhythmisches Polyester-Geflecht die Blicke auf sich. „Er kann fast wie ein Bühnenbild verwendet werden und erlaubt eine Modellierung des Raums, von verborgenen Winkeln im Garten oder auf der Terrasse bis zur Privatsphäre im Büro“, erklärt der Mailänder Gestalter. Statt sich hinter einer plumpen, lichtschluckenden Mauer verstecken zu müssen, wartet dieser Sichtschutz mit einem raffinierten Schattenwurf auf – ganz so, wie es sich für eine vollwertige Ausweitung des Wohnraums gehört.

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