Zeitgemäßes Design will Inklusivität

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Text: Tina Roeder

Abseits des umtriebigen Berliner Kulturgeschehens, schreibt ein staatliches Kunstgewerbemuseum in Dresden fast beiläufig Designgeschichte. Die progressive Ausstellung Add To The Cake präsentiert das Thema Inklusivität in den Künsten aus Sicht einer zeitgemäßen Designpraxis mit einer Lässigkeit präsentiert, die zeigt: Es geht auch anders!

«Hinzufügen bedeutet nicht Wegnehmen – mit der Ausstellung Add To The Cake bereichern die Kuratorinnen Matylda Krzykowski und Vera Sacchetti (Foreign Legion) den kunsthistorischen Kanon um vergessene Beiträge von Frauen in und um Design, Kunst und Architektur und fügen so dem existierenden „Kuchen“ neue Schichten hinzu. […] Die Ausstellung ist aus dem Symposium A Woman's Work (‚Das Werk einer Frau') hervorgegangen, das im Januar 2019 im Kontext der Ausstellung Gegen die Unsichtbarkeit im Japanischen Palais in Dresden stattgefunden hat und lokale und internationale Sichtweisen auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft weiblicher Kreativität zusammengetragen hat.«

Mit diesen Worten kündigt der sehr lesenswerte und mit weiterführenden Details gespickte Begleittext die Ausstellung Add To The Cake: Die Transformation der Rolle weiblicher Schaffender im Kunstgewerbemuseum im Schloss Pillnitz in Dresden an. Und, was nicht immer selbstverständlich ist, die Ausstellung hält, was die Ankündigung verspricht. Grund dafür ist die souveräne Selbstverständlichkeit – ohne Klischees und Stereotypen, sehr feinfühlig, zeitgemäß und progressiv – mit der hier ein hochaktuelles und im Jahre 2019 überfälliges Thema behandelt wird: Inklusivität in den Künsten, also die nach soziologischer Kurzdefinition gleichberechtigte, gesellschaftliche Teilhabe aller Menschen – unabhängig von individuellen Merkmalen wie Geschlecht oder Hautfarbe. Kurzum: Es geht um eine polyphone Repräsentation der Stimmen im Berufsfeld von Design, Architektur und Kunst.

Inklusivität in den Künsten
Die Frage nach der Transformation der Rolle weiblicher Schaffender lässt sich, der Ausstellung entsprechend, aus ihrer Abstraktheit lösen und zugänglicher machen, indem über die Ausstellung auf drei konkrete Beispiele eingegangen wird, im Dialog mit drei Ausstellungsteilnehmerinnen, die international und transdisziplinär als Designerin, Künstlerin und/oder Architektin praktizieren und exemplarisch je als Rollenmodell für eine „Contemporary Practice" dienen können. Schon im Auftakt findet sich ein erster Konsens, indem sich die Gesprächspartnerinnen Ania Jaworska, Anne Dessing und Raby-Florence Fofana im Einklang zu einer bewusst inklusiven Arbeitsweise bekennen. Ein Blick auf ihr Schaffen verdeutlicht, wie die zeitgemäße künstlerische Praxis aussehen kann und, dass es dabei weniger darum geht, was sie tun, sondern vielmehr darum, wie sie es tun.

Contemporary Practice: Raby-Florence Fofane
Die Berliner Künstlerin und Designerin Raby-Florence Fofana arbeitet intendiert illustrativ, mittels verschiedener Medien – grafisch mittels Malerei und Collage sowie bildhauerisch mittels Keramik und Porzellan. Ihre künstlerische Arbeitsweise ist, wie sie sagt, intuitiv. Zu Anfang jedes Projektes stellt sie sich die Frage, welche Empfindung sie erzeugen möchte. Fofana arbeitet gerne im Team oder als Teil von Kollaborationen. Das Vernetzen und gegenseitige Supporten sei sehr wichtig, sagt sie, da sie ein großes Potenzial darin sieht, eine eigene Idee mit Unterstützung voll zu entfalten und im Dialog mit der Gruppe weiterzuentwickeln. Es geht ihr darum, gleichberechtigt wahrgenommen zu werden, eben als Teil des Ganzen und gleichzeitig frei in ihrer Expertise mit der Sensibilität für jeden mitwirkenden Charakter. Für die Ausstellung in Dresden war sie zusammen mit der Grafikerin Andrea Anner für die Gestaltung der visuellen Identität und Szenographie verantwortlich.

Contemporary Practice: Ania Jaworska
Ania Jaworska ist derzeit Professorin an der School of Architecture der UniversitI of Illinois in Chicago. Als Finalistin des New Yorker MoMA PS1 Young Architects Program erforscht sie in ihrer Arbeit als Architektin seit jeher die Verbindung von Design, Kunst und Architektur. Ihrem Ansatz entsprechend, werden ihre Projekte in Designgalerien, Kunstmuseen und auf Architekturbiennalen gezeigt. Sie sagt, sie sei sich dessen sehr bewusst, dass der Raum, der uns umgibt, ein Konstrukt ist, das uns formt. Und, dass sie als Frau immer noch in einer größtenteils von Männern konstruierten Welt lebe. Sie analysiere dieses Konstrukt und reflektiere es in ihrer Formensprache, ohne es jedoch zum Thema ihrer Arbeiten zu machen. Diese zeichnen sich durch eine entschieden plakative und Raum einnehmende Verwendung von einfachen, starken und archetypischen Formen aus, die – mit Humor oder Ironie versehen – als zeitgemäßer Kommentar funktionieren und in konzeptueller Manier architekturgeschichtliche Referenzen aufzeigen.

Contemporary Practice: Anne Dessing
Anne Dessing unterrichtet als Professorin unter anderem an der Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam. Ihr Architekturbüro, Studio Anne Dessing, agiert an der Verbindungsstelle von Kunst und Architektur. Sie gestaltet und kommentiert Architektur durch Ausstellungen, Installationen, Innenarchitektur und temporäre Bauten. Ihre konzeptuelle Arbeitsweise zeigt sich vor allem in ihren grafisch und skizzenhaft visualisierten Architekturzeichnungen, die sie selbst als Pictorial Essays bezeichnet, die weniger illustrierend als in erster Linie hinterfragend kommunizieren. Dabei findet sie es, wie sie sagt, völlig normal, als holländische Frau ein eigenes Studio zu gründen, obwohl sie sich dessen bewussßt ist, dass dies in vielen Teilen der Welt noch keine Selbstverständlichkeit ist. Dessing ist in der Ausstellung Add To The Cake als Teil der Visual Fictions mit einer Kollaborationsarbeit vertreten, ebenso wie Jaworska.

Was können wir tun? Vorleben.
In erster Linie braucht es einen Systemwandel, den die Personen „in Power", in Kommerz und Kultur wie Museumsdirektoren, Firmenchefs, Galeristen, Kuratoren und Professoren vollziehen müssen. Parallel dazu gilt es, eine bewusst inklusive Haltung zu entwickeln – und vorzuleben, um zu sensibilisieren und das Bewusstsein für das Thema Inklusivität zu stärken, sodass es langsam aber nachhaltig zu einer gesellschaftlichen Realität wird. Wie das geht? Ganz pragmatisch: sprachlich, durch Erwähnung. Das namentliche Nennen anderer Kolleginnen (als Vorschläge und Empfehlungen für professionelle Positionen, Kollaborationen, Auszeichnungen, Projekte) ermächtigt sie und macht sie „sichtbar". Durch eine Achtsamkeit im Sprachgebrauch, beispielsweise in Ausstellungstiteln oder Fachartikeln. Und durch das aktive darüber Sprechen, davon Erzählen, darüber Schreiben, tragen wir zu einer Veränderung bei, hin zu einer gleichwertigen Repräsentanz von Frau und Mann in der Architektur-, Kunst- und Designgeschichte.

Add To The Cake: Die Transformation der Rolle weiblicher Schaffender, noch bis zum 3. November 2019 im Kunstgewerbemuseum im Schloss Pillnitz in Dresden. Zum Symposium ist der Report „A Woman's Work" erschienen, der zum Download bereitssteht. Am 31. Oktober gibt es ein abschließssendes Gespräch im Zukunftsforum Dresden bei dem Foreign Legion u.a. den Work in Progress zu ihrem Buch mit dem Titel „We are foreign and we are everywhere" vorstellen.

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