Wunderbare Warenwelten: Ambiente 2010

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Text: Claudia Simone Hoff

 
Die weltweit größte Konsumgütermesse „Ambiente“ schloss gestern ihre Pforten. Fünf Tage lang konnte der Fachbesucher unzählige Standpräsentationen, Ausstellungen und Preisverleihungen besuchen sowie eine kaum zu bewältigende Menge an Produkten auf insgesamt 183.000 Quadratmetern Fläche bestaunen. Neben den Messebereichen „Living“ und „Giving“ war „Dining“ in den Hallen 1 bis 6 als Weltleitmesse für die Branchen Tisch, Küche, Hausrat und Genuss auf der Messe Frankfurt präsent. Für den Design-Afficionado stellte Halle 4 den Nabel der Welt dar, waren unter den Herstellern doch so illustre Namen wie Iittala, Alessi, Stelton oder Rosenthal vertreten.
 

Mit insgesamt 2172 internationalen Ausstellern ist der Messebereich „Dining“ im Vergleich zum letzten Jahr um genau 54 Aussteller gewachsen. Insgesamt drängten sich in den Hallen aller drei Messebereiche 133.000 Besucher, geringfügig weniger als im letzten Jahr. Diese Zahlen belegen, dass das eigene Zuhause und vor allem der Bereich Küche und Essen im Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens steht, wie auch der anhaltende Trend zur Wohnküche belegt. Und wenn mehr zuhause gekocht und Gäste empfangen werden, spielt der gedeckte Tisch zunehmend eine wichtige Rolle.

Von China in die alte Welt: 300 Jahre Porzellan
 
Nicht nur deshalb, auch aufgrund des 300jährigen Jubiläum des Porzellans in Deutschland standen die Porzellanhersteller im Fokus des Interesses und warteten – wie beispielsweise Villeroy & Boch und Rosenthal – mit aufwändig inszenierten Messeständen auf. Während KPM die Rohkostschale von Gerhard Marcks aus den dreißiger Jahren mit Golddekor präsentierte, zeigte der dänische Hersteller Kähler Design die Keramikserie „Mano“ der Designerin Jeanette List Amstrup. Und auch Rosenthal machte wieder einmal von sich reden, dieses Mal jedoch nicht mit finanziellen Schwierigkeiten und Übernahmegerüchten, sondern mit einer künstlerischen Innovation: Der italienischen Designer Vittorio Passaro ließ sich bei der Gestaltung der Porzellanserie „Papyrus“ – wie der Name des Produkts bereits andeutet – von den Eigenschaften des Papiers inspirieren. Präsentiert wurde das feinsinnige Ensemble aus Vasen und Bechern in einer gelungenen Installation aus Papierschlangen, Porzellanteilen und einer stark vergrößerten Hintergrundgrafik.

Eines der Highlights in Halle 4.1 war der Stand der Porzellanmanufaktur Hering Berlin. Berühmt bei Sterne-Köchen für ihre fragilen Porzellanservice, präsentierte Hering Berlin am schlicht und edel gestalteten Stand eine Neuheit: zwei Glasserien, die von der altehrwürdigen Glasmanufaktur Theresienthal produziert werden. Hier stach vor allem „Domain“ hervor. Die auf Wein ausgerichtete Serie gefällt vor allem durch die Farbkombination des rauchgrau-durchsichtigen Stiels und den formauffälligen Knick im Kelch. Im Foyer derselben Halle fand anlässlich des Porzellan-Jubiläums auch eine von Gerd Sommerlade gestaltete Sonderausstellung statt: Der Designer hatte Hunderte von schönen weißen Porzellanen vor einer blauen Wand kunstvoll arrangiert, darunter Stücke wie „Emperor’s Garden“ von Sieger Design (Fürstenberg) oder Trude Petris legendäres Service „Urbino“ aus den dreißiger Jahren (KPM).
 
Fragile Objekte: Gläser und Gläsernes
 
Neben dem Material Porzellan spielt in der Gestaltung von Produkten für den Gebrauch in der Küche und im Essbereich Glas seit jeher eine bedeutende Rolle. Dabei überraschte der finnische Glashersteller Iittala mit zwei veritablen Neuheiten. Er präsentierte mit „Vitriini“ quadratische Glasboxen mit Deckel, die von ihrer Anmutung in Form und Farbe an Glasbausteine erinnern und überall in der Wohnung aufgestellt einen dekorativen Farbklecks setzen. Verspielt, aber doch praktisch sind die Objekte namens „Birds“ – ebenfalls entdeckt bei Iittala. War die Serie bisher ausschließlich als Deko-Objekt gedacht, können die Vögel von Matti Klenell nun als kleine Behälter oder Vasen verwendet werden. Apropos Vasen: Die Designerin Cecilie Manz entwarf für den dänischen Glashersteller Holmegaard eine sechsteilige Vasenserie namens „Blossom“, die mit ihrer schlichten Form, den zarten Pastellfarben und ihrer Zweckmäßigkeit begeistert.
 
Lust auf Zweck
 
Zweckmäßig sind auch drei andere Produkte, die wir auf der „Ambiente" entdeckten: Dass man nicht jedes Lebensmittel auf demselben Brett schneiden sollte, ist die Grundidee der „Food Station“ des kleinen britischen Designherstellers Joseph Joseph. Drei verschiedene Kunststoffbretter in den Farben Blau, Rot und Grün können auf eine Glasunterlage gelegt werden, und dem getrennten Zerschneiden von Knoblauch, Zwiebeln, Fisch und Fleisch steht fortan nichts mehr im Weg. Der deutsche Hersteller Authentics hat mit „Urban Garden“ eine Serie von Produkten lanciert, die dem Trend zu mehr Grün in der Großstadt entgegenkommen und ein System der Raum-Begrünung darstellen. Entworfen vom Design- und Pflanzenspezialisten Patrick Nadeau finden hier Küchenkräuter, aber auch größere Grünpflanzen in flexiblen Taschen und Säcken aus beschichtetem Textilgewebe eine Heimat und können praktischerweise gleich an die Wand über dem Herd gehängt werden. Die robust-sportliche „Baggy Wine Coat“ von Menu passt vielleicht nicht unbedingt zu Stefanie Herings zart-kunstvoller Weinglasserie, aber für ein Picknick oder eine Gartenparty ist sie allemal bestens geeignet, verstaut sie doch eine unansehnliche Drei-Liter-Weinbox und kann sie zusätzlich mit einem Kühlelement auf die richtige Temperatur bringen.
 
Aus alt mach neu
 
Diese Neuheiten können allerdings nicht davon ablenken, dass viele Hersteller keine wirklichen Innovationen präsentierten, sondern lediglich Abwandlungen bereits existierender Produkte. Dass dies der Wirtschaftskrise geschuldet ist, kann man nur mutmaßen. Statt Produktinnovation werden stattdessen neue Farben ausprobiert oder neue Dekore präsentiert. So lockt beispielsweise das wunderbare Porzellanservice „Taste“ von Paola Navone, das die italienische Designerin für die Porzellanmanufaktur Reichenbach entworfen hat, nun mit verschiedenen Dekoren in Gold oder Blau. Oder der dänische Hersteller Stelton, für den der britische Modedesigner Paul Smith die legendäre „Cylinda Line“ von Arne Jacobsen zum 50jährigen Jubiläum des Unternehmens aufgepeppt hat. Und so heißt es nun „Paul Smith for Stelton". Ob es allerdings so passend ist, einen zeitlosen Designklassiker mit verschiedenen Farben und sogar Schrift zu versehen – darüber wird sicherlich noch kontrovers diskutiert werden. Weniger kontrovers und durchaus gestalterisch gelungen hingegen ist der Messerblock, den Tools Design für Eva Solo entworfen hat, und der nun auch in der Trendfarbe Schwarz erhältlich ist.

A wie Alessi

Ein weiteres Beispiel für die Variation desselben Themas ist die „Blow up bamboo collection“ von Alessi. Sie variiert die bereits auf dem Markt lancierte Metallvariante der brasilianischen Campana-Brüder und setzt sie nun in Bambus um, was den Objekten wie Schalen oder Tischen eine gänzlich neue Anmutung verleiht und zugleich den Nachhaltigkeitsaspekt zum Thema macht. Der Messestand der italienischen Designschmiede war im Übrigen eine der wenigen Orte, an denen der Besucher vor lauter Gedränge kaum voran kam. Ausgestellt waren neben der Campana-Bambus-Kollektion Neuheiten des Unternehmens wie das fröhlich-bunte Backset „Essentiel de pâtisserie“ der französischen Designerin Matali Crasset, die überraschende „Blank Wall Clock“ von Marti Guixé sowie das praktische „Fat tray“ von Harri Koskinen.
 
Von Ausstellungen, Talenten und Preisverleihungen
 
Wie immer auf der „Ambiente“ gab es zahlreiche Sonderveranstaltungen wie Ausstellungen, Trendinszenierungen und Preisverleihungen zu besuchen. Das kuratierte Förderprogramm „Talents“ gab 36 Jungdesignern die Möglichkeit, ihre teils erstaunlichen Prototypen der Öffentlichkeit zu präsentieren. Besonders gefallen hat uns die mobile, grundrissunabhängige Kleinküche „Magdalena Gravity“ von Burkhard Schäller in Halle 11, auch wenn sie ihr Vorbild „Erika“ nicht verhehlen kann: Drahtbiegeteile definieren den Platz für die benötigten Küchenwerkzeuge wie Töpfe, Besteck oder Schneebesen und reduzieren die zusammenklappbare Küche auf die Bereiche Kochen, Arbeiten und Spülen. Manche Talente vom letzten Jahr haben übrigens geschafft, wovon wohl jeder Designstudent träumt: mit ihren Produkten in Serienproduktion zu gehen. Sandra Schmedemanns Porzellandose „Diva“ entstand aus der Zusammenarbeit zwischen der Porzellan- und Glasklasse der Burg Giebichenstein und dem Porzellanhersteller Kahla und wird nun in Serie produziert.

Auch die Verleihung des „Designpreises der Bundesrepublik Deutschland“ stand auf dem Programm des gehetzten „Ambiente“-Besuchers: Martin Bergmann vom österreichischen Designbüro EOOS nahm den Preis in Gold für das Küchenprogramm „b2“ von Bulthaup entgegen und Lamy sahnte eine Auszeichnung ab für den Kugelschreiber „Noto“ des japanischen Entwerfers Naoto Fukasawa.
 
Klein und fein
 
Das schönste Erlebnis auf der „Ambiente“ dieses Jahr? Nicht so sehr die verschwenderisch gestalteten Messestände der großen Hersteller oder die ganz großen Designentwürfe – nein, eine kleine Werkstatt für Glasschiff aus dem beschaulichen Lübeck machte das Rennen: Carl Rotter. Der gleichnamige 18jährige Urenkel des Firmengründers führte über den Stand und erzählte begeistert und authentisch über das kunstvolle Handwerk, die ausgestellten Schalen, Becher und Gefäße – die da funkelten und glitzerten in allen Regenbogenfarben.

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