Zeichen gelaufener Zeit – die neuen Böden

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Text: Norman Kietzmann


Von wegen graues Mäuschen: Dass sich der Blick auf den Boden durchaus lohnt, zeigen längst nicht nur die Aussteller der diesjährigen Domotex in Hannover (14. bis 17. Januar 2012), die als weltweite Leitmesse zum Thema Boden gilt. Der Trend: Feiern handgeknüpfte Teppiche derzeit ein Comeback, schert auch das Parkett aus seiner bisherigen Zurückhaltung aus und folgt dem Gebot der Stunde: Vintage.



Der Boden gerät in Bewegung. Kein Treibsand oder Erdbeben sorgt hierbei für Dynamik, sondern die Anbieter von Parkett, Laminat und Teppichböden, die sich in einem Punkt einig sind: Schluss mit der falschen Zurückhaltung der vergangenen Jahre, als der Boden eine triste Rolle als neutraler Untergrund spielen musste. Als selbstbewusste Persönlichkeit darf er nun in den Wettstreit der Dinge einsteigen und muss – da den zunehmend retrogespulten Möbeln die Lust am Neuen abhanden kommt – dafür sorgen, dass die Zeit nicht stehen bleibt.

Dass auch das Neue in vertrauten Formen daherkommt, zeigt das Revival der Teppiche, die aus keinem Wohnzimmer mehr wegzudenken sind. Freilich hat der klassische Orientteppich auf den ersten Blick erst einmal ausgedient, wenngleich er durch die Hintertür an Präsenz gewonnen hat. Vorreiter dieser Entwicklung ist der deutsche Teppich-Designer Jan Kath, der der Branche die entscheidende Richtung schon vor Jahren vorgab: Traditionelle Orientmuster werden dekonstruiert und in ihrer Optik verfremdet, als wären sie durch Jahrzehnte intensiven Gebrauchs sichtlich ausgetreten worden.

Die Jeans für den Boden


Vintage heißt dieser Trend, der die Mode seit über 15 Jahren fest im Griff hat und nun auch vor den heimischen vier Wänden keinen Halt mehr macht. Analog zu den Reeditionen von Möbelklassikern muss ebenso der Teppich Vertrauen stiften. Seine Rolle lässt sich durchaus mit der einer verwaschenen Jeans vergleichen: Er passt zu allem und sieht – sofern die Waschung stimmt – frisch aus, wenngleich er eigentlich auf vergammelt macht. Dieses Spannungsfeld aus der Illusion von Gebrauch – gleichbedeutend mit abgewetzt, vermodert, von Motten zerfressen – und einer perfekten Verarbeitung – handgeknüpft, weich, mit hohem Seidenanteil – stimuliert nicht nur die Sinne. Es sorgt für ein Gefühl, als hätte man dem Wohnzimmer eine Beruhigungstablette verabreicht, die den Möbeln Entspannung verspricht.

Der Wettstreit der Teppichhersteller vollzieht sich unterdessen auf einem genau definierten Terrain. 300.000 bis 400.000 Knoten muss ein handgeknüpfter Teppich auf einer Fläche von einem Quadratmeter aufweisen, um überhaupt als solcher ernst genommen zu werden. Hergestellt werden die meisten in Indien und Nepal und nicht in Persien. Statt in großen Fabriken werden die Teppiche zumeist dezentral von Familien zuhause einzeln angefertigt. Vier bis zwölf Monate dauert die Herstellung der Teppiche, die in den Hallen der designaffinen Hersteller auf der diesjährigen Domotex zu sehen waren. Dass es hierbei mit rechten Dingen zugeht, garantiert das Schweizer Fair-Trade-Label Step, das faire Bedingungen in der Produktion sowie dem Handel der Teppiche überwacht, und sich selbst von Lizenznehmern sämtliche Einkäufe und Lieferketten offenlegen lässt.

Gewänder in neuem Gewand

Der Hang zum Vintage-Design erfasst längst nicht nur die Optik des fertigen Produkts. Auch bei der Gewinnung der Fasern wird auf Vorhandenes gesetzt und damit das mit eingewebt, was dem Teppich Authentizität verspricht: die Leuchtkraft gebrauchter Fasern, die mit kräftigem Azurblau, Moosgrün oder Granarot für Akzente sorgen. Vor allem in Indien existiert ein blühender Markt mit kostbaren Sari-Seidentüchern, die rund fünf bis sechs Meter lang sind und von Frauen zu besonderen Feiertagen oft nur ein einziges Mal getragen werden. In einem aufwändigen Trennverfahren werden die Saris in schmale Streifen zerschnitten, gereinigt und nach Farben sortiert, um als Knüpfmaterial für Teppiche zum Einsatz zu kommen. „Luxusrecycling“, nennt Jan Kath dieses Verfahren, dessen Qualität darin besteht, neben speziellen Farben auch unregelmäßige Verläufe in die Textur des Bodens einzubinden.

Dass der echte Perserteppich dennoch nicht ausgedient hat, zeigt der Hamburger Teppichhersteller Hossein Rezvani. Teppiche aus Indien kommen dem iranisch-stämmigen Hanseaten nicht ins Haus. Statt der üblichen 300.000 bis 400.000 Knoten indischer Produktion beginnen seine Teppiche bei einer Dichte von mindestens einer Million Knoten. Geknüpft werden die Teppiche im Iran, wo traditionell die höchste Qualität aller Perserteppiche erzielt wird. Doch auch hier trifft die Tradition auf die Probleme der Gegenwart: Aufgrund des US-amerikanischen Embargos können kleine Familienunternehmen nicht in die USA, seit jeher ein wichtiger Markt im hochpreisigen Teppichsegment, exportieren. Zu schaffen macht den Teppichherstellern auch der fehlende Nachwuchs, da immer weniger junge Leute die alten Knüpftechniken erlernen wollen. So initiierte der Wiener Teppichhersteller Vartian jüngst sogar eine eigene Schule und Ausbildungsstätte in Tibet, um das traditionelle Handwerk – und damit auch das eigenes Geschäftsfeld – nicht aussterben zu lassen. Wenn dieses in zehn bis fünfzehn Jahren nicht stärker gefördert werde, so Branchenexperten, dürfte es eng werden bei der Teppichproduktion und die gestiegene Nachfrage könne nicht mehr erfüllt werden.

Industrielle Nachzügler


Nicht zuletzt aus diesem Grund stehen auch industriell gefertigte Teppiche weiter hoch im Kurs. Doch auch bei ihnen gilt: keine Synthetik, sondern lediglich reine Natur erhält Zugang zum Wohnzimmer. Bereits seit 125 Jahren produziert die Firma Ruckstuhl als erstes Schweizer Unternehmen Bodenbeläge aus Kokosfasern. Der nun vorgestellte Teppich Waikiki, der vollständig aus naturbelassenem und strapazierfähigem Kokosgarn gewebt wurde, bereitet mit seiner groben Oberfläche nicht nur eine wohltuende Fußmassage. Er trotzt ebenso der Witterung und kann selbst bei Regen oder starker Sonneneinstrahlung im Freien bleiben. Ein weiterer Nebeneffekt: Die Naturfasern heizen sich weit weniger intensiv auf als Böden aus Naturstein und machen den Teppich zu einem idealen Begleiter für die Terrasse.

Auch der Objektanbieter Object Carpet nahm mit Pure Silk eine Qualität aus reiner Seide ins Programm, die mit einer Dichte von 2.400 Gramm pro Quadratmeter sowohl in abgepassten Teppichmaßen sowie als Rollenwaren mit vier Metern Breite erhältlich sind. Gefertigt in 21 verschiedenen Farben, zeichnet sich die Oberfläche des Teppichs neben dem besonderen Glanz ebenso durch eine besondere dreidimensionale Oberfläche aus. Diese erzeugt am Boden ein differenziertes Bild und setzt betont auf wohnliche Qualitäten – selbst wenn der Teppichboden in einem Büro zum Einsatz kommt.

Parkett mit Vergangenheit

Ist der Trend zum Vintage kaum noch wegzudenken aus der Teppichgestaltung, erfasst diese Entwicklung nun erstmalig auch das Parkett. Auch hier muss das Neue die beruhigende Patina vergangener Zeiten versprühen. Vorreiter dieser Entwicklung ist der deutsche Parketthersteller Bauwerk, der in Hannover die Kollektion Vintage präsentierte, die von Virginia Maissen und der Zürcher Kreativagentur Gustave entwickelt wurde. „Im Mittelpunkt steht sicher meine Leidenschaft für Gelebtes und Gebrauchtes“, erklärt die Designerin und verweist auf die nostalgische Schönheit „verwitterter Fassaden oder die Zeichen der Zeit von abgelaufenen Böden“.

Wird der Vintage-Effekt bei Teppichen lediglich simuliert – die aufwändig geknüpften Arbeiten sind schließlich brandneu und unversehrt –, ähnelt das Auswaschen des Farbauftrags auf der Oberseite der Parkettstücke tatsächlich der Behandlung einer Jeanshose. Der Nebeneffekt: Kein Parkettstück gleicht aufs Haar dem anderen, sodass die Unregelmäßigkeiten der Abnutzung ein differenziertes Erscheinungsbild am Boden erzeugen und das Wort „Unikat“ als entscheidendes Verkaufsargument ins Spiel bringen. Neben Uni-Farben kommen ebenso verwaschene Dekore zum Einsatz, darunter das an verblichene Zeitungsseiten erinnernde Motiv Old News.


Schlängelnde Kanten


Auch der guten alte Diele geht es an den Kragen. Wurden Baumstämme bislang im Sägewerk zu akkuraten rechtwinkligen Steifen geschnitten, hat die gerade Kante nun ausgedient. „Es war nicht die Natur, die gerade Dielen erfunden hat: es waren die Einschränkungen der Technologie“, beschreibt der niederländische Bodenhersteller Bolefloor seinen Ansatz. Als einziger Anbieter hat er ein patentiertes Verfahren entwickelt, mit dem die natürlichen Konturen der Bäume erhalten bleiben und dennoch ein homogener Boden entsteht. Rund 20 Prozent mehr Dielen können durch dieses Verfahren aus einem Baumstamm gewonnen werden, während der Boden aufgrund des unregelmäßigen Kantenlaufs ein dynamisches Muster aus den Händen der Natur erhält.

Bereits 2009 sorgte der deutsche Bodenhersteller Parador für eine Rehabilitierung des einst gescholtenen Laminats. In Kooperationen mit Designern wie Matteo Thun, Piero Lissoni oder Ross Lovegrove wurde das Kunststoff-Sandwich als kommunikative, grafische Fläche im Raum inszeniert. Mit dem Programm Parador Identity ist die Formfindung nicht länger den Profis vorbehalten. Ob selbst entworfene Muster, Zeichnungen oder eigene Urlaubsbilder, jeder kann sein eigenes Wunschmotiv in einer Auflösung von satten 1200 dpi auf den Boden drucken lassen. Dass Laminate auch in Fragen der Umweltbilanz eine gute Figur machen, bewirkt der Einsatz von Rohstoffen aus heimischer Forstwirtschaft sowie der Einsatz regenerativer Energien. Der Boden – so das Fazit – legt nicht nur in punkto Natürlichkeit weiter zu. Er darf Spaß machen und vermag eine selbstbewusstere Rolle in der Einrichtung zu spielen als bisher – selbst dann, wenn ein wenig Nostalgie mit im Spiel ist.

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