Zeitgeist im Schnelldurchlauf

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Text: Norman Kietzmann

Ugo La Pietra ist ein Allroundtalent. Der Maler, Bildhauer, Architekt, Designer, Regisseur, Schauspieler, Musiker, Cartoonist und Lehrer besaß stets ein sicheres Gespür für den Puls der Zeit. Und doch stand er zeitlebens im Schatten anderer – bislang jedenfalls. Die Mailänder Triennale widmet dem 76-jährigen eine große Retrospektive, die mit über 1000 Werken sein Schaffen ab den frühen sechziger Jahren bis in die Gegenwart dokumentiert.

Ihn ereilte dasselbe Schicksal wie viele Avantgardisten. Noch bevor sich Ugo La Pietra um die Umsetzung (und nicht zuletzt auch Vermarktung) seiner Ideen kümmern konnte, war er längst schon wieder woanders. Die vergangenen fünfzig Jahre haben den gestalterischen Grenzgänger auf immer neue Felder geführt, sodass es unmöglich geworden ist, ihn festzulegen. Die von Angela Rui kuratierte Retrospektive, die derzeit in der Mailänder Triennale zu sehen ist, wirkt deshalb wie ein Schnelldurchlauf durch die Avantgardegruppen des späten 20. Jahrhunderts. Das Spektrum reicht von wilden Pop-Fantasien wie Haus-Rucker-Co über konsumkritisches Radical Design bis hin zur Ironie von Memphis. La Pietra war den Gruppen nicht nur dicht auf den Fersen. Er war ihnen häufig sogar voraus.

Jamaikanisches Elixier 
Seinen Auftakt nimmt der Rundgang an einem Ort, wo in den späten fünfziger Jahren die Mailänder Boheme zusammentraf: das Café Jamaica in der Via Brera. Die Studenten der Kunstakademie auf der gegenüberliegenden Straßenseite trafen hier auf Meister, Macher, Angeber oder Freigeister jeglicher Couleur. „Tag für Tag wurde mein Blickwinkel weiter, der sich wie beim Schreiben durch verschiedene Texturen und Beschreibungen von Orten und Territorien ausdrückte“, vermerkte Ugo La Pietra 1964. In nächtlichen Lesungen und Besprechungen wurde der Zeitgeist eingefangen – von Kurosawas Filmen über Fontanas Kunst bis hin zu Le Corbusiers Architekturen.

Leuchte Globo Tissurato für Produzione Poggi, 1967 / Courtesy Archivio Ugo La Pietra
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Spiel des Zufalls 
Auch Ugo La Pietra ließ sich davon anstecken, der bis 1964 am Mailänder Politecnico Architektur studierte. Seine organisch skulpturalen Architekturentwürfe (ab 1961) lassen an Friedrich Kieslers Endless House oder oder Le Corbusiers Kapelle von Ronchamp denken. Wenig später begann La Pietra mit Acrylglas zu experimentieren und fertigte Wandreliefe mit „zufälligen“ Mustern an: kreuz und quer verstreute Bohrungen, die zusammen ein raffiniertes Schattenspiel erzeugten. Von ersten Skulpturen führte ihn der transparente Kunststoff weiter zu komplexen Lichtobjekten, darunter die streng geometrische Cilindro Tissurato (1968) oder die Op-Art-inspirierte Ruota Luminosa (1969), die beide vom Hersteller Zama Elettronica produziert wurden.

Klanggesteuerte Leuchten
Ihrer Zeit voraus war die Leuchte Globo Tissurato (1967), die über einen klanggesteuerten Dimmer verfügte, der durch Händeklatschen aktiviert wurde. Die Form der Leuchte nahm mit ihrer Verschmelzung aus Zylinder und Kugel spätere Designentwürfe wie Gae Aulentis berühmte Leuchte Alcino (1975) für Artemide vorweg. Die Verbindung aus Klang und Raum untersuchte La Pietra mit seiner Installation Audiovisual Environment (1967-1969), bei der Lichtsignale und Geräusche auf die Bewegungen der Besucher reagierten. Teil des Projektes war ein Helm aus transparentem Kunststoff, der mit einem Lautsprecher und Mikrofon ausgestattet war – und dabei unweigerlich an die Klimakapsel Mind Expander/Flyhead Helmet (1968) von Haus-Rucker-Co denken ließ. Während das Wiener Kollektiv mit seinen Arbeiten weltweit für Aufsehen sorgte (das Berliner Haus am Waldsee widmet dem Kollektiv zurzeit eine umfassende Rückschau), bewegte sich Ugo La Pietra längst weiter. 

Bewegte Räume
1969 realisierte er in Mailand einen ungewöhnlichen Innenausbau, der Tag und Nacht bespielt werden konnte: die Boutique Altrecose, von der eine Treppe in den Nachtclub Bang Bang ins Erdgeschoss hinabführte. Damit während der Party die Kleider nicht abhanden kamen oder beschmutzt wurden, hingen sie in transparenten Plexiglaszylindern unter der Decke. Auch während des Tages verblieben sie dort, so dass die Kunden sich die Kleidungsstücke zunächst von unten ansahen und anschließend die gewünschten Zylinder herunter fahren konnten. Für ein kaum weniger bewegtes Raumgefühl sorgte die Mila–Schön-Boutique (1971) in Rom, deren schräg gestellte Wände die heutigen Flagship Stores der großen Markten regelrecht alt aussehen lassen.
Ausstellungsansicht / Foto: Max Rommel
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Urbane Interaktionen
In den siebziger Jahren schuf Ugo La Pietra kinetische Möbel, die den Arbeiten von Joe Colombo nahestanden und dennoch einen eigenen Zugang einbrachten. So ließ sich ein Schreibtisch mit seitlichen Schubladen in eine pyramidenartige Skulptur verwandeln, die als abstrakter Körper frei im Raum stand. Während La Pietra Mitte der siebziger Jahre die Architekturzeitschriften Progettare INPIÙ und fasciolo herausgab, ersann er ebenso feinsinnige Interaktionen in urbanen Raum. So sollten Absperrgitter in Bettgestelle verwandelt werden, Trafohäuser in Kühlschränke oder Telefonzellen in öffentliche Duschen. Während die nihilistischen Designkonzepte von Alessandro Mendinis Studio Alchimia die Funktion ad absurdum trieben, ging La Pietra mit seinen urbanen Plänen genau den umgekehrten Weg. Er stellte die Rolle der Stadtraummöbel durch das Hinzufügen einer fremden bis absurden Funktion in Frage und regte so zum Nachdenken über scheinbar unbedeutende Begleiter des Alltags an.

Fragile Meisterstücke
Die achtziger Jahre führten Ugo La Pietra auf das Terrain der Zerbrechlichkeit: Glasvasen, Keramiktische, unzählige Teller, Vasen und Prunkstücke aus Porzellan reihen sich im zentralen Ausstellungsraum aneinander. Es sind poetisch-leichtsinnige Arbeiten, die ein gutes Gespür für Farben, Formen und Proportionen zeigen. Daneben stehen große, bühnenartige Holzschränke, bei denen die Türen Vorhänge imitieren und die Objekte in den offenen Fächern in Akteure verwandeln. Das Motiv der Künstlichkeit griff La Pietra mit Dachgärten aus Keramiken, Mosaiken und metallenen Möbeln auf, die Architektur und Pop zu einer quietschbunten Mischung zusammenführten. 

Das alles ist schlau durchdacht und treffend auf den Punkt gebracht. Und doch wirken die Arbeiten in ihrer Fülle gestrig. Dass der Name La Pietra außerhalb Italiens kaum noch ein Begriff ist, mag nicht nur an seinen chamäleonartigen Verwandlungen liegen. Es scheint, als ob der Mailänder Allrounder dem Zeitgeist der sechziger bis achtziger Jahre mitunter so nah gekommen war, dass er sich dabei die Flügel verbrannte. Eine spannende Einsicht in die große Zeit der Avantgarde bietet seine Werkschau allemal. Sie zeigt vergessene Facetten einer Epoche, über die scheinbar alles gesagt und alles geschrieben worden ist.

Ugo La Pietra – Progetto Disequillbrante
La Triennale di Milano
noch bis 15. Februar 2015

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