Zielscheibe der Moderne

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Text: Norman Kietzmann


Die Mailänder Triennalen (1923-1996) waren miniaturisierte Weltausstellungen, auf denen Architektur, Produktdesign und Grafik zusammen mit den freien Künsten präsentiert wurden. Vor genau 80 Jahren wurde ihre Spielstätte – der Palazzo dell‘Arte am Parco Sempione in Mailand – eröffnet. Ein Rückblick auf jene Institution, die bis in die sechziger Jahre als wichtigste Designschau Europas galt und sowohl der Mailänder Möbelmesse als auch der Architekturbiennale von Venedig den Weg ebnete.


Als die XV. Mailänder Triennale im Frühsommer 1973 eröffnet wurde, sorgte der junge Architekturstudent Michele De Lucchi für Aufsehen. Verkleidet als napoleonischer General, hielt er tagelang Wache vor dem Gebäude, das den Zorn einer gesamten Generation auf sich zog. „Wir haben uns gefragt, warum wir überhaupt noch neue Gebäude und Produkte entwerfen sollten. In den Jahren nach der Studentenrevolution stand vor allem die Rolle des Sozialen im Mittelpunkt“, begründete der spätere Mitbegründer der Memphis-Gruppe sein Protestaktion.

Besetzung und Widerstand


Dass ausgerechnet ein Kulturbau ins Visier genommen wurde, hatte einen einfachen Grund. Der Palazzo dell‘Arte am Parco Sempione war kein Museum im herkömmlichen Sinne. Die Triennalen glichen miniaturisierten Weltausstellungen, auf denen Architektur, Design und Grafik zusammen mit den freien Künsten präsentiert wurden. Vor allem die Ausstellungen der Nachkriegsjahre entwickelten sich zur Leistungsschau der Moderne und trugen entscheidend dazu bei, den International Style in Italien und vielen anderen europäischen Ländern zu etablieren. Als Symbol der modernen Konsumwelt wurde die Triennale zum Feinbild der 68er-Bewegung, die das Gebäude kurzerhand für sieben Tage besetzte. Auch in den Folgejahren übten Gruppen wie Studio Alchimia und andere Vorreiter der Postmoderne Kritik an der in ihren Augen leeren wie austauschbaren Warenwelt.

Wie die meisten (Kultur-)Initiativen in Italien wurde auch die Triennale von privater Hand initiiert. Bereits gegen Ende des Ersten Weltkrieges entwickelte Guido Marangoni, Gründer der Architektur- und Wohnzeitschrift Casabella, die Idee, eine Ausstellung der dekorativen Künste zu organisieren. 1923 erlebte diese schließlich ihren Auftakt, wenngleich mangels passender Ausstellungsräume in Mailand in die Villa Reale nach Monza ausgewichen wurde. Während die beiden folgenden Schauen als Biennalen der dekorativen Künste organisiert wurden, erfolgte 1930 die Umstellung auf den namensgebenden Dreijahrestakt.


Faschismus mit modernem Kern


Das feste Haus in Mailand verdankt die Triennale dem 1930 verstorbenen Industriellen Antonio Bernocchi. In seinem Testament vermachte er der Stadt knapp fünf Millionen Lire für den Bau des Palazzo dell‘Esposizione Triennale Internationale delle Arti Decorativi e Industriali Moderne e dell‘Architectura Moderna, mit dessen Umsetzung der Architekt Giovanni Muzio beauftragt wurde. Um den Eröffnungstermin der V. Triennale 1933 einzuhalten, wurde bereits im Herbst 1931 mit den Bauarbeiten begonnen, obwohl die endgültigen Baupläne noch nicht gezeichnet waren.

Auch wenn der Bau mit seinen monumentalen Bögen dem Neoklassizismus der Mussolini-Ära folgt, versteckt sich in seinem Inneren eine Konstruktion aus Stahlbeton. Die Fassaden wurden mit Platten aus Granit und roten Klinkern verkleidet – eine Vorhangbauweise, die bei diesem Bau zum ersten Mal in Italien zum Einsatz kam. Ganz anders zeigt sich die Wirkung im Inneren des Baus, dessen Grundriss Giovanni Muzio als Basilika mit zwei Seitenschiffen und einer umlaufenden Abis konzipierte. Die Innovation des Baus bestand nicht nur in einer Offenlegung der tragenden Betonstruktur im Inneren. Die Ausstellungsräume wurden als flexible Container angelegt, die mit unterschiedlichsten Nutzungen bespielt werden können. Großformatige Oberlichter öffnen die Decken auf ihrer gesamten Breite und verleihen dem Bau aus der Vogelperspektive den Anschein eines großen Fabrikgebäudes.

Schaufenster der Moderne

Mit der Eröffnung der V. Triennale am 10. Mai 1933 erfolgte auch die offizielle Einweihung des Palazzo dell‘Arte. Während in den Ausstellungsräumen Gemälde von Giorgio De Chirico und Mario Sironi zu sehen waren, entstand an der Nordseite der Gebäudes ein weiteres Bauwerk: Der von Gio Ponti und Cesare Chiodi entworfene Torre Littoria, dessen filigrane, hexagonale Konstruktion in eine Höhe von 108,6 Metern ragt und die Spitze des Mailänder Doms um nur 76 Zentimeter unterbietet. Auch wenn Ponti an den Schauen der Jahre 1936 und 1940 teilnahm, folgte erst mit der VIII. Triennale 1947 eine durchgehende Öffnung zur Moderne. Parallel zur Ausstellung im Palazzo dell‘Arte wurde mit dem Quartiere Triennale 8 (QT8) ein Muster-Wohnviertel am nordwestlichen Stadtrand geplant, mit dem auch der Städtebau eine stärke Gewichtung erfahren sollte.  

Ihre Glanzzeit erlebte die Triennale in den Jahren 1948-1973, als Franco Albini, Ignazio Gardella, Vico Magistretti, die Castiglioni-Brüder, Marco Zanuso oder Gae Aulenti mit eigenen Ausstellungen und Installationen vertreten waren. Für Aufsehen sorgte ein riesiges Kaleidoskop, das Vittorio Gregotti und Umberto Eco anlässlich der XIII. Triennale 1964 im Obergeschoss des Palazzo dell‘Arte installierten und die Illusion eines endlosen Korridors erzeugte. Die Triennale war in dieser Zeit nicht nur ein Schaukasten der teilnehmenden Nationen, sondern diente designaffinen Herstellern als wichtige kommerzielle Plattform. Vor allem der Gran Premio, der seit 1923 für die besten Produkte verliehen wurde, galt als begehrte Trophäe. Dass Braun 1957 und 1960 die Auszeichnung für das Gesamtprogramm erringen konnte, trug entscheidend zum Erfolg von Dieter Rams‘ Designsprache bei.

Neue Konkurrenz


Warum die Triennale in den siebziger Jahren dennoch an Bedeutung verlor, lag in der Natur der Sache. Sowohl im Bereich der Inneneinrichtung als auch bei Consumer Products wurden die Entwicklungszyklen immer schneller. Eine Ausstellung im Dreijahrestakt war schlichtweg zu langsam. Hinzu kam, dass sowohl die Unternehmen als auch die Designer nicht länger staatliche Kuratoren umwerben wollten, um ihre Produkte in den einzelnen Länderausstellungen unterzubringen. In Messen fanden sie ein kommerzielles Gegenmodell, mit dem sich die Sache selbst in die Hand nehmen ließ.

Konnte sich die Kölner Möbelmesse ab Mitte der sechziger Jahre als erste Adresse für die Präsentation von Neuheiten etablierten, entstand mit dem Salone del Mobile 1961 sogar eine Konkurrenz vor der eigenen Haustür. Kaum anders erging es der Architektur, wo ebenfalls eine neu gegründete Institution als Gegenpol wirkte: die seit 1975 ausgerichtete Architekturbiennale von Venedig, deren Erstausgabe sogar vom langjährigen Triennale-Teilnehmer Vittorio Gregotti kuratiert wurde.

Vage Identität


Und so endete mit der XIX. Triennale 1996 eine Ära, die auch die inneren Strukturen nicht unberührt ließ. 1999 wurde das Haus wie viele staatliche Institutionen Italiens in eine private Stiftung umgewandelt, die den Großteil ihrer Gelder aus eigener Kraft aufbringen muss. Um Ausstellungen zu finanzieren, bilden Firmen-Veranstaltungen, Modenschauen und Kongresse eine wichtige Einnahmequelle. Das Ergebnis ist ein weit gefächerter Gemischtwarenladen, dessen Angebot von trefflich kuratierten Ausstellungen wie der KAMA Sex & Design-Schau im vergangen Dezember bis hin zur Präsentation des neuen Lavazza-Kalenders reicht.

Mit der Gründung des Triennale Design Museums im Jahr 2007 sollte das Haus eine kontinuierlichere Haltung einnehmen und auch außerhalb der Mailänder Möbelmesse eine feste feste Designadresse bilden. Dass sowohl die umfassende Renovierung der Triennale im Jahr 2002 als auch die Gestaltung des Triennale Design Museums von Michele De Lucchi übernommen wurden, mag Ironie des Zufalls sein. Doch vielleicht liegt darin auch ein Stück Verantwortung: Die Generation, die den Fall der einstigen Institution bewirkt hat, führte ihre Relikte weiter in die Gegenwart. Wer den Mut hat, die arrivierten Revoluzzer aus dem Palast zu jagen, muss sich noch zeigen.
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