Wohnratgeber 6: Urbane Landlust

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Text: Mirko Beetschen

Hirschgeweihe und Karodecken waren gestern. Der zeitgemäße Alphüttenstil kommt ohne die üblichen Stereotype aus. Er setzt auf Klasse statt Klischee und strahlt dabei nicht weniger Gemütlichkeit aus.

Im Winter, bei Kälte, Schnee und Matsch, beginnen wir uns unweigerlich nach Ruhe und Zeit zu sehnen, nach dem vermeintlich einfacheren Leben in den Bergen, der Gemächlichkeit des Hüttendaseins. In den Geschäften sieht man deshalb nun wieder karierte Wolldecken, künstliche Hirschgeweihe und Kerzen in allen möglichen und unmöglichen Formen, die uns die Zeit von Weihnachten bis zum nächsten Skiurlaub, wenn’s endlich in die Berge geht, verkürzen sollen. Doch statt auf Instant-Hüttenfeeling zu setzen, sollten wir uns besser fragen, was es wirklich ist, nach dem wir uns sehnen. Welche feineren Nuancen stecken hinter den ganzen Klischees? Denn es sind nicht die Jagdtrophäen, Vichy-Karos und Kuhfellmuster, die uns am Alphüttenstil so gefallen, sondern der Charme des Ursprünglichen und Einfachen, den sie verkörpern. Sie erinnern an eine Zeit, in der man selbst ein Spielzeug schnitzte, abends an einem Scherenschnitt arbeitete oder eine Leinendecke webte.

Die Resultate waren ehrliche Zeugen unserer Anstrengung und Begabung. Wenn uns in diesen zunehmend komplexen Zeiten auch die Muße fehlen mag, selbst anzupacken, ist das Angebot an Produkten, in denen Ehrlichkeit und Handwerk stecken, heute doch riesig. Die große Kauflust mit dem Banner BILLIG weicht langsam, aber sicher einem neuen Qualitätsbewusstsein. Auf das oft beklagte Ladensterben antwortet seit kurzem das Aufblühen der individuellen Geschäfte, die dem Umstand Rechnung tragen, dass der Konsument Tradition und Individualität sucht. Allerorten wird altes Handwerk neu aktiviert, beinahe in Vergessenheit geratene Firmen erhalten frischen Auftrieb. Mit derart sorgfältig hergestellten Möbeln und Accessoires aus natürlichen Materialien wie Holz, Keramik oder Schafwolle lässt sich eine zeitgemäße Hüttenmagie schaffen, die dem Anspruch an Handwerklichkeit gerecht wird und dabei gänzlich ohne Gemeinplätze auskommt.

Leuchte Octo 4240 von Secto.
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Die Leuchte
Mit seinen Holzleuchten gewinnt der finnische Architekt Seppo Koho dem Naturmaterial eine besonders poetische Note ab. Alle Leuchten der Firma Secto werden in Finnland von Hand hergestellt und bestehen – wen wundert’s – aus Birkenholz. Dem kleinen Unternehmen aus Espoo liegen Umweltfreundlichkeit und Nachhaltigkeit so sehr am Herzen, dass selbst das anfallende Sägemehl zu Heizpellets gepresst wird.

Der Stuhl
Der Peacock Chair von 1947 stammt aus der Feder von einem der ganz großen dänischen Designer des 20. Jahrhunderts: Hans J. Wegner. Wie viele andere Klassiker der skandinavischen Moderne besticht der Stuhl mit einer gekonnten Mischung aus Materialsinnlichkeit und Formvollendung, die auch über 60 Jahre später nichts an Frische eingebüßt hat. Trotz seiner extravaganten Form – der eine traditionelle Herstellungsweise zu Grunde liegt – evoziert der Peacock Chair des Herstellers PP Møbler Bilder des einfachen Lebens und der Naturverbundenheit.

Der Teppich
Ob einfacher Flickenteppich oder antiker Kelim – Teppiche machen auf den rohen Holzdielen alter Chalets eine ebenso gute Figur wie auf dem Parkett der Stadtwohnung. Für den Berner Hersteller Ruckstuhl hat der spanische Jungdesigner Victor Carrasco das Modell Balance aus reiner Schurwolle entworfen und verheiratet das uralte Handwerk mit einer Ästhetik, die der digitalen Welt entnommen ist.

Das Kerzenlicht
Für Royal Tichelaar Makkum – mit Gründungsjahr 1572 die älteste Firma Hollands, die noch heute besteht – hat das Designduo Studio Job aus den Niederlanden eine Reihe klassischer Wohnaccessoires neu interpretiert. Aus dem Projekt Still Life ist unter anderem ein übergroßer Kerzenhalter entstanden.

Der Kerzenständer aus der Kollektion Raw des schwedischen Designers Jens Fager für Muuto wird von Hand aus einem Stück Holz gesägt und angemalt. Mit seiner rohen Schönheit verkörpert er unsere Sehnsucht nach dem einfachen Leben in der Natur perfekt. In der gleichen Optik – und in unterschiedlichen Farben – gibt es auch einen Stuhl und einen Hocker beziehungsweise Beistelltisch.
Schemel Colour Stool von Karimoku New Standard.
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Der Schemel
Der Schemel Colour Stool ist ein wahres Kind unserer global vernetzten Zeit: Entworfen in Holland, wird er unter der kreativen Leitung eines Schweizers im japanischen Kyoto hergestellt. Mit seiner Form erinnert der Ahornhocker mit dem feinen Karomuster – wahlweise in Rot oder Blau – an alte Stabellen.

Die Tischkultur
Die Kollektion Sarjaton – Finnisch für „keine Serie“ – von Iittala ist so angelegt, dass alle Teile sowohl als Solitäre wie auch als Set funktionieren. Gemeinsam sind den Keramik-, Textil- und Glasobjekten die Ästhetik in dezent skandinavischer Grafik sowie haptisch erlebbare Oberflächen.

Der Stoff
Textilien sind ein wichtiges Element in traditionellen Alphütten und Chalets. Statt karierter Vorhänge und Tischdecken darf’s aber ruhig ein etwas zeitgemäßerer Mustermix sein, wie ihn etwa die niederländische Designerin Hella Jongerius für ihre Poufs Bovist von Vitra verwendet.

Der Reservesitz
Mit Steg, einem stapelbaren Bugholzhocker und –tischchen, hat das Designerpaar StauffacherBenz der jungen Wohnkollektion Atelier Pfister einen schönen Einstand beschert, denn das multifunktionale Möbel hat das Zeug zum neuen Schweizer Klassiker.


Bisher in der Reihe erschienen:

Wohnratgeber Teil 1: Die flexible Wohnung

Wohnratgeber Teil 2: Garten und Terrasse

Wohnratgeber Teil 3: Die kleine Wohnung

Wohnratgeber Teil 4: Die exponierte Wohnung

Wohnratgeber Teil 5: Neue Gemütlichkeit

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