World Design Capital 2016: Taipei calling

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Text: Claudia Simone Hoff, 09.08.2016

Alle zwei Jahre dreht sich das Karussell der World Design Capital. In diesem Jahr macht es Halt in Taiwan. Zwölf Monate also, in denen in Taipeh erlebt werden kann, wie Design made in Taiwan aussieht – möchte man meinen. Doch die Asiaten setzen weit weniger auf einheimisches Design als erwartet, geben sich stattdessen international. Wir waren in Taipeh und haben allerlei (Design-)Dinge entdeckt. Plus: drei Bilderstrecken und Reisetipps für Taiwan.

Taipeh ist anders. Zwar genauso dicht besiedelt wie Hongkong oder Tokio, aber kein Moloch von Millionenstadt. Hier ticken die Uhren anders. Zwischen Hochglanz-Wolkenkratzern, schnell hochgezogenen Nicht-Architekturen und atmosphärischen Tempeln ist es auffallend sauber, die Menschen sind gelassen. Die Taiwanesen lieben den Müßiggang, so scheint es. An jeder Ecke gibt es Bubble Tea-Shops – der Tee mit den eigentlich geschmacklosen Tapioka-Perlen wurde in Taiwan erfunden und ist eine schnelle Erfrischung in tropischer Hitze. Unzählige Cafés frönen der italienischen Barista-Kultur, sind voll mit hippen Leuten und auch so eingerichtet: mit Sichtbetonfußboden, zusammengeschreinerten Möbeln im Shabby Chic und manchmal auch mit taiwanesischem Design.

Schönes, Skurriles und gut Gestaltetes
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Design-Hub Tabakfabrik
Die schönsten Gebäude Taipehs stammen allerdings aus der Zeit der japanischen Besatzung, so wie eine riesige, stillgelegte Tabakfabrik aus den dreißiger Jahren mit tropischem Garten mitten in der Stadt. Gleich gegenüber und gewissermaßen als architektonischer Kontrapunkt konzipiert: ein vom japanischen Architekten Toyo Ito entworfenes Hochhaus, New Horizon genannt, mit Design-Shopping-Mall und coolem Eslite-Hotel. Die Tabakfabrik, seinerzeit als Idealbau konzipiert, wurde restauriert, beherbergt kulturelle Institutionen wie das Taiwan Design Museum, Taiwan Design Center, Designshops und Cafés und ist als Songshan Cultural and Creative Center kreatives Zentrum der World Design Capital. Wie überhaupt Taipeh absolutes Zentrum der taiwanesischen Designszene ist.

Design – quo vadis?
Design in Motion, Adaptive City ist das Leitmotiv der World Design Capital 2016. Es geht dabei weniger um Ästhetik als vielmehr um Design als Methode, die Lösungen schaffen soll für Probleme, die mit zunehmender Urbanisierung und Globalisierung einhergehen. Design wird hier also nicht vorrangig als Tool betrachtet, mit dem private Unternehmen Geld verdienen können. Design wird als Social Design verstanden, das Lebensumstände verbessern kann – wünschenswerterweise in enger Zusammenarbeit zwischen den Menschen und den öffentlichen Einrichtungen, erklärt Han-Chung Wu, Executive Director der World Design Capital 2016. So soll auch das Image Taipehs als designaffine, nachhaltige Stadt gefestigt und taiwanesisches Design in aller Welt promotet werden – mit Projekten wie dem Taipei Green Boulevard Project, Bus Shelter Painting oder Total Recycling Project/ Organic Waste into Alcohol. Vier Themenschwerpunkte haben die WDC-Organisatoren festgelegt, um die sämtliche Veranstaltungen kreisen und die auch über das Jahr 2016 hinaus Bestand haben sollen: Lebensqualität und Gesundheit, Ökologische Nachhaltigkeit, Urbane Erneuerung, Smart Living. Das mag für manch einen theoretisch, schwerfällig oder gar langweilig klingen, doch die Themen werden inhaltlich weit gefasst, abstrahiert und unkonventionell umgesetzt.

Lieblingsbeschäftigung: Essen
Schwerpunkt der World Design Capital-Events im Juli war das Thema Essen und Nahrung. Das passt insofern gut, als dass (gemeinschaftliches) Essen und Trinken eine Lieblingsbeschäftigung der Taiwanesen ist: In Imbissen, mobilen Küchen, in den bereits erwähnten Bubble Tea-Shops, Restaurants und Cafés allenthalben. Unter dem Oberbegriff The Food Project hatte die taiwanesische Designerin Alice Wang zusammen mit dem British Council die Ausstellung Edible Tales organisiert – und unsere Wahrnehmung von Lebensmitteln auf den Prüfstand gestellt. Begleitet wurde die Ausstellung von den Food-Happenings Street Food Evolution und Big Bento Redo.

Es geht um die Wurst!
Sausage Social, so hat das britische Künstlerduo Bompas & Parr sein Projekt für das Event Street Food Evolution genannt. Sam Bompas und Harry Parr, die bereits den Buckingham Palace als Wackelpudding zur Hochzeit von Kate und William vor dem echten Palast aufgestellt hatten, sind Meister der Inszenierung, die bei ihnen immer mit ausführlicher inhaltlicher Recherche einhergeht. Ein frischer Blick auf schon immer Dagewesenes, das Ausloten kreativer Grenzen, das überraschende Zusammenbringen verschiedener Kontexte – das ist die Essenz der Projekte von Bompas & Parr. In Taipeh ging es buchstäblich um die Wurst: als verbindendes Element zwischen Taiwan, England und dem europäischen Kontinent, um die Wurst als Kultur und soziale Aktion und um das, was man mit der Wurst so alles machen kann.

Und so strömten am Tag des Happening Hunderte hungriger Menschen heran, um an den temporären „Marktständen“ eines imaginären Nachtmarktes Streetfood der etwas anderen Art zu probieren: ein Reiswein-Shot, der in „Gläsern“ aus Schinkenscheiben serviert wurde, Bubble Sausage Tea oder Eiskugeln mit Wurstgeschmack. Von den improvisierten Buden hingen von Alice Wang mit dem Label Bompas & Parr gebrandete Würstchen herab, und eine leuchtende Erdkugel spielte eine Sausage Symphony, wenn man die Knöpfe in Wurstform drückte. Nun, die Engländer haben bekanntermaßen einen Sinn fürs Absurd-Skurrile, während es bei Biteology und Big Bento Redo weit realistischer zuging. Hier wurde mit aussortiertem Gemüse – weil angeblich zu klein, zu groß, zu schlecht geformt – experimentiert, gekocht und die Speisen in die mitgebrachten Bento-Boxen der Besucher gefüllt.

Identitätsfrage(n)
Die WDC-Themen Nachhaltigkeit, Gesundheit, Social Design und Smart Living waren auch in der monothematischen Ausstellung Creative Roughness über zeitgenössisches israelisches Design nicht zu übersehen: als wiederverwertetes Material in Form einer Fliese, als 3-D-gedrucktes Kleid oder Überlebenswerkzeug für die Wüste.
Ausgestellt: Contemporary Israeli Design
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Egal ob Möbel, Grafikdesign, Leuchten, Mode, Schmuck oder Medizintechnik – Kurator Alon Razgour zeigt Israel als melting pot verschiedener Kulturen, was Auswirkungen auch auf das Design hat. Für den Ausstellungsmacher ist die Suche nach Identität aber nicht nur bestimmend für das Design seines Heimatlandes, sondern ein weltweites Phänomen: als mögliche Reaktion auf Globalisierung und Reisefreiheit, wie er meint. „Die Fähigkeit, trotzdem eine lokale Identität im Design zu schaffen, macht die Suche nach Identität nur noch interessanter“, fährt er fort.

Fehlstelle
Hier ein Happening, dort eine Ausstellung: Dieser Tage konnte man sich verlieren in Taipeh. Schwer, da noch den Überblick zu behalten, die inhaltliche Klammer Social Design auch zu finden. Von taiwanesischer Gestaltung und der ziemlich aktiven Designszene war in Taipeh (zumindest als wir dort waren) eher wenig zu sehen. Diese Chance hat World Design Capital 2016 Taipei verpasst oder mit dem etwas sperrigen Oberthema Social Design bewusst in Kauf genommen. Doch etwas Gutes zum Schluss: So manch einer, der sich nach weniger Kopflastigem, originär Taiwanesischem gesehnt hatte, wurde belohnt: Bezeichnenderweise mit einer Veranstaltung, die nicht zum offiziellen WDC-Programm gehört. Taiwan 100, Classics 100 – eine Ausstellung des Taiwan Design Center – zeigt taiwanesische Designklassiker von den dreißiger Jahren bis heute, herrlich übersichtlich kuratiert. Fahrräder, Möbel, Tableware, Elektronik, Spielzeug – von in Europa nahezu unbekannten Designern und Herstellern. Davon hätten wir gern mehr gehabt!


UNTERWEGS IN TAIWAN: REISETIPPS

In Taipeh

Wistaria Teahouse
Japanisches Teehaus aus den dreißiger Jahren, beliebter Treffpunkt der Intellektuellen von Taipeh. Draußen Großstadtlärm, drinnen kontemplative Stille. Man sitzt auf Tatami-Matten, während Tee und Speisen serviert werden. Manchmal finden auch Ausstellungen taiwanesischer Künstler statt. Eine Oase der Ruhe!

Imperfect Café
Im ersten Stock eines unscheinbaren Geschäftshauses gleich gegenüber der Universität gelegen. Loft-Atmosphäre mit Betonfußbuden und selbst gefertigten Möbeln. Hier sitzen Studenten mit iPhones und Laptops und büffeln für die nächste Klausur. Kaffee wie in Italien, gern auch mit zwei Kugeln Vanilleeis.

Home Hotel Da'an
Das Konzept des Hotels: Zeitgenössische Designer arbeiten mit indigenen taiwanesischen Stämmen zusammen. In den luftigen, sehr geräumigen Zimmern finden sich Designstücke wie Kissen, Leuchten und Möbel sowie Tee, Kaffee und Kosmetik des eigenen Labels Fancalay.

Longshan-Tempel
Sehr angenhme Stimmung mit Betenden, Räucherstäbchen und unzähligen schön arrangierten Opfergaben. Mehr Authentizität geht nicht! In der Nähe befindet sich ein gut restauriertes Viertel mit Backsteinhäusern, die einen ins Taipeh früherer Zeiten zurückversetzen.

Songshan Creative and Cultural Center
Hauptspielstätte der World Design Capital 2016. Neben einem imposanten Neubau des japanischen Architekten Toyo Ito (New Horizon) mit Eslite-Shopping-Mall und -Hotel steht gegenüber eine alte japanische Tabakfabrik aus den Dreißigern, die komplett restauriert wurde. Drinnen: Shops, Cafés, Ausstellungsräume, Museen. Hier kann man sich getrost den ganzen Tag vertreiben. Schön sind auch der große Innenhof und der tropisch bewachsene See nebenan.

Anderswo

Jiufen
Im Norden Taipehs gelegene, ehemalige Goldgräberstadt in den Bergen. Steile enge Gassen, fantastische Blicke aufs chinesische Meer. Unbedingt das Essen an einem der mobilen Stände probieren und die Keramikgeschäfte ansehen. Im Kino aus den Dreißigern wird jeden Tag der Film Die Stadt der Traurigkeit des taiwanesischen Regisseurs Hou Hsiao-hsien gezeigt, der in Jiufen spielt und die verlassene Stadt aus dem Dornröschenschlaf weckte.

Ceramics Museum, Yingge
Südlich von Taipeh liegt die kleine Stadt Yingge, Zentrum der taiwanesischen Keramikindustrie. Es gibt eine Straße, an der sich ein Keramikladen an den anderen reiht und das imposante Keramikmuseum. Es erzählt Geschichten über die Keramikherstellung und übers Teetrinken in Taiwan. Dieses Jahr findet die Design Biennale statt mit frappanten Stücken von Keramikern aus aller Welt.

Jia Jia at West Market Hotel, Tainan
Mitten in der Stadt gelegenes Hotel mit Blick auf einen kleinen Markt, um die Ecke Coffeeshops und viele Geschäfte. Auch zum großen Nachtmarkt ist es nicht weit. Sehr schön: Die Zimmer sind groß, individuell eingerichtet mit zeitgenössischem taiwanesischem Design. Davon gibt es in der liebevoll gestalteten Lobby jede Menge zu kaufen: Mode, Taschen, Dinge.

Lin Department Store, Tainan

Wer sich einen Überblick über die gehobene taiwanesische Lebensart verschaffen will, ist hier richtig. Das prächtige, restaurierte Gebäude aus den Dreißigern birgt kulinarische Erlebnisse und Designschätze. Von der Terrasse mit kleinem Schrein hat man einen schönen Blick über die Stadt.

National Palace Museum Southern Branch, Taibao City
Weil die Sammlung des National Palace Museum in Taipeh so groß ist und es nicht genügend Platz zum Ausstellen der Kunstschätze der chinesischen Kaiser gibt, wurde im Juli im Süden des Landes ein Ableger eröffnet. Man kommt gar nicht mehr aus dem Staunen heraus ob der hauchzarten Keramiken, fragilen Textilien und imposanten Buddha-Statuen. Ein Erlebnis!

Alishan-Gebirge
Taiwan besitzt unzählige Berge, die über 2000 Meter hoch sind. Eine kurvige Straße führt ins Alishan-Gebirge hinein. Hier kann man wandern, vorbei an meterhohen Bambuswäldern. Unbedingt anhalten sollte man an einer der privaten Teeplantagen und den hier angebauten, köstlichen Oolong-Tee probieren. Manchmal wird er mit Rosenblättern verfeinert.

Buchtipps

Taiwan by Design, 88 Products for Better Living
Die australische Autorin Annie Ivanova hat ein kurzweiliges Buch über taiwanesisches Produktdesign verfasst – das erste in englischer Sprache. Neben einer fundierten Einleitung stellt die Kuratorin, die lange in Taiwan gelebt hat, 88 zeitgenössische taiwanesische Designprodukte vor: Motorräder, Teeservices, Reiskocher und 3-D-Drucker beispielsweise.

Taipei, Wallpaper City Guide

Ein Muss für jeden Design-Aficionado. Architekturprojekte, Shops, Restaurants und Ausflugsziele der taiwanesischen Hauptstadt mit Designfokus. Allerdings ist der Guide nur als Zusatzbuch zu empfehlen, da praktische Dinge wie detaillierte Karten u.ä. fehlen. Mehr Tipps für den kleinen Geldbeutel wären auch ganz schön! 

Taiwan, Reiseführer (Reise Know-how)

Guter Überblick über die einzelnen Regionen des Landes. Ausführliche Adressen und Kartenmaterial, fundierte Einführungen zu verschiedenen Themen wie Politik, Kultur, Gesellschaft. Allerdings ein ziemlich schwerer Brocken zum Mitnehmen für Umherreisende.

Taipeh, Reiseführer (Reise Know-how)

Schmaler Reiseführer, der alles Wichtige über Taipeh zusammenfasst. Schön, dass die Adressen auch in Chinesisch aufgeführt sind, denn so findet man viel besser durchs Gewühl!

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