Zwei Ausstellungen in Köln: Im Spirit vereint

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Text: Kathrin Spohr

Auf dem Passagen-Festival zelebrieren die Designgruppen Pentagon und Generation Köln auf unterschiedliche Weise das handgefertigte Möbel.

Wen es nach einem Rundgang auf der imm cologne ins MAKK zog, der wurde aus einer Welt weicher Formen und sanfter Farben des Wohlfühlens geholt in ein Möbeluniversum der harten Kanten und Ecken. Plötzlich war man inmitten der Achtzigerjahre. Die Möbel der Gruppe Pentagon sind schroff und roh. Sie haben Industriecharme. Nichts ist poliert, lackiert, nachträglich verschönt – Stühle, Tische, Regale, Leuchten sind aus Stahl. Die Gestaltung hat nichts zu verbergen, ihre Materialität ist offensichtlich. Wie selbstverständlich stehen die Arbeiten der fünf Gestalter Gerd Arens, Wolfgang Laubersheimer, Reinhard Müller, Ralph Sommer und Meyer Voggenreiter auf einem riesigen Podest vor einer spektakulären Videoprojektion, die sie in ihren kulturellen und zeitgeschichtlichen Kontext stellt, inklusive Sound des Kölner Musiklabels Kompakt. – Nicht von ungefähr. Ralph Sommer, jetzt Designprofessor in Hamburg, lebte in einer WG zusammen mit den Gründern der legendären Zeitschrift Spex.

Mit Design Gruppe Pentagon zeigt das MAKK eine erste monografische Museumsschau der Kölner Gruppe Pentagon, die von 1985 bis 1991 agierte und zu den Protagonisten des Neuen Deutschen Designs zählt. Angeregt durch die Konzepte von Memphis und Alchimia in Italien, erlebte auch das deutsche Design eine radikale Erneuerung. Junge Gestalter brachen mit der „Guten Form“. „Möbel in Schleiflack weiß herrschten vor. Wir wollten dem Antiseptischen etwas entgegensetzen“, sagt Laubersheimer, der inzwischen Direktor der Köln International School of Design ist.

Metall auf Metall
Pentagon arbeitete mit Stahl und Plexiglas, kombinierte diese mit Stein, Gummi oder Leder, auch mit Alltagsgegenständen und gab dem Ganzen einen postmodernen Kick. „Der Anspruch war, nicht Möbel, sondern Objekte zu verkaufen“, so Meyer Voggenreiter. Es entstanden handgefertigte Unikate, die aber doch Gebrauchsgegenstände waren. Im Design gab es das vorher nicht. Diese Haltung brachte so ungewöhnliche Objekte wie etwa das Verspannte Regal hervor. Kein Wunder, dass das Kollektiv 1987 mit dem Projekt Café Casino Teil der documenta 8 oder der Biennale in Sāo Paulo wurde und große Aufmerksamkeit auf sich zog.

Experimenteller Freigeist
In einem Dokumentarfilm kommen die Designer und ihre Weggefährten zu Wort. Man erfährt, dass Experiment, Ironie und Scheitern zum Konzept von Pentagon gehörten. „Wir haben das Material bis zum Exzess ausgelotet“ oder „Das Unperfekte löst die Schwellenangst“ sind Statements. Es ging weder um Ruhm, noch um Geld, sondern in erster Linie um das Verwirklichen der eigenen Ziele und darum, „Leute zu treffen“. Pentagon betrieb eine eigene, gleichnamige Galerie. Einen Ort der Vernetzung und Kommunikation. Es wurden selbstverständlich Arbeiten anderer Designer und Gruppen präsentiert. Volker Albus und Jasper Morrison gehörten etwa dazu.

Die Ausstellung verdeutlicht, mit welcher Energie, Konsequenz und mit welchem Freiheitsanspruch die fünf „Pentagonier“ damals agierten. Aus dem Jetzt betrachtet, wo Marketing, die schnelle Jagd nach neuen Trends, instagram-tauglichen Looks und Klickraten das Möbeldesign entscheidend mitbestimmen, wirkt diese Mentalität wie purer Luxus.

Holz auf Holz
Bei der Verleihung des Passagen-Prize, dessen Jury-Vorsitzender Wolfgang Laubersheimer ist, sagt er: „Was damals Schleiflack Weiß war, ist aktuell der überall verbreitete Eames-Look. – Was wird dem entgegengesetzt? Wie sieht heute Avantgarde aus?“ – Wahrscheinlich liefert Generation Köln mit der Ausstellung Generation Köln trifft Werkraum Bregenzer Wald erste Antworten. Die Gruppe, wie Pentagon ein Zusammenschluss verschiedener Designer, gewann den Nachwuchspreis des Passagen-Festivals. „Wir haben uns gefragt: Wie kann man in Zeiten voller Widersprüche etwas Konstruktives machen?“, erzählt Thomas Schnur. Er reiste mit seinen Kollegen Karoline Fesser, Klemens Grund und Tim Kerp nach Österreich. Im Bregenzerwald trafen die Designer auf eine ausgewählte Gruppe von Handwerkern – Harald Berchtold, Martin Bereuter, Valentin Winder, Wolfgang Meusburger und Wolfgang Schmidinger, alle Mitglieder des Werkraum Bregenzerwald. Die tiefe Verbundenheit von Mensch und Material beeindruckte die Gestalter aus Köln ebenso wie die Tatsache, dass Dinge Zeit brauchen dürfen, um gefertigt zu werden. Oder dass die Weißtanne des Mittelgebirges Rohstoff und Lebensraum zugleich ist. Aus diesem extrem leichten Material als verbindendem Gestaltungselement entstanden in enger Zusammenarbeit mit den Handwerkern 15 neue Produkte, in denen sich die Eindrücke von Landschaft, Tradition, Baukultur und Handwerk auf unterschiedliche Weise wiederfinden.

Handwerk als Inspiration
Da gibt es das Regalsystem brut fire von Klemens Grund, das die mächtigen Weißtannen und deren Potenzial würdigt, daraus große unverleimte Bretter herstellen zu können. Das Schichtholz des Layer Cabinet von Karoline Fesser ist mit der werkstatteigenen Vakuumpresse des Handwerkers verformt. Das Verfahren wird bei der Schrankfront genutzt, die sich zu einem handlichen Griff aufwölbt. Inspiration für den Beistelltisch Trog von Tim Kerp sind die traditionell gefertigten Wasserbehältnisse aus der Region Bregenz. Bei Trog können zwei aufeinander gelagerte Elemente frei bewegt werden. Kompakt oder langgezogen. Thomas Schnur präsentiert mit Klapp ein mit nur 2,4 Kilogramm Gewicht fast unfassbar leichtes, klappbares und funktionales Sitzmöbel. Weißtannenhölzer werden hier durch vier schwarze Flachkopfschrauben und die dazugehörigen Hülsenmuttern zusammengehalten.

Zurück zur Echtheit
Die Möbelstücke feierten in klarer, aufgeräumter „White Cube“-Atmosphäre in der Galerie Martina Kaiser Premiere und waren nicht weiter inszeniert. Auf diese Weise lenkte Generation Köln die Wahrnehmung auf das Material, seine Verarbeitung, die Form und Funktion. „Design ist mehr als Styling. Wir möchten keinen Look kreieren und haben daher auch keine Wohnkulisse geschaffen“, sagt Klemens Grund. „Mit dieser Inszenierung möchten wir Raum geben, nicht an der allgemeinen Geschwindigkeit teilzunehmen.“ Dazu gehörte auch, hinsichtlich Transparenz in der Möbelbranche ein Statement zu setzen: Oft werden die schönsten Möbel, ähnlich der Fashion-Industrie, unter fragwürdigen Arbeitsbedingungen zusammengebaut. Während viele Marken also die Fabrikation verschweigen, nennt Generation Köln das Design in einem Atemzug mit den Herstellern, den Handwerkern.

So ist mit der Ausstellung Generation Köln trifft Werkraum Bregenzer Wald eine kompromisslos puristische, ruhige Präsentation im Gegensatz zur lauten und spektakulären Pentagon-Show im MAKK entstanden. Doch gibt es etwas Entscheidendes, was die beiden Designgruppen generationsübergreifend verbindet. Es ist der Spirit: „Uns geht es um die Lust am Gestalten, ums Machen. Wir wollen unserer persönlichen Stimme Ausdruck verleihen. Wir möchten in Interaktion treten – mit Leuten reden und daraus Dinge gestalten“, erklären Grund und Schnur. Mit den Worten der Elektronik Pioniere Kraftwerk: Boing, Boom, Tschak.

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