Zu Besuch: Im Werk von bulthaup

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Text: Tanja Pabelick
Foto: Nils Koenning

Partner: bulthaup

Acht bis zehn Wochen wartet ein bulthaup-Kunde auf seine Küche. Von dem, was zwischen der Bestellung im bulthaup-Showroom und dem finalen Aufbau in seinen vier Wänden geschieht, erfährt er wenig. Wobei die Werte, Haltung und Qualität, für die eine Küche des Premiumherstellers steht, wahrscheinlich grundlegend zu seiner Kaufentscheidung beigetragen haben. Wir haben das Werk im niederbayrischen Aich besucht, eine Manufaktur im modernen Maschinenpark gefunden und den spezialisierten Küchen-Handwerkern über die Schultern geschaut.

Immer mehr Menschen entscheiden sich für eine Küche, die an den Preis eines Neuwagens heranreicht. Das ist gut für das Traditionsunternehmen bulthaup, das für Made in Germany, hochtechnologische Fertigung und handwerkliche Präzision steht. Und damit für Qualitäten, die bei vielen anderen zeitgenössischen Marken irgendwo auf der Strecke – oder eben in China – geblieben sind. bulthaup tickt da anders. Seit Jahrzehnten lebt der Hersteller einen Qualitätsbegriff, bei dem die Herkunft aus einer Hand mit guter Wertarbeit einhergeht. Mit Gespür für die Zukunft hat Gerd Bulthaup in den Siebzigerjahren die Küche vom reinen Funktionsraum der Essenszubereitung hin zur Wohnküche und Werkstatt umgedacht und sich damit den Ruf eines architektonischen Pioniers erarbeitet. Und das mit internationalen Auswirkungen: Die Küchen werden heute in alle Welt geliefert, von den USA über Südafrika bis Asien. Etwa vier Fünftel der Küchen gehen ins Ausland, vertrieben werden sie von rund 320 Partnern und Showrooms. Aber: Jede bulthaup-Küche wird bis heute im Werk in Aich bei Bodenkirchen gefertigt. Hier im Zentrum des bulthaup-Universums – am Ort seiner Entstehung.

Konzentrierte Kompetenz
Die Fahrt aus München führt durch kleine Dörfer und über grüne Wiesen, bis die Straßenschilder den Unternehmenssitz ankündigen. Ein Abzweig führt auf das 130.000 Quadratmeter große Gelände. Direkt neben dem Verwaltungsgebäude steht die 40.000 Quadratmeter große Produktionshalle. Für den Besucher ist sie eine schier unendliche Landschaft, für die Mitarbeiter eine bis in den letzten Quadratmeter organisierte Fertigungsstätte. Die drei Produktreihen b1, b2 und b3, die hier hergestellt werden, brauchen Platz. Für einige Jahre wurde b1 an einem anderen Standort produziert, erzählt ein Mitarbeiter bei der Führung über das Gelände. „Als wir die Produktion 2016 ins Haus geholt haben, mussten wir dies konsequent strukturieren. Die Anlage für die b1 ist circa 80 Meter lang – es war eine große Herausforderung, sie in den laufenden Betrieb zu integrieren.“ Für bulthaup hat sich die Anstrengung gelohnt: Alle Küchen kommen aus einer Hand und entstehen unter einem Dach.

Zwischen Manufaktur und Technologie
In der Halle steht man zwischen den zwei Welten, die den Charakter des Unternehmens ausmachen. Da ist die industrielle Präzisionstechnologie auf der einen Seite und die Manufaktur mit Handwerkern, die mit manuellem Geschick am Werk sind, auf der anderen Seite. Während im Hintergrund riesige Maschinenarme surren und CNC-Fräsen den Zuschnitt erledigen, finalisieren konzentrierte Mitarbeiter mit Leidenschaft und feinen Werkzeugen die Oberflächen oder organisieren den Sonderbau. „Die Fertigung ist in vier Bereiche aufgeteilt: Die Vorfertigung, die Oberflächenabteilung, die Endmontage und die Auslieferung. In der Vorfertigung kümmern wir uns um die Fronten, die für uns das wichtigste Bauteil in der ganzen Küche sind. Hier steckt jede Menge Energie drin“, erklärt der Werksverantwortliche die Organisation.

Alles unter Kontrolle
Immer wieder geht es um die Qualität, die unter simuliertem Tageslicht, durch stark vergrößernde Lupen und aus verschiedenen Blickwinkeln in Augenschein genommen wird. Die Kontrollstationen stehen zwischen den einzelnen Bearbeitungsstationen wie leuchtende Inseln. Dabei sind die Sinne gefordert, die Augen suchen nach Fehlern in Material oder Verarbeitung, die Hände tasten nach übersehenen Unregelmäßigkeiten. Kontrolle bis ins letzte Detail gehört bei bulthaup zur DNA – und ist ein prestigeträchtiges Alleinstellungsmerkmal des Herstellers, der so konsequent für Qualität steht. Das zeigt auch der Besuch in der weitläufigen Furnierabteilung, in der sich die vielfältigen Holzfurniere stapeln. Schon beim Einkauf wird sorgfältig sortiert, jedes Blatt einzeln betrachtet und die Auswahl kuratiert. „Wir bekommen von den Zulieferern die besten fünf Prozent gezeigt – und nehmen davon vielleicht fünf Prozent mit.“ Zwei bis drei Mal im Monat fährt der Furniermeister zum Vor-Ort-Termin – und findet dabei auch äußerst Seltenes.

Jahrtausendealte Fronten
„Ein ganz besonderes Holz ist das der Mooreiche. Es kommt von Bäumen, die vor zwei- bis dreitausend Jahren im Moor versunken sind und dadurch konserviert wurden.“ Wenn ein Furnierproduzent eine Mooreiche in passender Qualität findet, bietet er sie bulthaup an. „Aber auch hier eignet sich vielleicht einer von vierzig Bäumen – und verwendbar sind dann nur die ersten zwei Meter des Stammes, die größtenteils frei von Ästen sind.“ Weltweit gibt es bisher 20 bulthaup-Küchen aus Mooreichen-Furnier – derzeit hat bulthaup Furnierblätter für zwei bis drei weitere auf Lager. Wer seine Küche in diese besonderen Hölzer kleiden will, findet sie nicht im bulthaup-Buch, sondern fragt danach. Einfacher ist es mit individuell lackierten Küchen. Denn auch spezielle Nuancen sind kein Problem – solange sich der Ton im NCS-Fächer findet. Die Sonderanfertigung gehört für bulthaup zum tagtäglichen Geschäft – und macht die Arbeit für die Mitarbeiter zu einem spannenden Job. „Wir hatten schon Kunden, die exakt die Farbe ihres Autos haben wollten. Da mussten wir dann mit dem Farbfächer ans Auto, um die Nuance zu bestimmen.“

Präziser als Maschinen
Am Ende sieht jedes Möbel, das vom Kern bis zum Furnier von Grund auf in Aich gebaut wird, aus, als wäre es aus einem Guss. Die einzelnen Bereiche der Halle werden dabei zum Mikrokosmos für das spezielle Handwerk: Hier wird Furnier zusammengefügt und aufgeklebt, dort zwischen den Lackierschritten die Oberfläche geschliffen. Von Hand werden die Kanten bearbeitet, es wird lackiert und poliert. Jeder Schritt ist routiniert und internalisiert, Fehler werden nicht toleriert. Sobald in der Kontrolle eine Unregelmäßigkeit auftaucht, wird das Element aus der Fertigung genommen und neu produziert: Das minimalistische Design der bulthaup-Küchen erlaubt keine Unregelmäßigkeiten. Der hochmoderne Maschinenpark ist eben nicht das Herz des Unternehmens, sondern nur eine zeitgenössische Stütze. Überall dort, wo die Regelmäßigkeit industrieller Fertigung nicht auf die individuellen Voraussetzungen des Werkstoffes eingeht, ist nach wie vor Handarbeit gefragt. Oder wie das Unternehmen selbst es konstatiert: „bulthaup fängt dort an, wo die Maschine endet“.

Exklusive Interviews mit Newcomern und internationalen Stars der Design- und Architekturwelt.