imm cologne 2019: Schminkstation am Rhein

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Text: Norman Kietzmann

Die Kölner Möbelmesse imm cologne macht auf gute Laune. Die Aussteller inszenieren eine Welt mit kunterbunten Farben und niedlichen, runden Formen. Alles ist weich, alles im Schwung. Nichts soll der Gemütlichkeit Abbruch tun. Und doch bleibt erstaunlich wenig davon hängen. Während die meisten Neuheiten in den Rückspiegel schauen, gewinnen die Ikonen der Vergangenheit an Profil.

Die Gegenwart hat es nicht leicht in diesen Tagen. Einfach übermächtig wirkt die Armada der Klassiker, die im großen Bauhaus-Jahr umso stärker an Präsenz gewinnt. Die Messlatte ist hoch gelegt, keine Frage. Und doch ist es überraschend, wie zaghaft den Ikonen von gestern etwas von heute entgegengesetzt wird. „Vom Bauhaus kann man lernen, daß man in der jeweils gegebenen Situation, also heute, innovativ sein muß! Vom Bauhaus lernen heißt also gerade nicht, das Bauhaus wiederholen“, hat der Soziologe und Designdenker Lucius Burckhardt treffend in seiner Eröffnungsrede zur Gestaltungsfakultät an der Universität Weimar 1993 formuliert. Es geht um permanente Veränderung und Erneuerung und nicht um Retro. 

Griff in den Farbtopf
Bauhaus wird heute jedoch eher als ein Stil und weniger als eine Haltung verstanden. Genau darin liegt das Problem. Viele Neuheiten, die einem in den designaffigen Hallen dieser Möbelmesse begegnen, wirken wie dreidimensionale Mood-Boards. Sie spielen in typischer Bauhaus-Manier mit geometrischen Grundkörpern. Das wirkt gefällig, nett, doch leider völlig austauschbar, weil nur die Form kopiert und der Inhalt vergessen wird. Um dieses Manko auszugleichen, erfolgt ein beherzter Griff in den Farbtopf: die Allzweckwaffe dieser Tage, um etwas Gewöhnliches mit dem Anschein des Besonderen zu adeln.

Es spricht Bände, dass viele einprägende Messeerinnerungen von Klassikern kommen. Neue Farben lassen die Ikonen frisch erscheinen und erden sie in der visuellen Sensibilität der Gegenwart. Knoll International inszeniert die Möbel von Mies van der Rohe in einem von Rem Koolhaas/OMA gestalteten Messestand, der gleich mehrere Gebäude des einstigen Bauhaus-Direktoren miteinander verschmilzt: Haus Esters und Haus Lange in Krefeld (1927), Weissenhof-Siedlung (1927) in Stuttgart, Barcelona Pavillon (1929) und Villa Tugendhat in Brno. Der Barcelona Chair wird in dieser Umgebung als limitierte Edition in einem dunkelgrünem Lederbezug und schwarz getönten Chromgestell präsentiert. Ein Facelift, das ihn näher in den Alltag rückt und weniger museal erscheinen lässt.

Day Bed von Eileen Gray mit schwarzem Rahmen. Foto: Classicon 

Zeitreisende Chamäleons
Gleich mehrfach wird Stahlrohr in seiner technischen Präsenz zurückgefahren. Classicon zeigt das Day Bed (1925) von Eileen Gray erstmals mit einem schwarzen Rahmen. Thonet legt den Beistelltisch MR 515 von Mies van der Rohe mit einem tiefschwarz pulverbeschichteten Gestell und dunkel getönter Glasplatte auf – mit Farbberatung durch das Büro Besau Marguerre. Vitra verordnet den Gestellen der Eames Aluminum Chairs ebenfalls einen Chrom-Verzicht und lässt sie damit deutlich wohnlicher wirken. Um die Passfähigkeit mit unterschiedlichen Stilen zu demonstrieren, werden am Vitra-Stand drei Wohnsituationen für die Städte Tokio, Paris und London in Szene gesetzt. Ergo: Man muss nicht immer Neues liefern. Viel wichtiger ist es, die Wandelbarkeit von Entwürfen zu optimieren, damit sie in unterschiedlichen Funktionen und Umgebungen zum Einsatz kommen.

Virtuelles Spektrum
Einen Bezug zur Moderne hat das Label New Tendency. Dessen Gründer haben an der Bauhaus Universität in Weimar studiert und ihr Unternehmen zuerst My Bauhaus is better than yours getauft, bis sie von einer großen Baumarktkette per Anwaltsschreiben zu einer Namensänderung gedrängt wurden. Der von Mike Meiré gestaltete Messestand zieht in einem leuchtenden Grünton die Blicke auf sich. Dank einer eigens entwickelten Smartphone-App kann die Farbe des Raums auf einer kreisförmigen RGB-Skala frei verändert werden. In Zukunft, so der Plan, sollen die Kunden die Farben ihrer Objekte frei bestimmen können – und dabei gleich aus Millionen verschiedenen Töne wählen können und sich nicht auf eine limitierte Palette begrenzen müssen. An dieser Stelle schließt sich der Kreis zum Original-Bauhaus, dessen Gründer Walter Gropius allen Schwarz-Weiß-Grau-Verfechtern entgegenhielt: „Bunt ist meine Lieblingsfarbe!“

Sanfte Moderne
Selbst im Badezimmer darf Farbe nicht fehlen, wie Stefan Diez mit der modularen Schrank- und Regalserie rgb für Burgbad beweist. Für die Seitenwände und Ablagen kommen Scheiben aus transparentem Verbundsicherheitsglas zum Einsatz, die sich gegenseitig überlagern und bunte Schatten über Wand und Boden wandern lassen. Das Zusammenspiel aus sinnlichen Farben und Interferenzen bringt Marie Christine Dorner mit ihrer gläsernen Vasenserie T für Ligne Roset zur Vollendung. Sebastian Herkner ergänzt seinen Barwagen Grace von Schönbuch um den Beistelltisch Albert. Dessen runde Ablagen werden von filigranen, vertikalen Streben in Position gehalten und setzen in den Farbtönen Rosenholz, Nachtblau oder Tomatenrot Akzente. Die Trennung zwischen Wohnen und Arbeiten überbrückt der Systemmöbelhersteller Piure mit dem Aufbewahrungssystem Link (Design: Studio Piure), das vielfältige Kombinationsmöglichkeiten erlaubt und in einer breiten Farbpalette zur Auswahl steht.

Rund satt Eckig
Wie überdimensionale Dropse wirken die gepolsterte Sitzbank und Hocker aus der Kollektion Anza, die Rui Pereira und Ryosuke Fukusada für den dänischen Möbelhersteller Please Wait to be Seated gestaltet haben. Seine Vorliebe für klare Kanten hält Philipp Mainzer bei seinem Massivholztisch Ashida für e15 bewusst zurück und lässt die Tischenden als Halbkreise auslaufen. Auf subtilen Kurvenschwung setzen Jehs + Laub mit dem Polsterstuhl Alvo für Cor, dessen Kunststoffschale durch seitliche Einschnitte für Flexibilität am Rücken sorgt. Zeitlose Qualitäten bringt die gepolsterte Stuhlfamilie Biala von Mathias Seiler für Girsberger ein. Mit ihren runden Sitzflächen und umlaufenden Lehnen machen die Möbel am Esstisch wie im Konferenzraum gleichermaßen eine gute Figur. Mit leicht comic-haften Proportionen überrascht der Sessel Astair von Pierre Charpin. Das von Ligne Roset produzierte Möbel kombiniert einen schlanken Stahlrohrrahmen mit zylindrischen Polsterarmlehnen und einer an Micky-Maus-Ohren erinnernde Kopfstütze.

Sessel Maraca von Sebastian Herkner für Ames. Foto: Andres Valbuena

Kulturelle Dialoge
Den frühen Messetermin im Januar nutzen viele Hersteller, um rechtzeitig vor Frühlingsbeginn ihre Outdoor-Neuheiten auf den Markt zu bringen. Am Stand von B&B Italia ist Antonio Citterio sogar ein Stück weit über seinen eigenen Schatten gesprungen. Der Mailänder Gestalter ist sonst eher für zurückhaltende Formen mit einfarbigen Oberflächen bekannt. Doch mit seiner neuen Outdoor-Kollektion Ribes schwelgt er plötzlich in warmen Streifenmustern und farblich abgesetzten Kanten, für die er sich auf Reisen nach Südafrika inspirieren ließ. Die bestehende Mirto-Kollektion wird um Tische mit dekorativen Kacheln ergänzt, die aus Lavastein oder aus recyceltem Elektroschott gearbeitet sind und Citterios Œuvre um eine sinnliche Facette bereichern.

Stilistische Schulterschlüsse stehen ebenso bei Ames hoch im Kurs. Der deutsch-kolumbianische Hersteller hat die umfangreiche Kollektion von Sebastian Herkner um den Sessel Maraca erweitert, dessen Sitzfläche und Rückenlehne aus einem gestreiften Textil gefertigt sind, das normalerweise für Hängematten Verwendung findet. Auf dieser imm cologne werden auch die ersten Entwürfe präsentiert, die Pauline Deltour für Ames angefertigt hat. Spannend ist vor allem der Hocker Cana, der mit einer Sitzfläche aus geflochtenen Palmenblättern aufwartet – eine Technik, die in Kolumbien normalerweise zur Herstellung von Sombrero-Hüten verwendet wird. 

Ideen statt Schminke
Interessant wird es in solchen Momenten: Wenn die Designer nicht nur im Formenkanon von gestern stochern, sondern ungewöhnliche und inspirierende Transfers herstellen. Natürlich wird auch damit das Rad nicht neu erfunden, dafür sind bislang einfach zu viele Dinge ausprobiert worden. Doch es reicht nicht, eine Welt mit kunterbunten Farben und niedlichen, runden Formen zu inszenieren, die man nach Sekunden schon wieder vergessen hat. Die Bauhaus-Klassiker beschäftigen uns bis heute, weil sie zu ihrer Entstehungszeit sperrig und nicht gefällig waren. Sie basieren auf Ideen und nicht dem Einsatz von Schminke. Genau davon hätte man gerne mehr gesehen. 

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