Architect@work: Klein, aber fein

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Text: Nestor Nagler


Nachdem die Fachmesse Architect@work schon zwei Mal in Düsseldorf gastiert hatte, war nun Stuttgart als zweite deutsche Stadt Treffpunkt für Architekten, Innenarchitekten, Einrichter, Fachingenieure und Hersteller. Der Ort ist zwar neu, aber das Ausstellungskonzept bewährt: Reduziert und auf das Wesentliche fokussiert, präsentierte sich Architect@work in ihrem gewohnten schwarz-weißen Gewand. Dass dies nicht für Extreme steht, sondern für ein klares und zurückhaltendes Gestaltungsprinzip, war schon beim Betreten der Halle festzustellen.


Die ruhige und entspannte Atmosphäre der kleinen, aber feinen Messe steht im krassen Kontrast zu den großen Veranstaltungen im Messekalender. Gerade für regionale Fachleute ist Architect@work eine beliebte Informations- und Kommunikationsplattform, die bereits bei ihrer ersten Ausgabe in der baden-württembergischen Landeshauptstadt 3200 Besucher anlockte. Ähnlich wie im vergangenen Jahr in Düsseldorf stand die Architect@work in Stuttgart unter dem Schwerpunktthema „Ton und Architektur". Das Spektrum der von einem Gremium ausgewählten 165 Ausstellern wirkte ausgewogen. Die fast 300 Neuheiten aus zwölf Produktbereichen fielen durch innovative Materialeigenschaften, Verarbeitungstechniken und Farbsysteme auf und fügten sich somit in das Motto der Messe „architect meets innovation“ ein.

Das traditionsreiche Ziegelwerk Petersen Tegl aus Dänemark präsentierte neue Varianten des für den Betrieb zum Aushängeschild gewordenen Kolumba Ziegels. Der natürliche Charakter wurde in neuen Farbnuancen verstärkt und ergibt, durch die im Vergleich zu herkömmlichen Ziegeln längeren Profile in einer Fassade zusammengesetzt, ein harmonisches Farbenspiel. Mit einem innovativen Farbkonzept stellte sich das italienische Unternehmen Ceramiche Refin vor. Ein auf die menschliche Farbempfindung abgestimmtes Farbspektrum ist das verbindende Element der aus vier Linien bestehenden Kollektion Cromie. Das Natural Color System (NCS) ermöglicht die charakteristischen, farbechten Keramiken für Boden- und Wandfliesen in Wohn- und Sanitärbereichen. Neue Verarbeitungstechniken durch innovative Materialzusammensetzungen des keramischen Werkstoffs mit Silikaten hat Laufen auf der Fachmesse dargestellt. Die Silikat Keramik zeigt die gestalterische Freiheit, die trotz der dünnen Profile organische und dynamische Formen mit kleineren Radien für Sanitärobjekte im Badezimmer ermöglicht.
Weitere Produktionsverfahren, gestalterische Neuheiten oder Verwendungszwecke wurden im Rahmenprogramm thematisiert. Seminarvorträge über den traditionellen Baustoff Ton und dessen Verwendung in aktuellen Projekten, die Vorstellung der Arbeiten des Global Award for Sustainable Architecture, die Ausstellung „Thin-Ker“ über moderne wie traditionelle Keramikarbeiten und die Ausstellung studentischer Arbeiten der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart zum Thema wasserlose Urinale hoben die Möglichkeiten des Baustoffs hervor.

Der klingende Ton


Neben seiner materiellen Bedeutung fand der „Ton“ auch als klangliches Element seinen Akzent in der Ausstellung. So waren sowohl Produkte, die den Schall aufnehmen, vertreten wie auch audiovisuelle Neuheiten, die den Raum mit Musik erfüllen. Philips präsentierte mit Luminous Textiles Akustikpaneele, in denen LED-Systeme integriert und mit Textilien von Kvadrat überspannt sind. Die zu einem großen Screen zusammenschaltbaren Module stellen sich durch die Stoffbezüge tagsüber als dekorative Wandelemente dar, während sie bei Dämmerung oder Nacht durch ihre schimmernden Videowidergaben eine sanfte, ruhige Beleuchtung ausstrahlen und somit herkömmliche Schallabsorber optisch aufwerten.

Ein den Schall aufnehmendes oder wahlweise Musik ausströmendes Produkt präsentierte das im Ausstellungsbereich tätige Unternehmen Buschfeld. Sound Picture stellt eine Erweiterung des Hängungs- und Beleuchtungssystems LightLight Wall von Exponaten in öffentlichen Räumen, Galerien und Museen dar. In dem filigranen Aluminiumrahmen lassen sich Soundsysteme von Sonus sowie schallabsorbierende  Elemente integrieren, die durch individuell wählbare Bildmotive überspannt und verdeckt werden. Die Stromführung ist in der filigranen Aufhängung integriert und in reduzierten Schienen versteckt, wodurch sich das System auch an nur mit großem Aufwand zu installierenden Orten aufhängen lässt. Das über WLAN- oder Bluethooth-Technik steuerbare Wandsystem ist speziell für aufwändige Akustikkonzepte entwickelt und eignet sich für Kanzleien, Arztpraxen und größere Veranstaltungsorte.

Über eine ähnliche Symbiose zweier funktionaler Komponenten verfügen die Produkte, die bei der FDV Group unter einem Dach zusammengeführt werden. Ob Pendel-, Wand- oder Stehleuchte, auch hier lassen sich Lautsprecher zurückhaltend integrieren, wodurch nicht nur Licht ausgestrahlt, sondern auch Musik im Raum verbreitet wird. Des Weiteren präsentierte der Konzern die Hängeleuchte AKI vom Designstudio Dreimann, die eine großformatige Ausleuchtung ermöglicht, ohne dabei den Raum zu dominieren oder zu erdrücken. Die einem durchlässigen Blätterdach entlehnte Leuchte basiert auf einer Holzstruktur, die durch schmale Aussparungen Platz für LED-Leuchtkörper bietet. Auch diese ließe sich durch Ausfachungen mit Soundsystemen verbinden.

Licht im Dunkeln

Im Vergleich zur gedimmten Lichtsituation der Halle traten die Produkte der Leuchtenhersteller besonders hervor. Das von Next vorgestellte Lichtgebilde COSMO fiel schon im Rahmen der kleinen modularen Stände durch seine schwungvolle, organische Form auf und konnte seine besondere Ausstrahlung in der Barlounge als schwebendes Objekt voll entfalten. Die im Durchmesser 160 Zentimeter große Leuchte zeichnet sich durch zueinander wohl proportionierte Blasen und sich verjüngende Verbindungselemente aus, die als Ganzes ein dreidimensionales Raumgebilde ergibt, das aus jeder Blickrichtung neue Ansichten offenbart. Als neue Lichtquelle hat Architects Paper die Tapete entdeckt und präsentierte mit LED-Wallpaper von Ingo Maurer ein bisher so nicht gesehenes Produkt. Die insgesamt 840 verschieden farbigen LEDs sind in unterschiedlichen Formen angeordnet und  lassen sich über ein Vorschaltgerät individuell programmieren. Aus einer eintönigen Wand wird ein Lichterspiel von hell leuchtenden und schwach schimmernden Mustern.

Die Architect@work bietet vor allem kleinen und mittelständischen Betrieben die Gelegenheit, ausgewählte Neuheiten einem Fachpublikum zu präsentieren. Die klare Struktur in Form der sich abwechselnden Ausstellungs- und Loungestreifen und die übersichtliche Größe der Messe ermöglicht es, sich gezielt Informationen zu bestimmten Themenbereichen anzueignen, oder eine allgemeine Übersicht über Neuheiten zu erlangen. Der in schwarz gehaltene und nur durch weißes Licht, Möbel und Bodenmarkierungen akzentuierte große Raum stellte nicht die Messearchitektur in den Vordergrund, sondern legte das Hauptaugenmerk auf die Produktneuheiten. Kleine „private“ Stände statt kühler Besprechungszimmer und Loungebereiche anstelle von Baucontainern brachten Architekten, Fachplaner und Hersteller abseits von Termindruck und Baustellenlärm schnell ins Gespräch. Unter den zahlreichen Produktneuheiten fielen vor allem die optisch ansprechenden auf, die ohne offensichtliche technische Elemente ihren Zweck erfüllen. Technische Innovationen wie die bodengleiche Rollschiene b.1000 für Glaswände von Astec oder das erste zertifizierte Aluminiumfenster mit Passivhausstandard von Schüco verschwanden bisweilen hinter aufsehenerregendem Design anderer Produkte.

Im kommenden Jahr wird die Messe gleich in zwei deutschen Städten zu Gast sein. Vom 23.-24. Oktober wird die Architect@work zum ersten Mal in Berlin Architekten, Fachplaner und Unternehmer zusammen bringen, bevor sie am 4. und 5. Dezember nach Düsseldorf zurückkehrt.
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