interzum 2019: Innovationen an der Basis

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Text: Tanja Pabelick

Die interzum ist so etwas wie die Kristallkugel der Möbelindustrie. Denn die Produkte, die alle zwei Jahre auf der internationalen Messe für Möbelfertigung und Innenausbau in Köln gezeigt werden, beeinflussen maßgeblich den Kompass einer ganzen Branche. Wie werden sich unsere Lebenswelten verändern? Welche Materialinnovationen werden Objektkultur und Architektur prägen? Und was macht die Digitalisierung mit uns und unseren Dingen?

Vorweg geschickt werden muss der Vorschau auf die interzum in diesem Jahr ein Glückwunsch: Die Fachmesse wird 60 – und ist mehr denn je engagiert, unsere Produktwelt nachhaltig zu verändern. Vom 21. bis zum 24. Mai finden im Jubiläumsjahr 2019 in Köln die vier Tage der Innovationsschau statt, die sich zur besseren Übersichtlichkeit in drei Segmente unterteilt. Function & Components bündelt Halbzeuge für die Möbelproduktion und alles rund ums Thema Licht, Materials & Nature widmet sich Werkstoffen und ihrem Finish und der Bereich Textile & Machinery zeigt Maschinen, Produktionsinnovationen und Textilien – die vor allem in der Möbelfertigung zum Polstern und Beziehen eingesetzt werden. Dass die Messe dabei das größte Branchenevent und von internationaler Relevanz ist, belegen die Zahlen der letzten Ausgabe 2017: Vier Fünftel der 1.800 Aussteller und 70.000 Besucher kamen aus dem Ausland.

Parallel zu den Ausstellerflächen wird auf der interzum die aktuelle thematische Essenz der Branche in Sonderschauen beleuchtet und zur Diskussion gestellt. Im Jubiläumsjahr gibt es mit Tiny Spaces – Living in compact homes und Digital Printing zwei neue Sonderflächen. Darüber hinaus werden vier Piazze von eingeladenen Experten kuratiert, die Neuheiten aus den Hallen in einen erläuternden Kontext stellen, aber auch Prototypen und Studien aus der Forschung zeigen und innovative Materialien im Detail vorstellen. Die Sonderschauen sind die Bühne für Premieren und die stillen Helden von morgen, und zeigen den Fortschritt bevor er im fertigen Produkt implementiert wird. Thematisch arbeiten sie sich durch die Bereiche, die das Design auf breiter Front derzeit bewegen: Ressourcenverknappung und ökologische Verantwortung, alte Handwerkstechniken und generative Fertigung, Digitalisierung, Auflösung, Verkleinerung und Mobilisierung der Wohn- und Lebensräume.

Piazza Disruptive Materials
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Piazza Disruptive Materials: Die Pioniere der Werkstoff-Revolutionen
Einer der regelmäßigen Gäste der interzum ist Dr. Sascha Peters. Der Materialexperte ist Gründer der Berliner Zukunftsagentur Haute Innovation und Spezialist für innovative Werkstoffe, die auf Recycling setzen, im 3D-Druck entstehen oder als Smart Materials auf ihr Umfeld reagieren. Die in diesem Jahr von Peters kuratierte Schwerpunkt-Ausstellung hat disruptive Materialien zum Schwerpunkt – und verspricht eine der interessantesten Analysen unter den Satelliten der interzum zu sein. Denn Fortschritte in der von uns gestalteten Umwelt beginnen in der Regel bei den Werkstoffen. Sie implementieren die Zukunftsszenarien, dann in der Realität. „Während Innovationen einen bestehenden Markt weiterentwickeln, schaffen Disruptionen einen neuen“, erklärt Dr. Peters. „Für den Verbraucher ist der Effekt einer disruptiven Veränderung in der Regel erst zeitversetzt spürbar.“ Alte System werden demnach komplett ersetzt. Leichter, dünner, flexibler, verschleisssicher – mit diesen Adjektiven beschreiben sich die Exponate von Disruptive Materials.

Unterteilt wird die Schau in mehrere Themenfelder, die die neuen Talente der Materialien immanent logisch ordnen. Im Bereich der Digital Materials & Smart Systems zeigen die ausgestellten Objekte integrierte Sondertalente. Holz wird magnetisch und Textilflächen lassen sich beheizen – die Optik eines Materials lässt längst keine Eigenschaftskategorisierung mehr zu. Und auch ihr Ursprung lässt sich nicht mehr einfach am Erscheinungsbild ablesen. Was nach Leder aussieht, wird tatsächlich aus Pflanzenfasern gefertigt und der MycoTree entsteht dank mikroskopisch-kleiner Baumeister. MycoTech basiert auf landwirtschaftlichen Abfällen, die mit Pilzmycel verbunden werden. Bio-based Materials and Natural Growing Processes ist dieser Teil der Ausstellung betitelt, der selbst in menschlichem Haar als Zuschlagmaterial Potential findet. Daneben gibt es die neuesten Entwicklungen aus Leichtbau und Ressourceneffizienz und produktionsbezogene Innovationen zu entdecken – unter anderem den aktuellen Entwicklungsstand der Architektur aus dem 3D-Drucker.

Piazza Digitalization: Der Konsument im Fokus
Viele Revolutionen starten heute im Digitalen. Die auch als „vierte industrielle Revolution“ bezeichnete Entwicklung ist kein Neuland, sondern vielmehr ein in unserer Zeit omnipräsentes Thema. Die neue Piazza Digitalization bietet deshalb keinen allgemeinen Überblick, sondern einen fokussierten Einblick. Wie kann die Digitalisierung in der Möbelherstellung sinnvoll als Werkzeug eingesetzt werden, wie hilft sie Konsumentenerwartungen gerecht zu werden? Zusammenfassen lässt sich das Thema der Ausstellung als Service Design – und reicht von den Möglichkeiten der Individualisierung über die Automatisierung im Smart Home bis zur Nachhaltigkeit. Letztere ist heute nicht nur in der Produktion und Entsorgung als Kaufargument relevant, sondern auch während der Lebenszeit eines Objektes. Das Mieten von Möbeln wird mittlerweile von vielen Kunden als interessantes Modell wahrgenommen – vor allem im Objektbereich.

Piazza Mobile Spaces: Überall und Irgendwo
Die Menschen sind heute flexibler, mobiler und nomadischer, Büro- und Wohnflächen sind schon lange nicht mehr die einzigen Räume, in denen gelebt und gearbeitet wird.  Die Piazza Mobile Spaces widmet sich deshalb der Ausstattung mobiler Räume – vom Auto und Zug bis zum Flugzeug, aber auch abseitigeren, wenn nicht minder interessanten Orten wie etwa Kreuzfahrtschiffen. Fortbewegung ist heute  so individuell wie die Transportmittel. Im Gegensatz zu stationären Räumen müssen zu Land, Wasser, Luft oder Schiene die jeweiligen Umstände und Sicherheitsanforderungen berücksichtigt werden – ohne dass der Komfort darunter leidet. Allerdings spielt der Fortschritt dem Design auch in die Hände: Wenn beispielsweise unsere Fahrzeuge in Zukunft autonom reisen, kann die Technik sich großflächig unsichtbar machen und zum Beispiel das Auto zum ausgelagerten Wohn- und Arbeitsraum werden. Das sinnliche Erleben spielt in solchen Räumen eine besondere Rolle – Flächen werden nicht vorrangig visuell, sondern ebenso haptisch erlebt.

Piazza Surfaces & Wood Design: Materialien zum Anfassen
Aktuelle Möglichkeiten und Entwicklungen zum Thema Oberflächengestaltung und ihrer Sensorik können die Besucher auf der Piazza Surfaces & Wood Design erleben. Das beginnt schon bei der Ausstellungsfläche selbst. Als Display für die Exponate wirken Baustahlmatten und die Musterflächen liegen an großen Tischen aus, wo sie direkt befühlt und diskutiert werden können. Kuratiert wurde diese Piazza von der Trendexpertin Katrin de Low, die bereits auf der vergangenen interzum für den Bereich Oberflächen verantwortlich war. „Wir wollen die Entwicklungen der Hersteller erlebbar machen und aus der großen Menge der Neuentwicklungen die wichtigsten in den Fokus nehmen,“ erläutert sie die Intention hinter der Sonderfläche. 

Die interzum ist eine einmalige Plattform für Innovationen und wirft als solche nicht nur einen Blick auf die Herstellerkataloge von morgen, sondern auch auf aktuelle gesellschaftliche Strömungen. Aus ihrem Möglichkeitsspektrum wird sich das Wohnen und Leben entwickeln und damit auch die Produkte, die uns in diesem Leben noch begleiten werden. Als Messe ist sie nicht nur eine Produkt- und Materialschau, sondern auch ein spannendes Kaleidoskop für die Zukunft der Dinge. Mehr Information finden Sie schon jetzt im Blog der interzum – Karten gibt es vorab im Ticketshop der Koelnmesse.

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