imm cologne 2015: Modelle gegen das Einerlei

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Text: Jörg Zimmermann

Das Angebot der Möbelhersteller zur imm cologne erscheint aus vielen Perspektiven wie ein kunterbuntes Einerlei. Ließen sich die Kölner Heinzelmännchen in der Nacht in den Messehallen blicken, um die ausgestellten Möbel zwischen den Ständen kreuz und quer zu verrücken, die meisten Besucher würden das Wechselspiel wohl kaum bemerken. Doch jenseits der ungewollten Uniformierung vieler Hersteller bei Formen, Farben und Materialien gelingt einigen trotz kurzfristiger kommerzieller Versuchungen ein anderer Weg. Oft gibt dabei die Herkunft der Firma den entscheidenden Impuls, immer spielt die konsequente Umsetzung der unternehmerischen Idee eine wichtige Rolle.

Konzentration auf Qualität
Produktnummer 5335 ist ausverkauft. Als Schickes Esszimmer kam das Playmobil-Set im Jahr 2010 in die Spielzeugläden, mit Pflanzen, Teppich, Stühlen und einem Tischmodell, das den Big Foot von e15 als Vorbild nicht leugnen kann. Mit Big Foot wagte Architekt Philipp Mainzer sich einst in die Welt der Möbelhersteller und schuf aus dem Stand eine Ikone. Das ist nun 20 Jahre her, und der massive Eichenholztisch ist immer noch das Erfolgsmodell des Labels. Nach zwei erfolgreichen, in Phasen auch schwierigen Jahrzehnten steht das Frankfurter Unternehmen vor neuen Herausforderungen. „Mit 35 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern haben wir eine Größe erreicht, die eine andere Form der Unternehmensführung erforderlich macht“, erläutert Mainzer die anstehenden Aufgaben. Während beim Design und der Produktentwicklung die strenge Haltung und klare Vision des Architekten bis heute unübersehbar bestimmend sind, rücken mit fortschreitendem Erfolg des Unternehmens Themen wie Personalführung und Unternehmensstruktur in den Vordergrund. Philipp Mainzer: „Die Marke ist aus dem Bauch heraus entwickelt. Ich habe immer versucht, ein eigenständiges Angebot zu formulieren, statt nur auf den Markt zu reagieren.“ Die extreme Kommerzialisierung durch ein ausuferndes Produktportfolio komme für e15 nicht in Frage, denn es gelte „immer abzuwägen zwischen Qualität, Experiment und kommerziellen Aspekten. „Letztlich kommen die Händler an der Qualität nicht vorbei“, resümmiert Mainzer nicht ohne Stolz.

Freiheit bei den Entscheidungen
Auch Richard Lampert richtet große Aufmerksamkeit auf die Produktentwicklung. Mit nur einer Handvoll Mitarbeitern bedient Lampert von Stuttgart aus einen internationalen Kundenkreis. Seine Möbel finden sich im Londoner Google-Headquarter genauso wie in der Zentrale von Ermenegildo Zegna. „Am Anfang steht für mich immer die Frage, welche Produkte machen überhaupt Sinn“, erläutert Richard Lampert seine Philosophie. „Es geht nicht darum, eine weitere Variante eines bestehenden Produktes – beispielsweise einen neuen Stuhl – zu entwickeln, sondern Produkte zu entwerfen, die im Markt fehlen oder das eigene Portfolio sinnvoll ergänzen.“ Lampert denkt dabei auch in Produktfamilien, eher jedoch an konkrete Lebenssituationen. Neben dem klassischen Eiermann-Tisch steht im Programm das Eiermann-Regal, das aktuell durch neu entwickelte Einsätze, Fächer und Schubkästen wieder an Aufmerksamkeit gewonnen hat. „Bei einem kleinen, inhabergeführten Unternehmen ist es viel leichter, Neues zu entwickeln. Für mich gilt: Geduld haben, dran glauben, weiter entwickeln und neu interpretieren.“

Chancen durch Design und Handwerk
Als kleine Unternehmenseinheit mit großem Qualitätsanspruch bewegt sich Stattmann Neue Moebel im Markt. Erst im Frühjahr 2012 haben die Geschwister Nicola und Oliver das Unternehmen aus der Taufe gehoben. Nukleus der Betriebsgründung war dabei die seit 1896 in Familienbesitz befindliche Tischlerei im westfälischen Ascheberg. Tischlermeister Oliver Stattmann leitet den Betrieb, der neben der seriellen Möbelproduktion auch individuelle Stücke und Einbauten realisiert. Auch Nicola Stattmann hat eine Ausbildung im Tischlerhandwerk absolviert, anschließend dann Produktdesign studiert. Die Fertigung und damit die Qualität liegen vollständig in eigener Hand und bilden zusammen mit ihrem gemeinsamen Verständnis für zeitgemäßes Design die Basis für die frischen Produkte des jungen Unternehmens. Die Entwürfe kommen von jungen Designern mit einem zeitgemäßen, internationalen Blick. Der Münchener Steffen Kehrle ist vertreten, Florian Hauswirth aus der Schweiz, die Belgier Marina Bautier und Sylvain Willenz. Bei Stattmann Neue Moebel funktioniert die naheliegende, jedoch viel zu selten gesehene Verbindung von familiär betriebenem Handwerk und aktuellem Design.

Behutsame Markenpflege
Bei Interlübke hingegen sind die Zeiten als Familienbetrieb endgültig vorbei. Schweren Herzens hat Leo Lübke das Unternehmen in der dritten Generation an private Investoren abgegeben. Seit Oktober 2014 führen nun Peter Rutishauser und Richard Lenz die Traditionsfirma als geschäftsführende Gesellschafter und sehen für Marke und Unternehmen eine gute Chance. „Wir müssen uns natürlich Gedanken machen über aktuelle und zukünftige Produkte und das Markenbild“, analysiert Rutishauser die Situation. Interlübke ist mit hochwertigen Schrankwänden groß geworden und wird als Marke bis heute mit diesem Systemmöbel verbunden. Die Bekanntheit der Marke ist hoch, die Wahrnehmung der Produktpalette über die Schranksysteme hinaus begrenzt. Neue Designideen sollen helfen, das äußere Markenbild zu verändern, ohne Kernwerte wie die hohe Verarbeitungsqualität aufzugeben. Fünf Designer, drei Männer, zwei Frauen, haben erste Produktskizzen für Solitärmöbel geliefert, die gestalterische Updates im Produktportfolio andeuten. „Diese Ideen sind im besten Sinne des Wortes work-in-progress." Peter Ruitshauser glaubt an das Potenzial der Marke Interlübke, weiß aber auch, dass die Zeit drängt: „Bei der Produktentwicklung sind wir schon spät dran für 2016. Doch wir müssen auch behutsam vorgehen.“ Eine starke Marke kann helfen, Krisenzeiten zu bewältigen, muss aber auch unter Druck einfühlsam gemanagt werden.

Unternehmensmodell einer neuen Generation
(Fast) ganz auf Online-Business setzt das Berliner Unternehmen Sitzfeldt. Einfach Sofa lautet der Slogan der 2010 gegründeten Firma, der schon eine erste Beschränkung bei der Produktauswahl andeutet. Als Hersteller Sofas direkt ohne die Zwischenstation Handel zu verkaufen, steigert ohne Zweifel die Marge. Das Ganze über das Internet zu realisieren, scheint auf den ersten Blick jedoch nicht besonders vielversprechend, schließlich wollen die (meisten) Kunden vor dem Kauf doch einmal auf dem Sofa Platz nehmen und mit der Hand über den Bezugsstoff streichen. Doch die positive Geschäftsentwicklung und auch die geringe Retouren-Quote bestätigen die Unternehmensidee. Dem Wunsch der Kunden nach einem realen Produkterlebnis vor dem Kauf kommen die jungen Unternehmensgründer Anna Deyerling, Julius Martini und Clemens Deyerling mit Showrooms in Berlin und Köln nach. „Ein Sofa ist für uns kein bloßer Gebrauchsgegenstand, sondern Lebensmittelpunkt und Designobjekt zugleich“, unterstreicht Julius Martini den Anspruch. Da hilft die Zusammenarbeit mit Designern wie Sebastian Herkner und Steffen Kehrle, die das Lebensgefühl einer jungen Klientel treffen, die Möbel genauso selbstverständlich online kauft wie Mehrkornbrötchen beim Biobäcker.

Alle Beispiele finden Sie in der Bildergalerie über diesem Text.

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