Überflüssiges im Überfluss: Ambiente 2009

9

Text: Jasmin Jouhar


Das sind die Zahlen: 4.446 Hersteller aus 86 Ländern, 186.000 Quadratmeter Fläche und 135.000 Fachbesucher. Wohl zu Recht bewirbt die Frankfurter Messegesellschaft die Ambiente als „weltgrößte Konsumgütermesse“ für Essen und Trinken, Schenken und Wohnen, auch wenn in diesem Jahr rund 100 Aussteller weniger als 2008 ihre Produkte zeigten. Mit etwas bösem Willen könnte man angesichts der Unmengen von Nippes und mittelmäßigen Dekoobjekten, die bis vorgestern in den Hallen zu besichtigen waren, aber auch von der „weltgrößten Staubfängeransammlung“ sprechen. Doch zwischen all den Verzichtbarkeiten haben wir das eine oder andere schöne, innovative und funktionale Produkt entdeckt, das wir Ihnen nicht vorenthalten möchten.

Das Angebot der Messe gliederte sich in die drei Bereiche „Dining“, „Giving“ und „Living“, eher etwas grobe Kategorisierungsversuche, um die schiere Masse der Aussteller zu sortieren. Die Messehallen waren gut besucht, vor allem am traditionell lebhaften Samstag drängten sich die Menschen in den Gängen und auf den Rolltreppen. Die Messegesellschaft meldete acht Prozent mehr Besucher aus dem Inland als im vergangenen Jahr. Bei den ausländischen Gästen gab es allerdings einen Rückgang.
Auch die Ambiente blieb also nicht von den Auswirkungen der schwierigen wirtschaftlichen Lage verschont. Hier und da klafften einige wenige Lücken in den Standreihen, wo Hersteller kurzfristig abgesagt hatten. Im Vergleich zum Vorjahr waren rund 100 Aussteller weniger angereist, eine großflächige Verödung wie kürzlich bei der Kölner Möbelmesse machte sich jedoch nicht breit. Insgesamt zog die Messegesellschaft ein weitgehend positives Fazit der Ambiente 2009: „Vom allgemeinen Konjunkturabschwung war während der weltgrößten Konsumgütermesse wenig zu spüren.“

Pleitefirma Rosenthal mit dabei

Wie ein trotziges „jetzt erst recht“ wirkten die opulenten Stände des insolventen britischen Porzellanherstellers Wedgwood und seinem Tochterunternehmen Rosenthal aus Deutschland. Der Insolvenzverwalter von Rosenthal hatte als eine seiner ersten Entscheidungen im Januar den Messeetat für die Ambiente genehmigt und damit deutlich signalisiert: Es soll weitergehen bei dem seit 130 Jahren bestehenden Hersteller.

Designpreise der Bundesrepublik verliehen

Zum Auftakt der Ambiente verlieh der Rat für Formgebung die Designpreise der Bundesrepublik Deutschland – dieses Jahr feiert die Auszeichnung, einst als „Bundespreis Gute Form“ gestartet, ihren 40. Geburtstag. In einer feierlichen Zeremonie mit musikalischem Rahmenprogramm und honorigem Publikum konnten die insgesamt 25 Gewinner ihre gläserne Preisskulptur entgegennehmen.
Fünf Mal vergab die Jury den Preis in Gold, unter anderem an den Taschenhersteller „Freitag“ für seinen Laden in Zürich und an die Agentur „IDEO“ und „Yello Strom“ für einen Stromzähler. Silber gab es unter anderem für eine Küchenreibe von Tools Design, den Hocker „Plopp“ von Oskar Zieta, das Sofa „Lava“ von Studio Vertijet, ein Trennwandsystem von Bene und einen Werbespot der Organisation „Tinnitus-Hilfe“. Insgesamt waren 1.240 Entwürfe aus dem Produkt- und Industriedesign und dem Kommunikationsbereich nominiert worden.

Richard Sapper für sein Lebenswerk geehrt


Der Höhepunkt der Zeremonie war zweifellos die Verleihung des Preises für ein Lebenswerk an die deutsche Designlegende Richard Sapper, den Schöpfer der Leuchte „Tizio“ und des Fernsehers „Algol“. Die Laudatio auf Sapper hielt Florian Hufnagl von der Designsammlung der Pinakothek der Moderne in München. Er würdigte die Entwürfe Sappers als „Meilensteine des Designs“.

Gute Produkte und dreiste Kopien

Mit dem Preis „Design Plus“ zeichnet die Ambiente selbst Produkte rund um Hausrat, Küche und Tisch aus. Die Jury wählt dabei aus dem Angebot der auf der Messe vertretenen Hersteller aus. Das Gros der 24 Prämierten stellten bekannte Namen wie Alessi, WMF, Normann Copenhagen, Iittala oder Arzberg.
Ein Designpreis der ganz anderen Art ist der „Plagiarius“, der alljährlich für besonders unverschämte Kopien vergeben wird. In diesem Jahr schlugen die Produktpiraten unter anderem bei Reisenthel, Koziol und Zwilling zu. In einer Ausstellung konnten die Messebesucher das Original „Made in Germany“ und die Kopie, meist chinesischer Herkunft, vergleichen und sich über die Dreistigkeit der Kopisten wundern.

Beliebiges Marketinggequatsche

Ein Besuch auf einer Messe ist immer auch eine Jagd nach Neuheiten: Welche Farben und Formen sind angesagt? Welche neuen Materialien werden benutzt? Welches Thema steht im Vordergrund? Das sind die Fragen, mit denen Händler, Presse und Produzenten beim Gang durch die Hallen Schneisen in das unüberschaubare Angebot zu schlagen versuchen. Die Messegesellschaft wollte dabei helfen und beauftragte daher zum zweiten Mal das „Stilbüro Borka Herke“ mit einer kleinen Trendschau: Die Kreativen der Agentur waren sich einig, dass wir in diesem Jahr in vier Trendwelten leben werden: beispielsweise „anmutig couturig feminin“ im Trend „feel grace“ oder „lebendig einfach authentisch“ im Trend „enjoy calm“ – soweit das beliebige Marketinggequatsche. Angesichts der gefühlt zehn Millionen Produkte auf der Ambiente dürfte ohnehin jeder noch so abseitige Mikrotrend zu diagnostizieren sein, wenn man nur will. Statt wolkiger Zukunftsprognosen halten wir uns lieber an die real existierenden Neuheiten.

Schnüre aus Porzellan

Rosenthal hatte in Halle 10 gleich mehrere Stände aufgebaut, die sich um einen zentralen Empfangstresen wie ein kleines Dorf um den Brunnen gruppierten. In allen Produktlinien konnte der Hersteller mit Neuheiten aufwarten – Studio-Line präsentierte unter anderem eine Serie delikat gearbeiteter Schalen aus Porzellanschnüren namens „Kordellporzellan“, entworfen von Silke Decker. Die Italiener von Alessi hatten das Service „Tonale“ im Gepäck – der britische Architekt David Chipperfield liess sich dafür von der gravitätischen Schlichtheit der Gefäße auf den Stillleben des Malers Giorgio Morandi inspirieren. Der Schweizer Hersteller Kuhn Rikon zeigte die Topfserie „Cook & Serve“: Schon der Name weist daraufhin, dass diese formschönen Töpfe nicht nur zum Kochen, sondern auch zum Warmhalten und Servieren gedacht sind.

Preiswürdiges dänisches Design

„Slow Cooker“ heißt das innovative, asiatisch inspirierte Kochgefäß, das die niederländische Firma Royal VBK vorstellte. Darin können Gerichte schonend im Backofen gegart werden. Bodum präsentierte die Lösung für ein ganz spezielles Problem aus dem Bereich Küche: eine Aufbewahrungs- und Transporttasche für Baguettes und andere längliche Objekte in der passenden Form.
Etwas universeller einsetzbar ist das neue Produkt von Tools Design für Eva Solo: Für ihre Allzweck-Küchenreibe „Raspelbecher“ erhielten die beiden dänischen Designer den Designpreis der Bundesrepublik in Silber. Auch aus Dänemark kommt die runde Schneidbrett-Tablett-Kombination von der Firma Menu. Sie besteht aus einem Bambusbrett mit passendem Melaminteller. Der traditionsreiche dänische Porzellanhersteller Royal Copenhagen erweitert seine Produktpalette um eine modern gestaltete Serie von Küchenutensilien namens „Function“.
Le Creuset hat sich dem traditionellen marokkanischen Kochgefäß „Tagine“ angenommen und es im markentypisch-farbstarken Look zeitgemäß interpretiert. Reichenbach erregte viel Aufmerksamkeit für sein neues Porzellan-Service „Taste“ der Designerin Paola Navone. Die Teller und Platten fallen durch extravagante Umrisslinien auf.

Feines Porzellan von Designstudenten

Auch der Designnachwuchs hatte seine Plattform auf der Ambiente: Unter dem Titel „Talents“ präsentierten 28 Nachwuchskräfte ihre Entwürfe. Aber während die gleichnamige Sektion der Kölner Möbelmesse quirlig und erfolgreich ist, wirkten die wenigen kleinen Stände in einer Ecke der Halle 6.0 wie abgeschoben. Viel los war nicht, und besonders überzeugend waren die Produkte der Jungen auch nicht. Strategisch günstiger platziert war die kleine Ausstellung „Functional Gifts“ im Foyer von Halle 10, die Arbeiten von Studenten der Design-Hochschule Burg Giebichenstein in Halle zeigte. Zu sehen waren Porzellanobjekte, die in einem Kooperationsprojekt mit der thüringischen Firma Kahla entstanden waren. Einige der feinen und hochwertigen Objekte hätten durchaus das Zeug zur Serienproduktion.
Als Lückenbüßer für einen abgesprungenen Aussteller fungierte eine Installation von Designstudenten der HfG Karlsruhe in der Halle 10: Sie füllten eine leere Standfläche mit ganz verschiedenartigen Sitzmöbeln, die sie sich in Cafés, Restaurants, Institutionen und Firmen des Rhein-Main-Gebiets ausgeliehen hatten. Das bunte Sammelsurium war zumindest eine nette Anlaufstelle für ermattete Messebesucher.

Umstrukturierung für das Jahr 2010 angekündigt

Für das kommende Jahr kündigte die Messegesellschaft eine Umstrukturierung der Ambiente an, um sie „effizienter und zielgruppengerechter“ zu machen. Die drei Sektionen „Dining“, „Living“ und „Giving“ werden anders über das Gelände verteilt - damit soll der jeweilige Platzbedarf besser organisiert werden. Außerdem sollen bekannte Markenhersteller und Hersteller von designorientierten Produkten in bestimmten Bereichen konzentriert werden. Das ist sicher eine gute Idee, verlor sich doch beispielsweise Rosti Mepal, ein Hersteller von gut gestaltetem Kunststoffgeschirr, zwischen Ständen voller billiger Plastikeimer und Aufbewahrungsboxen für das Discountersortiment.
Ansonsten aber werden wir wohl auch im kommenden Jahr wieder die weltgrößte Ansammlung von überflüssigen Dingen besichtigen dürfen. Eigentlich eine schöne Aussicht, denn ein Leben ohne schönen Schnickschnack wäre einfach fad.

Alle Neuheiten der interessantesten Hersteller und Designer auf einen Blick.